
Arachi, das Pumpgenie
Die Steuerbeitreibung
Der Aufstieg des Kaisers
Der Sturz des Kaisers
Die Ermordung Olandis
Der Schrittzähler
Bosambos Bruder
Der Thron der N'Gombi
Der Kichu
Das Opferkind
»Sie«
Die Gesandten
Hinterlader im Besitz der Akasava
Arachi, das Pumpgenie
Vor vielen Jahren bestrafte die Regierung von Liberia einen gewissen
Bosambo, einen Eingeborenen der Kruküste, mit lebenslänglicher
Zwangsarbeit. Bosambo, der anderer Meinung über diese
Angelegenheit war, erhielt in der Strafniederlassung, einem Streifen
Urwald im Hinterland, eine Axt und eine Säge mit dem Befehl, in
Gesellschaft anderer Unglücklicher, die sein Los teilten, Maha-
goniholz zu fällen und zu behauen.
Um sich Bosambos Gehorsam zu sichern, setzte das Govern-
ment von Liberia eine Anzahl seiner Landsleute als Wächter über
ihn. Diese waren mit Waffen versehen, die bei Gettysburg gute
Dienste geleistet hatten und die ein Geschenk des Präsidenten
Grant an den Präsidenten von Liberia waren. Malerisch genug
nahmen sich diese Waffen aus, doch waren sie nicht allzu wirksam,
am wenigsten in den Händen der unerfahrenen Soldaten der mon-
rovianischen Armee. Bosambo, der seine Axt zu einem unedlen
Zweck gebrauchte, indem er den »Hauptmann« Cole damit er-
schlug (der nach dem liberianischen »Gothaischen Kalender« von
edler Geburt war), verließ die Strafniederlassung mit leidenschaft-
licher Hast. Mit den Gettysburger Reliquien machte man aus
zweihundert Yard Entfernung Zielübungen auf ihn. Aber Bosambo
war bereits eine Meile weit entfernt, ehe die Wachen sich Munition
für ihre tödlichen Waffen besorgt hatten, da sie erst den Leichnam
ihres toten Kommandanten nach dem Schlüssel zur Munitions-
kammer absuchen mußten.
Das Government setzte eine Belohnung von zweihundertund-
fünfzig Dollar für den toten oder lebendigen Bosambo aus. Aber
obwohl diese Belohnung von dem Halbbruder des Kriegsministers
beansprucht und ihm auch gezahlt wurde, ist es eine Tatsache, daß
man Bosambo niemals ergriff. Im Gegenteil, er entkam nach einem
fernen Land und wurde dort, dank seiner Talente, Häuptling der
Ochori.
Bosambo war ein zu guter Sportsmann, um seine Verfolger in
Ruhe zu lassen. Es ist kaum zu bezweifeln, daß die Krurevolte, die
zu unterdrücken das liberianische Government achthundertein-
undzwanzig Pfund Sterling und sechzehn Schilling kostete, der
Aufwiegelei und Unterstützung Bosambos zu danken war. Von
dieser Revolte und der Rolle, die Bosambo dabei spielte, wird viel-
leicht später noch zu sprechen sein.
Der zweite Aufstand war eine noch ernstere und noch kostspie-
ligere Sache, und am Ende dieser Revolte erhob das liberianische
Government Vorstellungen bei Großbritannien. Distriktsgouverneur
Sanders, der gänzlich unbeeinflußt untersuchte, inwieweit
Bosambo in diese Angelegenheit verwickelt sei, berichtete, daß es
keinerlei Beweise dafür gäbe, daß Bosambo, sei es direkt oder indi-
rekt, dafür verantwortlich gemacht werden könne. Damit mußte
sich das liberianische Government zufriedengeben. Aber es
drückte seine Meinung dadurch aus, daß es eine Belohnung von
zweitausend Dollar für den lebendigen oder toten Bosambo - lieber
für den lebendigen - aussetzte. Es fügte außerdem als besonderen
Hinweis für kleine Governmentsbeamte und ihresgleichen hinzu,
daß es - wie es in der betreffenden Veröffentlichung lautete - jeden
Ersatz für ihn zurückweisen würde. Die Nachricht von dieser
Belohnung lief die Küste auf und nieder und drang sehr weit ins
Innere. Aber seltsam genug, Arachi von den Isisi erfuhr erst viele
Jahre später davon.
Arachi war Isisimann und ein großes Pumpgenie und allen Leuten
stromauf- und abwärts als solches so bekannt, daß sich bereits bei
seinen Lebzeiten zahlreiche Legenden um ihn bildeten. Wenn sich
zum Beispiel Yokas Weib von O'takis Weib einen Kochtopf lieh,
so konnte man sicher sein, daß O'takis Weib ihr den Willen tat;
aber mit einem anzüglichen Scherz rief sie dem sich entfernenden
Topf nach: »O du schamloser Arachi!« Und die Dorfbewohner, die
den Scherz hörten, schüttelten sich vor Lachen.
Arachi war ein Häuptlingssohn; aber in einem Land, wo die
Häuptlingswürde nicht erblich war und wo es überdies Häupt-
lingssöhne in Mengen gab, gereichte ihm seine Abstammung nicht zu
besonderem Vorteil. Auf jeden Fall war sie ihm nicht von solchem
Nutzen, wie er es für angebracht hielt.
Arachi war lang und dünn, und seine Knie waren sonderbar
knorrig gedreht. Er hielt seinen Kopf wichtigtuerisch nach einer
Seite geneigt und hegte tiefe Verachtung für seine Mitmenschen.
Eines Tages kam er zu Sanders.
»Herr«, sprach er, »ich bin ein Häuptlingssohn und ungeheuer
klug. Leute, die mich sehen, sagen: >Seht, dieser junge Mann ist voll
geheimer Kräfte!< Man sieht's mir an. Außerdem bin ich ein gott-
begnadeter Redner.«
»Es gibt viele Schwätzer im Lande, Arachi, ohne daß sie gerade
zwei Tage stromabwärts fahren, um mir das zu sagen«, gab Sanders
kurz zurück.
»Herr«, sagte Arachi eindrucksvoll, »ich komme zu dir, weil ich
eine höhere Lebensstellung suche. Viele deiner kleinen Häuptlinge
sind einfältige Kerle und überdies ihres Postens unwert. Nun bin
ich doch ein Häuptlingssohn, und es ist mein Begehr, meinem Vater
in seinem Amt zu folgen. Auch bitte ich dich, dich zu erinnern, daß
ich zwischen fremdem Volk, zwischen den Angolastämmen, gelebt
habe und ihre Sprache spreche.«
Sanders seufzte gelangweilt. »Siebenmal hast du mich darum ge-
beten, Arachi, und siebenmal habe ich dir gesagt, du bist kein
Häuptling für mich. Ich bin deiner ewigen Bettelei in dieser Sache
müde, und wenn du dich noch einmal hierher wagst, werfe ich dich
zu den Affen. Und was das Angolapalaver angeht, so sollst du
Häuptling werden, wenn sich, was Gott verhüten möge, das An-
golavolk einmal in meinem Bezirk niederlassen sollte.«
Uneingeschüchtert kehrte Arachi in sein Dorf zurück, denn er
bildete sich ein, daß Sanders ihn um seine ihm innewohnenden
Kräfte beneidete. Er baute sich eine mächtige Hütte am Ende seines
Dorfes, indem er sich die Dienste seiner Freunde dazu lieh. Er legte
sich einen großen Vorrat von Salz und Mais an, den er sich durch
kluge Zahlungsversprechungen von den Nachbardörfern zu
verschaffen wußte.
Seine Hütte sah aus wie ein Königshaus; so prachtvoll nahmen
sich die aufgehangenen Felle und sein Bett aus, das mit weichem
Fell überspannt war. Die Leute aus seinem Dorfe brachen in ein
bewunderndes »Ko« aus, weil sie glaubten, Arachi habe diese ver-
borgenen Schätze aus der geheimnisvollen Schatzkammer seines
Vaters ausgegraben, die jeder Häuptling nach dem Glauben seines
Stammes besaß und zu der Arachi als sein Sohn Zugang habe. Und
erst recht waren die, die zur Erhöhung dieser Pracht beigetragen
hatten, davon hingerissen und erfreut. »Ich habe Arachi zwei
Säcke Salz geliehen«, sagte Pidini, der Häuptling des Fischerdorfes
Kolombolo, »und im Innersten meiner Seele zweifelte ich daran,
daß Arachi sie mir zwei Tage nach der Regenzeit bezahlen würde,
obwohl er es mir bei seinem Tode geschworen hatte. Nun sehe ich,
daß er wirklich sehr reich ist, wie er mir selbst erzählt hat, und
wenn ich mein Salz nicht wiedererhalte, dann werde ich Arachis
Staatsbett mit Beschlag belegen.«
In einem anderen Dorfe jenseits des Flusses Ombili vertraute ein
Vormann der Isisi seinem Weibe: »Weib, du hast doch Arachis
Haus gesehen! Ich hoffe, du wirst nun mit deinem närrischen Ge-
schwätz einmal aufhören, denn du hast in einem fort genörgelt,
weil ich Arachi mein feines Bett geliehen habe.«
»Herr, ich sehe ein, das war unrecht von mir«, erwiderte das
Weib demütig. »Aber ich fürchtete, er würde das Salz nicht bezah-
len, wie er versprochen hatte. Nun weiß ich, daß meine Furcht
grundlos war, denn ich habe viele Säcke Salz in seiner Hütte gese-
hen.«
Das Gerücht von Arachis Reichtum verbreitete sich flußauf-
und abwärts, und als das Pumpgenie die Hand Koraris, der Toch-
ter des Häuptlings der Putani, der Flußfischer, verlangte, kam sie
zu ihm ohne viel Palaver, obwohl sie eigentlich noch zu jung war.
Sie war ein schlank gebautes Mädchen, voller Reize und wohl
die tausend Messingstangen und zwanzig Sack Salz wert, die der
freigebige Arachi dafür beim Tode, bei allen Teufeln und einer
Kollektion verschiedener Gottheiten zu bezahlen schwor und die
an ihren Vater abgeliefert werden sollten, wenn Mond und Fluß
in gewisser Stellung zueinander ständen.
Nun verrichtete Arachi keinerlei Arbeit, außer daß er zu gewis-
sen Stunden, in ein Gewand aus Affenschwänzen gekleidet, das er
vom Bruder des Isisikönigs geborgt hatte, auf der Dorfstraße spa-
zierenging.
Er fischte nicht, er jagte nicht, noch arbeitete er auf dem Felde.
Er sprach darüber mit Korari, seinem Weibe, und erklärte ihr,
warum das so sei. Er redete zu ihr von Sonnenuntergang bis zu den
frühen Morgenstunden, denn er war ein unermüdlicher Schwät-
zer. Und besonders, wenn er auf sein Lieblingsthema, auf sich
selbst, zu sprechen kam, wurde er außerordentlich beredt. Er
sprach auf sie ein, bis der Kopf des armen Dinges, bis zum Ver-
zweifeln schläfrig, von Seite zu Seite und von vorn nach hinten
sank. Er sei ein großer Mann, der geschätzte Vertraute Sandis, er
habe unermeßliche Gedanken und Pläne, Pläne, die ihm ein Leben
voll Bequemlichkeit und ohne die kümmerlichen Ergebnisse einer
Arbeit sicherten. Außerdem würde Sanders ihn schon zur richti-
gen Zeit zum Häuptling machen. Sie sollte es haben wie eine Kö-
nigin - während sie es vorgezogen hätte, in ihrem Bett zu liegen
und zu schlafen.
Obwohl Arachi kein Christ war, glaubte er an Wunder. Er hatte
seinen Glauben an das höchste Wunder: leben zu können, ohne
irgendwelche Arbeit zu tun. Und war nahe daran, dieses Wunder
erfüllt zu sehen.
Aber das Wunder, das sich hartnäckig weigerte, in Erfüllung zu
gehen, brachte ihm in dem Augenblick Hilfe, als seine zahlreichen
Gläubiger nach Bezahlung der vielen und mannigfaltigen Dinge
schrien, die sie ihm geborgt hatten.
Es ist eine unbestrittene Wahrheit, daß jede Stunde ihren Mann
bringt, ganz sicher bringt sie ihren Gläubiger.
An einem unruhigen und stürmischen Tage kamen die zornigen
Wohltäter Arachis im Vollgefühl ihrer Rechte zu ihm und nahmen
ihm weg, was irgendwie greifbar war, und das alles angesichts der
ganzen Dorfgemeinschaft, wie Korari mit großer Scham empfand.
Arachi, im Gegenteil, war, dank seines Hochmuts, weder be-
schämt noch niedergeschlagen, obwohl die Leute ihn nicht gerade
sanft behandelten.
»Du Dieb und Ratte«, sagte der erbitterte Eigentümer eines
prächtigen Staatsstuhles, dessen Unterteil Arachi fertiggebracht
hatte, zu verbrennen, »ist es nicht genug, daß du für die Abnut-
zung dieser Dinge nichts bezahlst, mußt du überdies mit meinem
Prachtstuhl Feuer anmachen?«
Arachi antwortete als Philosoph und leidenschaftslos: Sie könn-
ten ihm alle diese großartigen Dinge nehmen - das taten sie auch-,
sie könnten ihn in herausforderndster Weise schmähen - auch das
taten sie -, aber sie könnten ihm nicht die Hütte nehmen, die mit
ihrer Hilfe und Arbeit gebaut worden sei, denn das verstoße gegen
das Gesetz ihres Stammes; noch könnten sie ihm sein Vertrauen
in sich selbst nehmen, denn das sei gegen die Gesetze der Natur -
seiner Natur.
»Weib!« sagte er zu seinem weinenden Mädchen, »solche Dinge
kommen nun einmal vor. Ich denke, ich bin das Opfer des Schick-
sals. Darum will ich einmal meine Götter wechseln. Die, an die ich
bisher glaubte, helfen mir nicht, und wie du dich erinnern wirst,
habe ich viele Stunden im Urwald mit Gebet zugebracht.«
Arachi dachte an viele mögliche Zufälle - so zum Beispiel: Sanders
würde sich erweichen lassen und ihn zu einem großen Häuptling
machen. Oder er, Arachi, könnte im Flußbett einen Schatz heben,
wie das Ufabi, der N'Gombimann, einmal getan hatte.
Ganz und gar von dieser Idee eingenommen, ging Arachi eines
Morgens vor Sonnenaufgang zu einem Platz am Flußufer und grub
dort. Er hatte gerade zwei Schaufeln Erde umgegraben, als ihn eine
unendliche Müdigkeit überkam und er das Suchen nach dem
Schatz aufgab. Denn, überlegte er sich, wenn ein Schatz im Flußbett
liegt, kann das ebensogut dort wie irgendwo anders sein. Und wenn
es nicht dort ist, wo mag es dann sein? Arachi trug sein Mißgeschick
mit philosophischer Ruhe. Er saß in dem nackten und geschwärzten
Räume seiner Hütte und erklärte seinem Weibe, daß die Leute, die
ihn beraubt hätten, ihn um der ihm innewohnenden großen Kräfte
willen haßten. Und eines Tages, wenn er ein großer Häuptling wäre,
würde er ein Kriegsheer von seinen Freunden, den N'Gombi,
borgen und die Hütten seiner Gläubiger verbrennen. »Borgen«,
sagte er, denn er war gewohnt, in Anleihen zu denken.
Am Tage nach der Beschlagnahme kam sein Schwiegervater, in
der Hoffnung, aus dem Schiffbruch etwas von der Mitgift Koraris zu
retten. Aber er kam zu spät.
»Oh, du Sohn der Schande!« rief er bitter aus. »Ist das die Art,
wie du für meine unschätzbare Tochter bezahlst? Beim Tode, du
bist ein elender Schuft!«
»Hab keine Angst, du Fischermann«, sagte Arachi von oben
herab. »Ich bin ein Freund Sandis, und ich bin sicher, daß er etwas
für mich tun wird, das mich hoch über die gewöhnlichen Leute
stellt. Eben jetzt will ich ein langes Palaver mit ihm halten, und
wenn ich zurückkehre, wirst du von sonderbaren Ereignissen hö-
ren.«
Arachi besaß die Eigenschaft aller Pumpgenies; er wußte die
Leute zu überzeugen. Und er überzeugte selbst seinen Schwieger-
vater, also einen Verwandtschaftsgrad, der seit Beginn der Welt am
allerschwierigsten zu überzeugen ist. Arachi verließ sein Weib,
und sie, das arme Wesen, froh, von der Gegenwart ihres geschwät-
zigen Gatten befreit zu sein, legte sich zunächst einmal zu einem
Schläfchen nieder.
Auf jeden Fall kam Arachi in einem für ihn sehr günstigen Au-
genblick am Sitz des Governments an. Das Government war ge-
rade ein bewaffnetes Lager am Zusammenfluß von Isisi und Ikeli.
Um Sandis gewöhnliche Mühseligkeiten aufs höchste zu steigern,
kam auch noch ein ungebetener Fremder zu ihm. Seine Ordon-
nanz kam und sagte, ein Mann wünsche ihn zu sprechen.
»Was für ein Mann?« fragte Sanders müde.
»Herr«, erwiderte die Ordonnanz, »ich habe seinesgleichen früher
noch nicht gesehen.«
Sanders besah sich diesen Besucher. Der Fremde stand auf und
grüßte, indem er beide Hände in die Höhe hob. Prüfend glitt San-
ders' Blick über ihn hin. Es war keiner von den Stämmen, die San-
ders kannte, da er nicht die Gesichtsschnitte auf wies, die die Bo-
mongo kennzeichnen. Ebensowenig war er auf der Stirn tätowiert
wie die Leute vom Kleinen Fluß.
»Wo kommst du her?« fragte Sanders auf Suaheli, das die Aller-
weltssprache auf dem Festlande ist, aber der Mann schüttelte den
Kopf. Sanders versuchte es daher nochmals, diesmal in Bomongo; er
dachte, daß der Mann, nach seinen Gesichtsschnitten, vom Bo-
keristamm sein müsse. Aber der Fremde antwortete in einer Sanders
unbekannten Sprache.
»Quel nom avez-vous?« fragte Sanders und wiederholte dann
diese Frage auf portugiesisch. Darauf antwortete der Fremde
schließlich, daß er ein kleiner Häuptling aus Angola sei und sein
Land verlassen habe, um der Sklaverei zu entgehen.
»Nimm ihn zu den Leuten ins Lager und gib ihm zu essen«, befahl
Sanders der Ordonnanz und schlug sich die Gedanken an ihn aus
dem Kopf.
Sanders hatte wenig Zeit, sich mit fremden Eingeborenen abzu-
geben, die sich in sein Lager verirrten. Er beschäftigte sich gerade
damit, einen Biedermann aufzusuchen, der unter dem Namen Ab-
dul Hazim bekannt war und der, entgegen dem Gesetz, Gewehre
und Pulver an die Eingeborenen verkaufte.
»Und wenn ich ihn fange«, sagte Sanders zu dem Hauptmann
der Haussas, »wird es ihm leid tun.«
Abdul Hazim teilte diese Ansicht und ging Sanders geflissentlich
aus dem Wege, und zwar mit solchem Erfolge, daß Sanders nach
einer weiteren Woche Herumziehens zu seinem Sitz an der Küste
zurückkehrte. Sanders war damals gerade sehr niedergeschlagen,
körperlich herunter von den Nachwehen des Fiebers und
seelisch sehr reizbar.
Alles ging ihm damals quer. Da war ein dringender Brief vom
Gouverneur eingetroffen, eben wegen dieses Abdul Hazim. Er
hatte alles andere nötig als ein Palaver zwischen seinen Haussas
selbst, und gerade da mußte es zu einer Prügelei zwischen diesen
kampflustigen schwarzen Landsknechten kommen; und um das
Maß voll zu machen, war der Haussaoffizier zwei Stunden später
mit Fieber zu Bett gegangen.
»Bringt die Schweine hierher!« drückte Sanders sich diesmal
wenig gewählt aus, als der Haussasergeant über die Prügelei be-
richtete. Da wurde der fremde Mann vor ihn gebracht und ein
kampflustiger Soldat namens Kano.
»Herr«, sagte der Haussa, »bei meinem Gott, der mächtiger ist
als die meisten Götter, wenn ich so sagen darf, ich verdiene keinen
Tadel. Dieser ungläubige Hund wollte mir nicht antworten, als ich
ihn ansprach. Dann faßte er auch mein Fleischstück mit seinen
Händen an. Da schlug ich ihn.«
»Ist das alles?« fragte Sanders.
»Das ist alles, Herr.«
»Und weiter tat der Fremde nichts, als in seiner Unwissenheit
dein Fleisch zu berühren und zu schweigen, als du zu ihm
sprachst?«
»Weiter nichts, Herr.«
Sanders lehnte sich in seinem Richterstuhl zurück und maß den
Haussa mit finsterem Blick. »Wenn sich mir irgend etwas augen-
scheinlicher als anderes aufdrängt«, sagte Sanders langsam, »dann
ist es das, daß ein Haussa eine mächtige Person ist, ein Lord, ein
König. Nun sitze ich hier, um Recht zu sprechen und weder Kö-
nige wie dich oder Sklaven wie diesen schweigenden Fremden zu
berücksichtigen. Und ich richte nach dem Gesetzbuch, indem ich
keinerlei Unterschied zwischen den Parteien mache. Stimmt das?«
»Herr, das ist so.«
»Nun scheint es mir, daß es gegen das Gesetz ist, seine Hand
gegen irgendeinen Mann zu erheben, mag er dich noch soviel be-
leidigen. Der einzige richtige Weg ist der, daß du dich, den Dienst-
vorschriften entsprechend, beschwerst. Ist das richtig?«
»Es ist richtig, Herr.«
»Deshalb hast du das Gesetz übertreten. Ist das wahr?«
»Es ist wahr, Herr.«
»Nun geh zurück zu deinen Kameraden, gib diese Wahrheit zu
und laß den Ungläubigen in Frieden. Denn beim nächsten Mal gibt es
für den, der das Gesetz übertritt, eine Verletzung seines Fells. Das
Palaver ist aus.«
Der Haussa zog sich zurück.
»Und«, sagte Sanders, als er am nächsten Morgen mit dem vom
Fieber auferstandenen Haussaoffizier darüber sprach, »ich meine,
daß ich mehr als gewöhnliche Selbstbeherrschung bewies, als ich
die beiden nicht mit Fußtritten zum Teufel jagte.«
»Sie sind ein großer Geist«, sagte der Haussaoffizier. »Wenn Sie
sich nicht sehr in acht nehmen, wird man Ihnen demnächst den
Kolonialadel bescheren.«
Sanders überging des Haussas spöttische Anspielung auf die
Ritterschaft des Ordens von St. Michael und St. Georg mit
Schweigen. Überdies, Ordensauszeichnungen waren nicht sehr
wahrscheinlich, solange ein Abdul Hazim noch frei herumlief.
Sanders befand sich also in einem trüben Gemütszustand, als
Arachi hastig, in einem geborgten, von vier Paddlern geruderten
Kanu, ankam; die vier Paddler hatte er bei einem Isisidorf gegen
ein Zahlungsversprechen gemietet, das zu erfüllen er wohl niemals in
die Lage kommen würde.
»Herr«, begann Arachi feierlich, »ich komme mit dem Wunsch,
Eurer Lordschaft zu dienen, denn ich bin für meine Dorfgemein-
schaft ein viel zu bedeutender Mann. Und wenn ich auch nicht
Häuptling bin, so habe ich doch eines Häuptlings Gedanken.«
»Und eines Häuptlings Haus«, sagte Sanders trocken, »wenn alles,
was man mir darüber berichtet, wahr ist.«
Arachi fuhr zusammen. »Herr«, sagte er demütig, »du kennst
alle Dinge, und deine Augen schweifen umher wie die Zunge eines
Chamäleons; sie sehen um die Ecke.«
Sanders überging das unschöne Bild. »Arachi, du kommst in ei-
nem Augenblick, in dem du mir von Nutzen sein kannst. Da ist in
meinem Lager ein fremder Mann aus einem weit entfernten
Lande. Der ist in diesem Lande unbekannt, und doch möchte er es
durchqueren. Da du Angola sprichst, sollst du ihn in deinem
Kanu bis an die französische Grenze und dort auf seinen Weg
bringen. Zu diesem Zweck will ich deine vier Kanupaddler bezahlen,
und was dich selbst anlangt, werde ich mich deiner erinnern, wenn
du es einmal nötig hast.«
Das war eigentlich nicht das, was Arachi erstrebt hatte, aber es
war immerhin schon etwas.
Ehe er ging, gab Sanders ihm noch einen Rat. »Fahre auf dem
Kleinen Kusufluß, Arachi!«
»Herr«, erwiderte Arachi, »auf den Stillen Wassern ist es kürzer.
Diese führen nach dem französischen Gebiet und besitzen die nötige
Tiefe.«
»Der eine Weg ist kurz und der andere lang«, gab Sanders grim-
mig zurück. »Denn da sitzt ein gewisser Abdul Hazim. Der ist ein
großer Sklavenaufkäufer, und da die Angolaleute gute Gartenar-
beiter sind, hat's dieser Araber auf sie abgesehen. Ziehe in Frie-
den!«
Arachi ging.
Es war schier persönliches Pech, daß er auf dieser Reise zwei seiner
Hauptgläubiger treffen sollte. Da diese eine Forderung wegen nicht
bezahlter Lebensmittel an ihn hatten, wollten sie gegen ihn
vorgehen und ihm zu Leibe, aber auf seine dringlichen Vorstellungen
hin vertagten sie diesmal noch die Ausführung ihrer ernsten
Drohungen. »Es scheint«, sagte der eine von ihnen, »daß du jetzt
bei Sandi in Gunst stehst. Dir selbst glauben wir kein Wort von
dem, was du uns gesagt hast, aber deine Paddler lügen nicht.«
»Ebensowenig dieser Schweigsame«, gab Arachi zurück, indem er
auf seinen Schutzbefohlenen deutete. »Und da ich allein mich mit
diesem verständigen kann, hat Sanders mich mit einer Mission an
gewisse Könige betraut. Diese werden mir Geschenke geben, und
bei meiner Rückkehr werde ich euch bezahlen, was ich euch
schuldig bin und noch etwas darüber, aus Dankbarkeit.«
Es darf hier nicht verschwiegen werden, daß Arachi, der nie-
mandem etwas lieh und niemandem etwas glaubte, kein Vertrauen
in das setzte, was Sanders ihm gesagt hatte. Wer der schweigsame
Angola war, welches dessen Aufgabe war, warum gerade er, Arachi,
zu dessen Hüter bestellt war, erriet Arachi nicht. Er hätte leicht
alles verstehen können, wenn er alles geglaubt hätte, was Sanders
ihm mitgeteilt hatte. Aber das war nicht Arachis An.
Als sie eines Nachts das Kanu auf eine kleine Insel hinaufgezogen
hatten und die Paddler dabei waren, des edlen Arachi Essen zu
bereiten, fragte das Pumpgenie den Fremden: »Wie kommt es
eigentlich, Fremder, daß mein Freund und Nachbar Sandi mich
um die Gefälligkeit bittet, dich bis zur französischen Grenze zu
bringen?«
»Herr«, antwortete der Angola, »ich bin ein Fremder und will
der Sklaverei entgehen. Außerdem gibt es da einen kleinen An-
gola-Balulustamm, der zu meinem Volke und zu meinem Glauben
gehört und der nahe bei den französischen Stämmen sitzt.«
»Wessen Glaubens bist du denn?« fragte Arachi.
»Ich glaube an Teufel und Ju-Ju-Zauber«, antwortete der An-
gola einfach. »Besonders an einen namens Billimi, der zehn Augen
hat und Schlangen aufspießt. Außerdem gehört es zu meinem
Glauben, die Araber zu hassen.«
Das machte Arachi nachdenklich und gab ihm Anlaß, sich dar-
über zu wundern, daß Sanders ihm die Wahrheit gesagt hatte.
»Und was ist's mit diesem Abdul Arabi?« fragte er. »Ich denke,
daß Sandi mich angeschwindelt hat, als er mir sagte, der Mann
kaufe Sklaven. Denn wenn dem so ist, warum überfällt der Araber
dann nicht die Isisi?«
Aber der Angolamann schüttelte den Kopf. »Das sind Dinge,
die für meinen Verstand zu hoch sind. Dennoch weiß ich, daß der
Araber die Angolas raubt, weil sie gute Gärtner und sehr erfahren
im Pfropfen von Bäumen sind.«
Das war ein erneuter Anlaß für Arachi, sehr nachdenklich zu
werden. Er überlegte, daß Abdul zum Oberfluß kommen mußte,
wenn er die Leute vom Kleinen Akasava haben wollte, die auch
tüchtige Gärtner vor dem Herrn waren. Er würde keine Isisi neh-
men, denn diese waren als Faulenzer bekannt und starben im
Handumdrehen, sobald sie auf fremden Boden verpflanzt wurden.
Er setzte seine Reise fort, bis er an den Ort kam, wo er hätte abbiegen
müssen, wenn er den kürzesten Weg zum französischen Gebiet
nehmen wollte.
Hier verließ er seine Kanuleute und seinen Schutzbefohlenen
und fuhr die Stillen Wasser hinauf.
Eine halbe Tagesfahrt brachte ihn in das Lager Abduls. Des
Sklavenhändlers heimliche Spione hatten am Ufer gleichen Schritt
mit Arachi gehalten, und als Arachi mit seinem Kanu landete,
wurde er von Leute ergriffen, die anscheinend aus dem Boden ge-
wachsen waren.
»Führt mich zu eurem Herrn, niedriges Gesindel!« befahl Arachi.
»Denn ich bin ein Isisihäuptling und komme wegen eines geheimen
Palavers.«
»Wenn du ein Isisi bist, und an deiner Magerkeit und an deiner
Prahlerei sehe ich, daß du einer bist, dann wird mein Gebieter Ab-
dul schnell mit dir fertig sein«, sagte ein Häscher.
Abdul Hazim war ein untersetzter und korpulenter Mann und
ein Liebhaber bequemen Daseins. Aus diesem Grunde hielt er sein
Lager in einer Bereitschaft, die ihm ermöglichte, schnell aufzubre-
chen, sobald er einen weißen Tropenhelm oder den Tarbusch eines
Haussas sah. Denn es hätte das Ende seines Glückes bedeutet,
wenn Sanders über ihn gekommen wäre.
In diesem Augenblick saß er auf einem zartgetönten Seidentep-
pich vor der Tür seines kleinen Zeltes und betrachtete Arachi voll
Mißtrauen. Er hörte schweigend zu, während Arachi von sich
selbst erzählte.
»Ungläubiger«, antwortete Abdul, als der Mann geendet hatte,
»wie kann ich wissen, ob du nicht lügst oder ob du etwa einer von
Sanders' Spionen bist? Ich halte es für das gescheiteste, dir die
Gurgel durchzuschneiden.«
Arachi erklärte des langen und breiten, warum Abdul Hazim
ihm nicht den Hals abschneiden solle.
»Wenn du sagst, dieser Angolamann befinde sich hier in der
Nähe, warum soll ich mir ihn nicht ohne Bezahlung nehmen?«
fragte der Sklavenhändler.
»Weil dieser Fremde nicht der einzige Mann in diesem Lande
ist, weil ich einen großen Einfluß bei Sandi habe und weil ich sehr
beliebt bei den Leuten bin, die mir Vertrauen entgegenbringen. Ich
kann noch sehr viele andere Leute zu Ihnen bringen, Herr.«
Arachi kehrte in sein Lager zurück; er schleppte ein kleines
Kanu hinter sich her, mit dem ihn der Sklavenhändler versehen
hatte.
Arachi weckte den Angolamann aus dem Schlaf. »Bruder«, sagte
er, »hier ist ein Kanu und Proviant. Paddle eine Tagereise weit den
Lauf der Stillen Wasser entlang, und dort erwarte meine Ankunft;
denn es treiben sich böse Leute umher, und ich fürchte für deine
Sicherheit.«
Der Angolamann, naiv, wie er war, gehorchte.
Eine halbe Tagereise den Fluß aufwärts warteten Abduls Leute
auf ihn. Arachi fuhr in derselben Nacht nach seinem Dorfe zurück. In
seinem Kanu befand sich ein Vorrat von Zeug, Salz und Mes-
singstangen, die jedes Mannes Herz erfreut hätten. Arachi kam in
sein Dorf; er sang ein kleines Lied über sich selbst.
Innerhalb eines Jahres wurde er ein reicher Mann, denn es gab
viele Wege, um die Bedürfnisse eines arabischen Sklavenhändlers
zu befriedigen, und Abdul bezahlte pünktlich.
Arachi arbeitete stets allein oder benutzte Paddler, die er in ir-
gendeinem versteckten Winkel des Bezirks aufgefunden hatte. Er
brachte Abdul viel marktfähige Ware, meistens junge N'Gombi-
weiber, die furchtsam waren und daher leicht einzuschüchtern.
Und Sanders, der das Land auf der Suche nach dem dicken Mann
mit dem Fez durchsuchte, fand ihn nicht.
»Abdul, Herr und Gebieter«, sagte Arachi, der den Sklavenhändler
eines Nachts im geheimen nahe im Ikusifluß traf, »Sandi und seine
Soldaten sind wegen eines Mordpalavers nach Akasava. Nun halte
ich's an der Zeit, zu tun, wie du wünschest.«
Sie unterhielten sich über die Aussichten eines Abenteuers, des
schwierigsten Abenteuers, das Abdul je geplant hatte.
»Arachi«, sagte Abdul, »ich habe dich zum reichen Mann ge-
macht. Nun, ich sage dir, ich kann dich reicher machen, als es ir-
gendein Häuptling in diesem Lande ist.«
»Ich bin sehr erfreut, das zu hören«, sagte Arachi. »Denn ob-
wohl ich reich bin, habe ich mir doch viele Dinge geborgt. Und es
scheint, ich habe eine so wundervolle Gemütsverfassung, daß ich
mir immer mehr borgen muß.«
»Davon habe ich gehört«, gab der Araber zurück. »Denn man
erzählt sich von dir, daß du dir selbst den Mond noch borgen wür-
dest, auch wenn du schon die ganze übrige Welt besäßest.«
»Ja, das ist das Geheimnisvolle meines Wesens«, antwortete
Arachi bescheiden. »Aus diesem Grunde bin ich ein höchst be-
merkenswerter Mann.«
Dann saß er und hörte geduldig dem weitschweifigen Plane Abdul
Hazims zu. Denn es handelte sich um ein sehr umfangreiches
Unternehmen, bei dem im Erfolgsfall zweitausend liberianische
Dollars lockten und für Arachi Bezahlung in Waren.
Zur gleichen Zeit wohnte Sanders in der Ochoristadt und hatte
ein Palaver mit Bosambo, dem Häuptling.
»Bosambo«, sagte Sanders, »ich habe die oberen Flüsse unter
deine Obhut gestellt. Und dennoch macht dieser Abdul Hazim
ungestraft das Land unsicher. Das ist eine Schande für mich wie
für dich.«
»Herr«, antwortete Bosambo, »es ist eine Schande. Aber der
Flüsse hier herum sind so viele, und Abdul ist ein verschlagener
Mann und hat viele Spione. Meine Leute sind auch bange vor ihm,
sie fürchten sich, ihn zu kränken, weil er sie sonst >fressen< oder
ins Innere verkaufen würde.«
Sanders nickte und stand auf, um an Bord der »Zaire« zu gehen.
»Bosambo, mein Government hat einen Preis auf die Gefangen-
nahme Abduls gesetzt, und ein gewisses anderes Government hat
einen Preis auf dich gesetzt.«
»Wie hoch ist der Preis für Abdul, Herr?« fragte Bosambo mit
erwachendem Interesse.
»Einhundert Pfund Sterling in Silber«, gab Sanders zurück.
»Herr«, bekannte Bosambo, »das ist ein guter Preis.«
Als zwei Tage darauf Arachi zu Bosambo kam, war dieser
Häuptling mit der rein häuslichen Angelegenheit beschäftigt, seinen
kleinen Sohn zu warten.
»Gruß dir, Bosambo!« sagte Arachi. »Dir und deinem treffli-
chen Sohn, der edel in Erscheinung und sehr artig ist.«
»Friede sei mit dir, Arachi! Ich habe nichts an dich zu verbor-
gen.«
»Herr«, antwortete Arachi, »ich bin jetzt reich, reicher als
Häuptlinge und - ich will nichts leihen.«
»Ko, Ko!« lachte Bosambo mit höflichem Zweifel.
»Bosambo, ich kam zu dir, weil ich dich gern habe. Und weil
du nicht geschwätzig bist, sondern eher klug und verschwiegen.«
»Das alles weiß ich, Arachi«, sagte Bosambo vorsichtig, »und
ich wiederhole dir, daß ich niemandem etwas leihe.«
Der wütende Arachi erhob seine Augen zum Himmel. »Bo-
sambo«, antwortete er, »ich kam zu dir, um dir von dem zu erzählen,
was ich gefunden habe, und um dich zu bitten, mir zu helfen,
diesen Schatz in Sicherheit zu bringen. Denn an einer gewissen
Stelle bin ich auf ein großes Lager von Elfenbein gestoßen, wie es
die alten Könige für die Zeit der Not zu vergraben pflegten.«
»Arachi«, bemerkte Bosambo plötzlich, »du sagst mir, du seist
reich. Nun bist du ein kleiner Mann, und ich bin Häuptling, und
dennoch bin ich nicht reich.«
»Ich habe viele Freunde«, erwiderte Arachi, zitternd vor Stolz,
»und diese geben mir Messingstangen und Salz.«
»Das ist nichts, Arachi. Ich weiß, was Reichtum heißt, denn ich
habe unter Weißen gelebt. Die lachen über Messingstangen und
werfen das Salz den Hunden hin.«
»Bosambo, ich bin auch im Sinne der Weißen ein reicher Mann.
Sieh her!«
Arachi nahm aus seiner Tasche eine Handvoll Silbergeld und bot es
auf beiden Händen Bosambo zur Begutachtung.
Bosambo prüfte das Geld mit einer Art Hochachtung, indem er
jede Münze fein säuberlich umwendete. »Das ist richtiger Reich-
tum«, bemerkte er, während sein Atem etwas schneller ging, als
es sonst bei ihm der Fall war. »Und es ist neues Geld, es ist blank.
Auch die Teufelszeichen darauf, die du nicht verstehst, sind so, wie
sie sein sollen.«
Befriedigt schob Arachi sein Geld wieder in die Tasche.
Bosambo saß in nachdenklichem Schweigen, sein Gesicht war
unbewegt. »Und du willst mich zu dem Platz bringen, Arachi?«
fragte er zögernd. »Ko! Du bist ein großmütiger Mann, denn ich
verstehe nicht, warum du mit mir teilen willst, da ich dich doch
einmal verhauen habe.«
Bosambo setzte sein Kind vorsichtig nieder. Diese »Königs-
schätze« existierten der Überlieferung nach. Viele waren gefunden
worden, und es war der Traum jedes normal veranlagten Eingebo-
renen, solche Schätze zu heben. Trotzdem hielt Bosambo nicht viel
davon, denn im Innern war er voller Zweifel.
»Arachi, ich glaube, daß du lügst. Dennoch möchte ich die Stelle
wissen, und wenn sie in der Nähe ist, möchte ich den Schatz mit
meinen eigenen Augen sehen.
»Nach Arachis Angaben sollte die Fundstelle eine Tagesreise
entfernt sein.
»Bezeichne mir die Stelle, Arachi!«
»Herr, •wie kann ich wissen, ob du nicht hingehst und dir den
Schatz für dich selber nimmst?«
Bosambo sah ihn ernst an. »Bin ich nicht ein ehrlicher Mann?
Und schwören die Leute von einem Ende der Welt zum anderen
nicht bei dem Namen Bosambo?«
»Nein!« antwortete Arachi, der Wahrheit entsprechend.
Dennoch bezeichnete er schließlich den Platz. Am Fluß der
Schatten, nahe beim Krokodil-Pool, wo die Fluten das Land ver-
ändert hatten.
Bosambo ging in seine Hütte, um Reisevorbereitungen zu treffen.
Hinter seinem Hause, in einem großen Mattenkäfig, befanden sich
viele kleine Tauben. Mühsam schrieb Bosambo in seinem
schlechten Arabisch eine kurze Botschaft.
Um auf jeden Fall sicherzugehen, denn Bosambo überließ nichts
dem Zufall, sandte er im geheimen in der Nacht ein Kanu an einen
gewissen Bestimmungsort.
»Und richte folgendes an Sandi aus!« befahl er seinem vertrauten
Boten. »Arachi ist im Besitz vielen Silbergeldes. Und dieses Sil-
bergeld trägt die Teufelsmarken (Prägung) von Zanzibar, wo alle
arabischen Händler herkommen, wie er selbst weiß.«
Am nächsten Tage fuhren Bosambo und sein Führer ab. Sie pad-
delten den ganzen Tag über und nahmen den Weg auf einem
kleineren Fluß; und nachts lagerten sie an einem Platze, der Balulu,
das veränderte Land, hieß. Sie standen bei Tagesanbruch auf, um
ihre Reise fortzusetzen. Aber das war überflüssig, denn in der
Dunkelstunde vor der Dämmerung hatte Abdul Hazim ihr kleines
Lager umringt, und der überzeugenden Mündung einer Snider-
büchse gegenüber begleitete Bosambo seine Häscher auf einem
zehn Minuten langen Weg in das Gebüsch, wo Abdul ihn erwartete.
Der Sklavenhändler saß auf seinem Seidenteppich vor der Tür
seines Zeltes und begrüßte seinen Gefangenen im Ochoridialekt.
Bosambo antwortete auf arabisch.
»He, Bosambo! Kennst du mich?«
»Scheik, ich wüßte dich gerne in der Hölle. Denn du bist der
Mann, dessen Kopf mein Herr haben will.«
»Bosambo!« antwortete Abdul gelassen, »dein Kopf ist wert-
voller, wie man sagt, denn die Liberianer wollen ihn auf einen Pfahl
stecken und werden mich reichlich für mein Unternehmen bezah-
len.«
Bosambo lachte leise. »Schluß mit dem Palaver. Ich bin bereit
zu gehen.«
Man brachte ihn wieder zum Fluß, band seinen Körper der
Länge lang an einen Pfahl und legte ihn auf den Boden des Kanus.
Arachi bewachte ihn.
Bosambo sah auf und bemerkte das Allerweltspumpgenie, wie es
am Boden hockte und ihn bewachte.
»Arachi, wenn du meine Hände losmachst, will ich sanft mit dir
umspringen.«
»Wenn ich deine Hände losmache«, sagte Arachi freimütig, »bin
ich ein Narr und ein toter Mann zugleich. Und beides erscheint
mir nicht wünschenswert.«
»Für jeden«, zitierte Bosambo, »kommt einmal ein glücklicher
Zufall; wenn er ihn ungenutzt läßt, wird ihm alles andere schwer.«
Vier große Kanus bildeten eine Wasserkarawane. Abdul befand
sich mit seinen Bewaffneten im größten Kanu und führte die Vorhut.
Sie glitten schnell den Fluß abwärts, der breiter wurde, je mehr er
sich dem Strom näherte. Plötzlich rang Abduls Vormann nach Atem.
»Sieh!« flüsterte er.
Der Sklavenhändler wandte sich um.
Hinter ihnen, langsam daherpaddelnd, kamen vier Kanus, und
jedes voll von Bewaffneten.
»Schnell!« befahl Abdul, und die Paddler machten rasende Fahrt
mit den Paddeln. Dann hielten sie inne.
Vor ihnen tauchte die »Zaire« auf; ein schmucker weißer
Dampfer, das Deck voll von Haussas.
»Es ist Gottes Wille«, sagte Abdul. »Diese Dinge sind vorherbe-
stimmt.«
Er sagte nichts mehr, bis er vor Sanders stand, und der Distrikts-
gouverneur war alles andere als mitteilsam.
»Was wirst du mit mir anfangen?« fragte Abdul.
»Das will ich dir sagen, sobald ich deine Vorräte gesehen habe.
Wenn ich Hinterlader bei dir finde, solche, wie sie diese blödsinni-
gen Lobololeute kaufen, werde ich dich, dem Gesetz entspre-
chend, hängen.«
Der Araber sah zu dem zitternden Arachi hin. Die Knie des
Pumpgenies schlugen einen förmlichen Triller.
»Ich verstehe«, bemerkte Abdul nachdenklich, »daß mich dieser
Mann, den ich reich gemacht habe, betrogen hat.«
Wenn Abdul hastig gewesen wäre oder sich ruckweise bewegt
hätte, würde Sanders diese Tat verhindert haben. Aber der Araber
griff gelassen in die Falten seines Burnusses, als ob er eine Zigarette
suche. Dann schnellte seine Hand heraus und mit ihr ein krummes
Messer. Schnell stieß er damit zu, und Arachi sank winselnd auf
das Deck nieder, ein sterbender Mann.
»Du Borger«, sagte der Araber - er sprach aus der Mitte von
sechs Haussas heraus, die ihn fesselten, so daß er dem Blick der
stöhnenden Gestalt auf Deck entzogen wurde -, »ich denke, du
hast das geborgt, was du schließlich doch selbst bezahlen kannst.
Denn es steht geschrieben in der Sure vom Djinn: Das Leben des-
sen, der Leben nimmt, soll wiedergenommen werden, auf daß er
volle Zurückzahlung leiste.«
Die Steuereintreibung
Sanders hielt nichts für verbürgt, wenn es sich um Stämme unter
seiner Herrschaft handelte. Diese besaßen eine unbegrenzte Fä-
higkeit, das Unerwartetste zu tun - darin lag zugleich das Gefähr-
liche und der Reiz an der Sache. Denn man konnte weder über ihre
Sünde verzweifeln noch allzu stolz auf ihre Tugenden werden.
Trotzdem schien es, als ob das Kikovolk ein Muster von gutem
Betragen, von Fleiß und Intelligenz wäre und die Götter ihm viele
treffliche Eigenschaften gegeben hätten.
Kiko, ein Bezirk am Untern Isisi, liegt von allen anderen Stäm-
men und Völkern getrennt: durch den Kiko an einer Seite und den
Isisifluß an der anderen Seite, auf der dritten Seite aber durch ein
großes Waldland, das sich bis in die große Marsch hinzieht.
Das eigentliche Kiko erstreckt sich in Gestalt eines unregelmä-
ßigen Dreiecks am Zusammenfluß von Kiko und Isisi.
Ostwärts, am jenseitigen Ufer des Kikoflusses, wohnen die un-
gestümen N'Gombistämme. Westwärts, auf einer weiteren Bank,
die der Große Fluß bildet, hausen die Akasava. Das Kikovolk er-
freut sich seiner Sicherheit vor plötzlichen Angriffen, die teils seiner
geographischen Lage, teils dem unerbittlichen Handeln des
Distriktsgouverneurs Sanders zuzuschreiben ist.
Einst rief ein N'Gombikönig seine Vorleute und Häuptlinge zu
einem großen Palaver.
»Es scheint mir«, begann er, »daß wir Kinder sind. Wir haben
Mißernten gehabt durch Überschwemmungen, und die diebischen
Ochori haben unser Wild in ihr eigenes Land getrieben. Ferner
sitzt quer über dem Fluß das Kikovolk, und das hat eben Hafer-
ernte gehabt. Wild gibt's da auch in Massen. Sollen wir hier sitzen
und hungern, während die Kikoleute vor Futter platzen?«
Eine ganz berechtigte Frage, obwohl die Tatsachen nicht genau
angeführt waren. Denn die N'Gombi waren faul und hatten spät
gesät. Auch Wild gab es in ihren Wäldern, nur mußte man es auf-
spüren. Aber das Sprichwort sagt: »Die N'Gombi jagen von ihren
Betten aus und forschen nur gekochtem Fleische nach.«
Eines Nachts stahlen sich die N'Gombi heimlich über den Fluß
und überfielen die Kikostadt.
Da gab es ein großes Palaver, dem der Häuptling und der Vor-
mann der Kiko beiwohnten.
»Von nun an«, erklärte der N'Gombikönig - Tigilini hieß er -,
»seid ihr wie Sklaven meines Volkes. Und wenn ihr fügsam und
gut seid und auf den Feldern arbeitet, dann sollt ihr die Hälfte alles
dessen haben, was ihr hervorbringt. Aber wenn ihr euch wider-
setzt, dann werde ich mein Mütchen an euch kühlen.«
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, nahm er den er-
sten Unzufriedenen, einen kleinen Häuptling eines Grenzdorfes,
und führte sein Programm durch. Dieser Mann hatte den Tribut
verweigert. Mit gefesselten Händen wurde er vor den König ge-
bracht, und alle Vorleute waren geladen worden, dem Vorgang
beizuwohnen.
Dem Widersetzlichen hatte man die Hände auf den Rücken ge-
bunden und ihm befohlen, niederzuknien. Ein junger Baum wurde
herabgebogen und das eine Ende eines Lianenstrickes an seinem
Wipfel befestigt, während man das andere Ende des Strickes um
den Hals des Unglücklichen legte. Der Baum wurde dann langsam
losgelassen, bis der Kopf des Widersetzlichen ganz straff hing.
»Jetzt!« befahl der König, und sofort schlug sein Scharfrichter
den Kopf ab, der durch den in die Höhe schnellenden Baum fünfzig
Yard fortgeschleudert wurde.
Der Kopf fiel vor die Füße des Distriktsgouverneurs Sanders,
der mit fünfundzwanzig Haussas und einem Maschinengewehr
eben mit der »Zaire« gelandet war. Sanders war verdrossen. Er be-
fand sich drei Tage und vier Nächte unterwegs, hatte wenig ge-
schlafen und einen Malariaanfall, der ihn reizbar machte. Er ging
ins Dorf und unterbrach eine beredte Ansprache, die der N'Gom-
bidieb über die Pflichten der Unterworfenen vom Stapel zu lassen
für angebracht hielt. Der Redner brach mitten in seinem Vortrag
ab und verlor das Interesse, damit fortzufahren, als die Menge sich
teilte, um Sanders näher herankommen zu lassen.
»Herr«, redete ihn Tigilini, dieser gewandte und schlaue Mann,
an, »du bist gerade zur richtigen Zeit gekommen, denn dieses Volk
befand sich in offenem Aufstand gegen Deine Lordschaft, und ich
habe es unterworfen. Deshalb o Herr, belohne mich, wie du Bo-
sambo von den Ochori belohnt hast!«
Sanders gab nur einen kurzen Befehl, und seine Haussas bildeten
einen Halbkreis um die Hütte des Königs. Tigilini beobachtete
diese Maßnahme mit Besorgnis.
»Wenn ich irgend etwas getan haben sollte, was ich nach der
Meinung Eurer Lordschaft lieber nicht hätte tun sollen«, bemerkte er
herablassend, »oder genommen haben sollte, was ich nicht hätte
nehmen sollen, dann will ich es ungeschehen machen und das Ge-
nommene zurückerstatten.«
Sanders, die Hände in die Seite gestemmt, betrachtete ihn gelassen.
»Hier liegt ein Rumpf.« Er zeigte auf das blutbefleckte Etwas auf
der Erde. »Und dort am Wege liegt ein Kopf. Füge den Kopf an
den Rumpf und gib ihm das Leben wieder!«
»Das kann ich nicht! Ich bin kein Zauberer!« antwortete der
König nervös.
Sanders sprach zwei Worte auf arabisch, und Tigilini wurde ge-
fesselt. Man führte den König fort, und niemand sah ihn jemals
wieder. Und es geht ein Gerücht, daß Tigilini, der König, für ewig
an den Hinterfuß M'shimba M'shambas, des grünen Teufels der
Akasava, gekettet wurde.
In Wirklichkeit kam Tigilini dem Verderben nicht näher als bis
zum Zuchthaus in Sierra Leone, aber das Gerücht hat seinen Wert
als abschreckendes Beispiel für allzu ehrgeizige Häuptlinge.
Sanders überwachte die Räumung Kikos, sah die entmutigten
N'Gombi sich in ihr eigenes Land zurückziehen und setzte dort
ohne Umstände einen neuen Häuptling ein. Das alltägliche Leben
des Kikovolkes nahm wieder denselben angenehmen Verlauf, den es
früher gehabt hatte. Die Leute bearbeiteten die Felder, züchteten
Ziegen und gingen dem Fischfang nach. In ihrem Hinterland, im
Marschwald, sammelten sie Gummi und Kopal, brachten beides mit
ihren Kanus zur Flußmündung und verkauften es dort. So wurden
sie reich, und sogar die Niedrigeren unter ihnen konnten sich drei
Weiber halten.
Sanders war sehr erfahren in der Beurteilung eingeborenen
Reichtums. Er wußte, daß Stämme, die viel Vorrat an Mais hatten,
gefährlich waren, denn der Besitz dieses Vorrats übte keine dämp-
fende Wirkung auf den kriegerischen Geist seiner Besitzer aus.
Dagegen wußte er, daß Reichtum an Zeug, Messingstangen und
Land einen Friedensfaktor darstellte, denn Besitztümer, die nicht
aufgegessen werden können, haben stets einen festigenden Einfluß
im Gemeinschaftsleben.
Sanders war ein kluger Mann. Er wurde geleitet von gewissen
Grundsätzen, hart und schnell zu handeln. Und obschon er wußte,
daß Mißerfolg in irgendwelcher Richtung bei der Meisterung einer
Situation ihm Tadel einbringen würde, sei es, weil er nicht dem
Buchstaben des Gesetzes entsprechend gehandelt hatte, sei es, daß er
nicht seiner eigenen Meinung gefolgt war, indem er dasselbe un-
beugsame Gesetz nicht beachtete, nahm er doch furchtlos jede
Verantwortung auf seine eigenen Schultern.
So war es seinem eigenen Urteil überlassen, welche Steuerlast er
jedem einzelnen Stamm aufbürdete, und im Interesse seines Go-
vernments nahm er ein gerüttelt Maß vom Reichtum Kikos, indem er
seine Steuerforderungen dem Grade des Wohlstandes dieses
Stammes anpaßte.
Drei Jahre nach dem Einfall der N'Gombi kam er auf seiner
halbjährigen Reise ins Kikoland.
Im Palaverhaus der Stadt hörte er die Klagen an, wie es seine Ge-
pflogenheit war. Er saß von der Tagesdämmerung an bis acht Uhr
morgens, und bei der zehnten Beschwerde wandte er sich an den
Häuptling der Kiko, der neben ihm saß.
»Häuptling«, begann er mit jener sanften Unschuldsmiene, die
Männer, die seine Art kannten, in ihrem Vorhaben wanken
machte, »ich bemerke, daß alle Leute immer nur eines vorbringen:
daß sie arm seien. Das ist aber nicht wahr.«
»Ich stehe unter deiner Gewalt, Herr«, gab der Häuptling di-
plomatisch zurück, »ebenso meine Leute, und sie werden natürlich
ihre Steuern zahlen, obwohl sie dadurch verhungern.«
Sanders sah die Angelegenheit in einem neuen Licht.
»Es scheint«, wandte er sich an die Reihen der Leute, die um ihn
herum hockten, »daß eure Magen knurren, weil ich die Steuern
von euch fordere. Wir wollen ein Palaver darüber halten.«
Er setzte sich wieder, und ein grauhaariger alter Vormann, ein
allgemein bekannter Nörgler und Dauerredner, stand auf.
»Herr«, rief er theatralisch, »Gerechtigkeit!«
»Kwai!« rief das Volk im Chor. Ihr Murren, einstimmig und aus
tiefster Brust kommend, ergab einen dumpf rasselnden Laut wie
das Rollen einer Trommel.
»Gerechtigkeit!« rief der Vormann. »Denn du, Sandi, bist sehr
hart und grausam. Du nimmst und nimmst nur immer und gibst
uns nichts, und das Volk schreit auf in seiner Pein.«
Er machte eine Pause, und Sanders nickte.
»Fahre fort!« befahl Sanders.
»Wir liefern dir Mais und Fische und Gummi und Kopal ab«,
sagte der Sprecher weiter, »und wenn wir fragen wohin gehen all
diese Güter, dann zeigst du auf deinen Puck-a-Puck und auf deine
Soldaten, und wir sind die Geprellten. Denn dein Puck-a-Puck
kommt nur, um unsere Steuern zu holen, und deine Soldaten nur,
um sie einzutreiben.«
Von neuem rollte das Beifallsgemurmel.
»Deshalb haben wir unter uns ein Palaver abgehalten und dabei
beschlossen: Sanders soll uns die Hälfte der gezahlten Steuern zu-
rückgeben. Diese wollen wir in unseren Kanus nach dem Dorf am
Großen Wasser bringen, denn wir sind ehrliche Leute. Und Sanders
soll sich seine Soldaten und seinen Puck-a-Puck für die N'Gombi
und für die Isisi und Akasava aufheben, denn diese sind ein
aufrührerisches und böses Volk.«
»Kwai!«
Die Forderung war offenbar populär, und Sanders lächelte im
stillen.
»Was uns anbetrifft«, fuhr der Sprecher fort, »sind wir ein fried-
fertiges Volk und leben in Eintracht mit allen Stämmen, und wenn
irgendeiner von uns Tribut verlangt, dann ist es immer besser, wir
geben ihn freiwillig, als daß wir diese Steuern bezahlen.«
Sanders hörte schweigend zu, dann wandte er sich an den
Häuptling. »Es soll so sein, wie ihr es wünscht. Ich werde euch die
Hälfte der Steuern erlassen. Das Palaver ist aus.«
Er ging in der Nacht an Bord der »Zaire« zurück und lauschte,
während er wach lag, den Kastagnetten der tanzenden Weiber. Die
Kikos feierten den Sieg ihrer Diplomatie.
Sanders fuhr am nächsten Tage zu den Isisi; er zweifelte nicht,
daß ihm die Nachricht seines Zugeständnisses vorausgeeilt sei.
Und so war es auch. Kaum hatte er seinen Platz im Palaverhause
zu Lukalili eingenommen, als der Häuptling die Verhandlung er-
öffnete.
»Sandi, Gebieter«, begann er, »wir sind arme Leute, und unser
Volk schreit wegen der Besteuerung laut auf. Nun, Herr, haben
wir des langen und breiten über diese Angelegenheit nachgedacht
und sind zu folgender allgemeiner Ansicht gekommen: Wenn Eure
Lordschaft uns die Hälfte unserer Steuern erlassen wollte, wären
wir glücklich. Denn dieser Puck-a-Puck...«
Sanders winkte ihm zu schweigen.
»Häuptling und Volk! Ich bin geduldig, denn ich habe euch lieb.
Aber sprecht nur noch ein Wort über Steuer und Puck-a-Puck, so
werde ich veranlassen, daß an meiner Stelle ein anderer Distrikts-
gouverneur eingesetzt wird, und ihr werdet wünschen, daß ihr
niemals geboren wäret.«
Danach hatte Sanders keine Mühe mehr. Er kam zu den Ochori
und fand Bosambo gänzlich von seinem Neugeborenen in An-
spruch genommen, aber unternehmungslustig.
»Bosambo«, sagte der Distriktsgouverneur, nachdem er das
junge Menschenkind vorsichtig in seinen Armen gehalten und sein
Geburtstagsgeschenk gemacht hatte, »ich habe dir was zu erzählen.«
Sanders berichtete seine Geschichte, die Bosambo sehr unter-
haltsam fand. Als sich Sanders fünf Tage später auf der Rückreise
befand, landete Bosambo, der mit zehn ausgesuchten Leuten als
Paddler den Strom abwärts gefegt kam, bei Kikostadt. Er wurde
untertänigst bewillkommnet, und des Häuptlings beste Hütte
wurde für ihn rein gefegt.
»Bosambo«, sagte der Häuptling nach Beendigung des Mahles,
»mein Herz wird verwundet sein, wenn du uns diese Nacht verlassen
haben wirst.«
»Ich bin ein gutherziger Mann«, antwortete Bosambo. »Deshalb
werde ich diese Nacht noch nicht abreisen, denn der Gedanke an
deinen Kummer ließe mich nicht schlafen.«
»Herr«, beeilte sich der Häuptling zu sagen, »Kummer findet
an mir keinen Halt. Überdies werde ich sehr fest schlafen, und es
wäre geradezu schändlich, wollte ich dich deinem Volke entzie-
hen, das wie hungrige Menschen nach deiner Rückkehr seufzt.«
»Das ist wahr. Dennoch will ich noch eine Nacht hier bleiben,
weil mein Herz voll freundlicher Gedanken für dich ist.«
»Falls du heute Nacht gehst, Bosambo«, sagte der Häuptling
verlegen, »mache ich dir zwei Ziegen zum Geschenk.«
»Ziegen esse ich nicht«, antwortete Bosambo bedeutungsvoll,
»meine Religion verbietet mir das...«
»Ich will dir auch Salz geben.«
»Ich bleibe über Nacht«, versetzte Bosambo nachdrücklich.
»Morgen werde ich mir die Sache überlegen.«
Am nächsten Morgen ging Bosambo, um ein Bad im Flusse zu
nehmen; bei seiner Rückkehr sah er den Häuptling finster vor seiner
Hütte hocken.
»Hallo, Cetomati!« begrüßte Bosambo ihn, »ich habe Neuig-
keiten für dich, die dein Herz froh machen werden.«
Ein Hoffnungsstrahl leuchtete in den Augen des Häuptlings auf.
»Geht mein Bruder so bald?« fragte er anzüglich.
»Häuptling«, gab Bosambo säuerlich zurück, »wenn das gute
Nachricht für dich bedeutet, dann gehe ich. Und wehe dir und dei-
nem Stamme, denn ich bin stolz, und meine Leute sind es auch.
Aber ebenso sind sie berüchtigt wegen ihrer Rachsucht.«
Der Kikohäuptling stand erregt auf. »Herr«, sagte er demütig,
»meine Rede war sinnlos, denn siehe, vergangene Nacht habe ich in
Trauer darüber zugebracht, daß ich dich verlieren soll. Und nun
erzähle mir deine guten Nachrichten, damit ich mich mit dir freuen
kann!«
Aber Bosambo zürnte fürchterlich, und es dauerte einige Zeit,
ehe er beschwichtigt war.
»Das sind meine Neuigkeiten, Häuptling. Während ich badete,
sah ich in der Ferne einige Ochorikanus. Und ich denke, sie bringen
meine Ratgeber. Wenn das so sein sollte, dann bleibe ich vielleicht
noch lange bei dir. Freue dich!«
Der Kikohäuptling stöhnte.
Er stöhnte noch mehr, als die Kanus ankamen, denn sie brachten
Bosambo Verstärkung - zehn muntere Krieger, ungewöhnlich
groß und muskulös.
Er stöhnte unverhohlen, als der nächste Morgen zehn weitere
Krieger brachte und der Abend darauf weitere zwanzig.
Es sind Gerüchte am Fluß im Umlauf, die wenig schmeichelhaft
für die Eßlust der Ochori sind. Zum Beispiel: »Die Menschen essen,
um fett zu werden, aber die Ochori leben, um zu essen.« Und: »Ein
Maisfeld ernährt ein Dorf für ein Jahr, zehn Ziegen für einen Monat
und einen Ochori für einen Tag.«
Sicher waren Bosambos Leute ausgezeichnete Fresser. Sie aßen
und aßen und aßen; von Sonnenaufgang bis zum Erscheinen der
Sterne wechselten sie zwischen der Bereitung ihrer Mahlzeiten und
deren Unterbringung.
Das naive Kikovolk umstand sie und beobachtete mit Erstaunen,
wie ihre schönen Nahrungsmittel verschwanden.
»Ich merke schon, wir werden an Hunger sterben, wenn die Re-
genzeit kommt«, klagte ihr Häuptling in Verzweiflung. Er sandte
ein Eilkanu zu Sanders, aber der hatte kein Mitleid.
»Geh zu deinem Herrn!« befahl er dem Boten, »und sage ihm,
alles das sei sein Palaver! Wenn er diese Gäste nicht wünscht, soll er
sie rauswerfen, denn das Land gehört ja ihm, und er ist der
Häuptling.«
Das war ein schlechter Trost für Cetomati, denn die Ochori saßen
in seinen besten Hütten, aßen seine besten Nahrungsmittel auf und
fanden die besten Plätze an den Tanzfeuern.
Der Häuptling rief seine Vormänner zu geheimem Palaver zu-
sammen.
»Diese elenden Ochori ruinieren uns noch!« begann er. »Sind
wir denn Männer oder Hunde? Nun sage ich euch, Ratgeber und
Volk, morgen sende ich Bosambo und seine Strauchgesellen heim,
und wenn ich dabei zugrunde gehe.«
»Kwai!« riefen seine Räte einstimmig.
»Herr«, entgegnete einer, »in alten Zeiten war das Kikovolk sehr
wild und blutdürstig; vielleicht, wenn es unserer Beredsamkeit ge-
lingt, es aufzurütteln, wird es noch einmal wild und blutdürstig.«
Der Häuptling sah ungläubig drein. »Ich glaube nicht, daß das
Kikovolk so wild und blutdürstig wie in vergangenen Zeiten ist,
denn wir haben inzwischen viele fette Jahre gehabt. Was ich weiß, o
Freund, ist, daß die Ochori in der Tat sehr wild sind und daß
Bosambo schon viele erschlagen hat.«
Während der Nacht peitschte er seinen Mut hoch, und am Morgen
unterwarf er diesen Mut einer Probe.
Bosambo hatte in der Weise, wie es ihm als Herrscher und Ge-
bieter zukam, ein großes Jagdfest angesetzt, und er und seine
Mannen versammelten sich gerade dazu in der Dorfstraße, als der
Häuptling mit seinen Ratgebern herankam.
»Herr«, redete der Häuptling Bosambo im sanftesten Tone an,
»ich muß dir etwas offenbaren.«
»Ich höre!« sagte Bosambo.
»Du weißt, daß ich dich gern habe, Bosambo, und der Gedanke,
daß ich dich zur Heimkehr drängen muß - mit Geschenken -, ist
sehr traurig für mich.«
»Noch trauriger für mich«, entgegnete Bosambo in Unheil kün-
dendem Tone.
»Dennoch muß ich's, Herr«, antwortete der verzweifelte
Häuptling, »denn mein Volk ist wütend auf mich, weil ich euch so
lange in unsern Grenzen dulde. Ferner herrscht jetzt viel
Krankheit hier, und ich muß fürchten, daß du und deine prächtigen
Leute ebenfalls krank werden und sterben.«
»Nur ein Mann in der ganzen Welt, Häuptling«, sagte Bosambo
mit Überlegung, »hat jemals solche Demütigung über mich ge-
bracht, und, Häuptling, dieser Mann - wo ist er jetzt?«
Der Kikohäuptling antwortete nicht, weil er nicht wußte, was er
antworten sollte. Er konnte es ahnen, oh, sehr wohl konnte er es
ahnen, und Bosambos folgende Worte bestätigten ihm diese
Ahnung.
»Er ist tot«, sagte Bosambo feierlich. »Ich will dir nicht erzählen,
wie er starb, damit du nicht denken sollst, ich sei ein Prahler, noch
will ich dir sagen, wer ihn erschlug, noch dir seine Todesart
beschreiben, denn das würde dir Kummer bereiten.«
»Bosambo«, erwiderte der Häuptling aufgeregt, »das sind böse
Worte.«
»Ich sage keine bösen Worte, denn ich bin, wie du weißt, Sandis
Schwager, und das würde ihm großen Kummer bereiten. Ich sage
nichts, du kleiner, kleiner Häuptling.«
Mit einer herablassenden Handbewegung schritt Bosambo von
dannen, sammelte seine Leute und zog mit ihnen dem Flußufer zu.
Es war umsonst, daß der Kikohäuptling ungeheure Mengen
Nahrungsmittel und Geschenke in jedem Kanu Bosambos aufge-
häuft hatte und das Salz säckeweise sogar unter die Paddler verteilt
worden war.
Es ist richtig, daß Bosambo alles dies nicht wieder auslud, aber
offensichtlich verachtete er alles. Der Kikohäuptling stand in seiner
Angst und Verlegenheit erst auf einem Bein, dann auf dem anderen
und war bestrebt, dem Abschied ein heiteres Aussehen zu geben,
aber Bosambo blieb schweigsam, abweisend und schaute unsagbar
düster drein.
»Herr«, wandte sich der Kikohäuptling an ihn, »wann soll sich
mein Herz wieder über den Anblick deines schönen Gesichtes
freuen?«
»Wer weiß?« gab Bosambo geheimnisvoll zurück. »Wer kann
sagen, wann ich oder meine Freunde zurückkommen? Denn viele
Menschen lieben mich - Isisi, N'Gombi, Akasava, Bongindi und
die Urwaldpygmäen.«
Er trat vorsichtig in sein Kanu.
»Ich sage euch«, er erhob feierlich seinen Zeigefinger, »daß das,
was immer auch über euch kommen mag, nicht mein Palaver ist.
Wer auch immer euch heimlich in der Nacht beschleichen mag,
Bosambo wird es nicht sein. Ich rufe alle Menschen hierfür zu
Zeugen an.«
Und damit fuhr er ab.
In dieser Nacht gab es ein Palaver, in dem alle Männer zugleich
sprachen und der Häuptling nervös an seinen Fingernägeln kaute.
Man erwartete bestimmt einen Angriff.
»Laßt uns ihnen kühn Widerstand leisten!« sagte der eine, der
schon früher diesen Rat gegeben hatte, »denn Calacala - in längst
vergangenen Zeiten - war das Kikovolk ein wilder und blutdürstiger
Stamm.«
Was immer die Kikos gewesen sein mochten, jedenfalls
herrschte kein Abenteurergeist mehr unter ihnen, und viele Stim-
men vereinigten sich, um den Geist, der Widerstand empfohlen
hatte, einen Narren und Schlimmeres zu nennen.
Während der ganzen Nacht befanden sich die Leute unter Waffen.
Einmal ließ sie der Ruf eines Vogels mit Angstgeschrei nach ihren
Hütten flüchten; ein anderes Mal stieß ein umherirrender Büffel
auf prahlerische Vorposten und jagte sie auseinander. Nacht für
Nacht hielten die verängstigten Kikoleute Wache und schliefen des
Tages, so gut sie konnten.
Man bekam keinen Feind zu Gesicht. Die Spannung, in der sie
gehalten wurden, war schlimmer, als es das Auftauchen bewaffneter
Krieger gewesen wäre. Ein Bote ging ab, um Sanders von der
Angst und den Befürchtungen der Leute zu benachrichtigen, aber
Sanders war dickfellig.
»Wenn euch irgend jemand angreifen sollte, werde ich mit meinen
Soldaten kommen. Und für jeden von euch, der getötet wird, werde
ich wieder einen eurer Feinde töten.«
»Herr«, antwortete der Bote, des Häuptlings Sohn, »wenn wir
erst tot sind, soll es uns wenig kümmern, wer lebt oder stirbt. Ich
bitte dich daher, Herr, schicke deine Soldaten mir mir, denn unser
Volk ist müde und furchtsam.«
»Begnügt euch damit, daß ich euch die Steuern erlassen habe!
Das Palaver ist aus«, sagte Sanders.
Der Bote kehrte zu seinem niedergeschlagenen Stamm zurück.
Sanders befand sich zu diesem Zeitpunkt nicht weiter als eine
Tagereise entfernt von den Kikoleuten - und ein furchtkrankes,
müdes Volk wartete in Verzweiflung auf die Verwirklichung seiner
Ängste.
Sie hätten in alle Ewigkeit warten können, denn Bosambo war
längst in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sie beinahe vergessen,
und Isisi und Akasava, die die Kikoleute aus irgendeinem
Grunde als die besonderen Schützlinge Sanders" ansahen, dachten
nicht mehr daran, sie anzugreifen, als sie an die Möglichkeiten
dachten, Sanders selbst anzugreifen, und die N'Gombi hatten ihre
Lektion weg.
So standen die Dinge, als das Lulunguvolk, das drei Tagesreisen
hinter den Akasava hauste, den Fluß herunterkam, um nach
Kampf und Beute zu spähen. Zwei Jahre lang waren sie ruhig ge-
wesen, nun machten sie sich wie hungrige, wildernde Hunde auf
den Flußweg - in sechs mit Schlamm und Binsen besudelten
Kriegskanus.
Sie fanden Unterkommen in den Fischerdörfern, denn deren
Bewohner, friedliebende Seelen, flohen bei der ersten Kunde ihrer
Annäherung. Sie kamen an den Ochori vorüber, indem sie sich
vorsichtig in der Mitte des Stromes hielten. Es gab eine Zeit, da die
Ochori sie mit allem Nötigen versehen hätten, aber jetzt schnappten
Bosambos Leute bissig um sich.
»Trotzdem«, meinte Gomora, der stellvertretende Häuptling
der Lulungu, zu seinen Vormännern, »laßt zwei Kanus an Land
paddeln, denn da wir so stark sind, werden sich uns die Ochori
nicht widersetzen.«
Zwei Kanus lösten sich aus der Flottille und steuerten landwärts.
Ein Hagel von Pfeilen fiel in ihrer Nähe nieder; da zogen sie sich
zurück.
Das Isisiland ließen sie unbehelligt liegen, den Akasava gingen
sie aus dem Wege, soweit sie nur konnten, denn die Lulungu waren
grausamer als tapfer und geneigter zu kalter Metzelei als zu heißem
Kampfe.
So schwankten sie mit ihren Kanus stromabwärts und machten
Beute, wie sie ihnen die unbeschützten Dörfer boten.
Es war ein recht uneinträgliches Unternehmen.
»Nun wollen wir zu den Kiko gehen«, sagte Gomora, »denn
dieses Volk ist sehr reich und außerdem sehr furchtsam. Wir wollen
sie aber nicht töten, denn dieser Teufel, Sandi, haßt uns, und er
wird die Stämme gegen uns aufstacheln, wie er das zu den Zeiten
unserer Väter getan hat.«
Sie warteten, bis die Nacht hereingebrochen war, und dann
stürzten sie sich unter dem Schatten des Flußufers schweigend auf
ihre Beute.
»Wir wollen sie erschrecken«, sagte Gomora, »dann werden sie
uns geben, was wir fordern. Und dann werden wir sie zwingen,
bei Iwa zu schwören, daß sie Sanders nichts davon verraten - es
wird sehr einfach sein.«
Die Lulungu kannten das Kikovolk zu gut. Sie landeten an ei-
nem geeigneten Platz und verfolgten ihren Weg durch einen Wald-
streifen, ohne jene Vorsicht zu beobachten, die für ihr Vorgehen
nötig gewesen wäre, wenn es sich gegen einen kriegerischen Stamm
gerichtet hätte.
Als Sanders m fliegender Fahrt stromabwärts fuhr, die Geschütze
ausgeschwungen und klar zum Gefecht, seine bewaffneten Haussas
am Bug des Dampfers, stieß er auf zwei Kanus, die unzweifelhaft mit
Lungulu bemannt waren.
Er umkreiste sie und nahm sie gefangen. In einem dieser Kanus
befand sich Gomora, etwas geschwächt vom Blutverlust, aber
noch mehr vor den Kopf geschlagen.
»Herr«, klagte er bitter, »seit du gekommen bist, hat sich die
ganze Welt verändert. Einst waren die Ochori ein gefundenes
Fressen für mich und mein Volk, denn sie waren sehr furchtsam.
Dann auf einmal wurden sie durch einen gewissen Zauber wilde
Krieger. Und nun, Herr, sind auch die Kikoleute, die noch stromauf
und -ab als sanftmütig bekannt sind, zu richtigen Satanen ge-
worden.«
Sanders wartete, und der Häuptling fuhr fort.
»Vergangene Nacht kamen wir zu den Kiko, um dort zu über-
nachten, und in der Dunkelheit des Waldes überfielen sie uns mit
großem Geschrei. Und siehe, Herr, von zehn Kanus sind diese
Leute alles, was übrig geblieben ist, denn die Kikoleute warteten
auf unser Kommen.«
Er sah Sanders ernst an.
»Sage mir nur, Herr, welchen Zauber gebrauchen die Weißen,
um aus Feiglingen Männer zu machen?«
»Das brauchst du nicht zu wissen«, antwortete Sanders diplo-
matisch, »aber du kannst das getrost zu einem Sprichwort deines
Volkes machen: >Jede Ratte kämpft in ihrem eigenen Loch, und
Furcht kämpft grimmiger als Haß.<«
Sanders fuhr nach Kikostadt; er kam gerade rechtzeitig, um einen
Kriegszug zu verhindern, denn die Kikoleute, ganz erfüllt von der
Anmaßung über ihr eigenes Können, sammelten einen Heerhaufen,
um die Ochori anzugreifen.
»Ich habe dir oft gesagt«, prahlte der Häuptling voll Stolz, »daß
die Kikoleute fürchterlich und blutdürstig seien, und nun, sieh her,
Herr! - In der Nacht haben wir unsere Unterdrücker erschlagen,
denn der Geist unserer Väter kam über uns, und unsere Feinde
konnten uns nicht widerstehen.«
»Ausgezeichnet!« antwortete Sanders m der Landessprache.
»Nun sehe ich ein Ende aller Steuerpalaver, denn in der Tat, meine
Soldaten und der Puck-a-Puck werden nicht mehr von euch ge-
wünscht. Dennoch, für den Fall, daß die Lulunguleute zurück-
kehren sollten - denn ihrer sind so viele wie Sandkörner im Fluß -,
werde ich euch Krieger zu Hilfe senden.«
»Herr, du bist wie unser Vater und unsere Mutter«, sagte der
Häuptling angenehm berührt.
»Darum will ich Bosambo bestimmen, dessen Herz mit euch
fühlt, daß er mit seinen Kriegern hierher kommt, um eine Zeitlang in
eurer Stadt zu bleiben.«
In des Häuptlings Gesicht arbeitete es krampfhaft. Er sah aus,
als ob er eine bittere Medizin verschlucke.
»Herr«, bat er bewegt, »wir sind ein armes Volk. Dennoch wollen
wir dir unsere vollen Steuern bezahlen, denn am Ende dürfte uns
das billiger kommen als Bosambo und seine verfressenen Teufel.«
»Das glaube ich auch«, sagte Sanders.
Der Aufstieg des Kaisers
Tobolaka, der König der Isisi, wurde, da er ein Christ war, wegen
seiner Vorzüge zum Bakkalaureus der schönen Künste ernannt.
Eine Zeitlang regierte er sein Land weise, und er hätte in allen Ehren
grau werden können, aber ein allzu großer Ehrgeiz gewann die
Oberhand über ihn.
Denn Tobolaka war, als er noch ein Knabe war, von einem allzu
eifrigen Baptisten mit nach Amerika genommen worden; er wurde
auf einem College erzogen und hatte sogar Vorträge in Amerika
und England gehalten. Er machte, wie man mir berichtete, ganz
leidliche lateinische Verse, erklärte gewandt die freie Silberwäh-
rung Mr. Bryans und trug Lacklederschuhe mit breiten seidenen
Schnürsenkeln.
In London zog er die Aufmerksamkeit eines neugebackenen
Unterstaatssekretärs für die Kolonien auf sich. Dieser Unter-
staatssekretär war ein Neffe des Ministerpräsidenten, ein Vetter
des Kriegsministers und Schwiegersohn des Großkanzlers; aus
diesem Grunde hatte er Verbindungen, die die meisten Unter-
staatssekretäre für gewöhnlich nicht besitzen.
»Was für Pläne haben Sie, Mr. Tobolaka?« fragte ihn der Unter-
staatssekretär.
Herr Tobolaka war etwas zurückhaltend. »Ich fühle, Mr. Car-
dow«, sagte er, »daß meine Lebensaufgaben in meinem Lande liegen
- nein, ich will damit nicht etwa sagen, daß ich irgendwelche
Neigung für den Missionarsberuf habe. Für die Verwaltung fühle
ich mich schon eher berufen. Ich bin, wie Sie ja wissen, ein Isisi,
also reiner Bantuschlag, soweit die Sage diese Streitfrage unter-
stützt, und ich habe oft daran gedacht, daß hier außergewöhnliche
Möglichkeiten für eine Verbindung von Interessen liegen, da die
Isisi eine herrschende Rasse sind. In der Tat...«
»Eine glänzende Idee...! Eine großartige Idee!« rief der Unter-
staatssekretär begeistert.
Dieser junge Mr. Cardow suchte schon seit Jahren nach irgend-
einem Plan, den er zu seinem eigenen Nutzen fördern könne. Nach
Art aller sich entfaltenden Parlamentarier suchte er sehnlichst nach
einem Unternehmen, das Zeitungsartikel und Abhandlungen nach
sich zöge und ihm den Beifall oder die Mißbilligung der Presse ein-
trüge, je nach den besonderen politischen Schattierungen, die die
einzelnen Zeitungen vertraten.
Deshalb entwickelte er in der Stille seines Zimmers in Whitehall
Court einen Plan, den er seinem Vorgesetzten unterbreitete. Dieser
große Geist versprach, die Arbeit an einem bestimmten Tage zu
lesen, und war bestürzt, als er sich einer Schrift von vierzig Fo-
lioseiten in Maschinenschrift gegenübersah, gerade in dem Augen-
blicke, als er den 10 Uhr 35 Minuten abgehenden Zuge nach den
Cotswold-Golf-Feldern zu erreichen eilte.
Er stopfte das Manuskript in seine Aktenmappe und vergaß es
gänzlich. Bei seiner Rückkehr in die Stadt entdeckte er, daß er
durch irgendwelchen unglücklichen Zufall den Entwurf zu dem
großen Plan irgendwo liegengelassen hatte.
Da er indessen nicht umsonst Politiker war und sich also zu helfen
wußte, schrieb er an seinen Untergebenen.
»Lieber Cardow, ich habe Ihr wertvolles Dokument mit mehr
als gewöhnlichem Interesse gelesen. Ich halte es für eine ausge-
zeichnete Idee.« - Er wußte, es war eine Idee, weil Cardow ihm
das gesagt hatte. - »Aber ich sehe viele Schwierigkeiten. Schicken
Sie mir doch eine Abschrift davon! Ich möchte es einem Freunde
senden, der mir sein Sachverständigenurteil darüber abgeben soll.«
Es war ein schlauer, aber ein unvorsichtiger Brief, denn auf
Grund dieses Briefes erwarb der Unterstaatssekretär die Sympa-
thien und den tatkräftigen Beistand der Kollegen seines Vorge-
setzten.
»Hier haben wir einen Eingeborenen, und zwar einen Eingebo-
renen von Erziehung, der patriotisch gesinnt und intelligent ist
und voller Pläne steckt. Es ist das eine seltene Gelegenheit, eine
glänzende Gelegenheit. Lassen Sie ihn in sein Vaterland zurück-
kehren und dort seinen Faden spinnen!«
Diese Unterhaltung fand im Zimmer des Ministerpräsidenten
statt; es waren drei Minister der Krone anwesend, einschließlich
eines Unterstaatssekretärs des Innern, der sich offensichtlich lang-
weilte, denn er verfolgte seine eigenen Pläne und hätte viel lieber
ein von ihm entworfenes Handwerker-Grundstücksgesetz erörtert.
»Befindet sich nicht ein Distriktsgouverneur Sanders in jener
Gegend?« warf er matt ein. »Ich glaube, mich eines solchen Na-
mens erinnern zu können. Und sind nicht Unzuträglichkeiten mit
den kleineren Häuptlingen wahrscheinlich, wenn wir so eine Sorte
von >Zentralafrikanischem Kaiser< einsetzen?«
»Darüber kommen wir schon hinweg«, meinte Cardow eifrig,
»und was Sanders anbetrifft, so erwarte ich dessen Unterstützung.
Eine am Isisifluß eingesetzte Dynastie könnte allen Unruhen ein
Ende bereiten, die wir dort gehabt haben.«
»Es könnte auch anderen Dingen ein Ende bereiten«, sagte der
ungeduldige Staatssekretär des Innern. »Zum Beispiel, wegen des
Grundstücksgesetzes sollten wir, denke ich, Cronks Verbesse-
rungsvorschlag annehmen.«
Einige Wochen später wurde Mr. Tobolaka nach Whitehall
Court gerufen.
»Ich glaube, Mr. Tobolaka«, begann Cardow zuvorkommend,
»ich habe alles so weit, um einen Versuch mit unserem Plan zu ma-
chen. Die Regierung hat zugestimmt - nach einem harten Kampf
mit den maßgebenden Stellen, gebe ich zu -, Sie am Isisi als König
und obersten Herrscher über die Isisi, Ochori, N'Gombi und
Akasava einzusetzen. Man wird Ihnen eine jährliche Apanage zu-
billigen und Ihnen eine Residenz in der Isisistadt bauen. Sie werden
Mr. Sanders etwas - äh - schwierig finden, aber Sie müssen eben
große Geduld haben.«
»Herr«, antwortete Tobolaka mit tiefer Bewegung, »ich bin Ihnen
ewig zu Dank verpflichtet. Sie waren wahrhaftig gütig gegen mich,
und ich hoffe, ich werde alles zum besten lenken.«
Während der Fahrt Tobolakas nach seinem Reich befahl Sanders
alle Häuptlinge zu einem Palaver, und sie kamen, um ihn in der
Isisistadt zu treffen.
»Häuptlinge und Älteste«, redete Sanders sie an, »ihr wißt, daß
das Isisivolk sich vor vielen Monaten in einem unglücklichen Au-
genblick erhob, um vom Gesetz verbotene Opfer zu bringen. Deshalb
kam ich damals mit meinen Soldaten und nahm den König mit mir in
die Stadt der Ketten, wo er sich noch befindet. Weil nun die
Isisileute ein unzuverlässiges Volk sind, setzt meine Regierung einen
neuen König ein. Dieser neue König ist Tobolaka, der Sohn Yoka
'n'kemas, des Sohnes Ichulomos, des Sohnes Tibilinos.«
»Herr«, schnappte ein Isisiältester, »diesen Tobolaka kenne ich.
Die Missionare nahmen ihn mit sich in ihr eigenes Land, wo er
lernte, ein Weißer zu werden.«
»Dennoch verspreche ich euch, daß er schwarz ist«, entgegnete
Sanders trocken, »und er wird noch schwärzer werden. Außer-
dem, ihr Häuptlinge von Ochori, N'Gombi und Akasava, dieser
neue König wird auch euch regieren, da er als Oberherrscher dieser
Gegenden eingesetzt ist. Und ihr sollt ihm Geschenke bringen und
Tribut zahlen, wie das Sitte ist.«
Verhängnisvolles Schweigen trat ein.
Darauf sprach O'kara, der Häuptling der Akasava, ein alter und
anmaßender Mann:
»Herr«, sagte er, »ich habe viele Dinge gelernt, so zum Beispiel
geheimnisvolle Dinge und Teufelszauber. Aber noch niemals in
meinem Leben habe ich gehört, daß die Akasava an die Isisi Tribut
zahlten. Denn, Herr, im Jahr der großen Überschwemmungen
fochten die Akasava mit den Isisi und schlugen sie in die Flucht;
auch zur Zeit, als es noch Elefanten gab, besiegten wir die Isisi zu
Lande und zu Wasser, ja, wir säßen heute in ihrem eigenen Lande,
wenn Eure Lordschaft nicht mit Soldaten und Geschützen ge-
kommen wäre und uns zur Rückkehr veranlaßt hätte.«
Die Akasavaältesten murmelten Beifall.
»Auch wir N'Gombileute«, sagte einer ihrer Häuptlinge, »sind
wackere Kämpfer, und oft haben die Isisileute vor unseren mächtigen
Schlachtrufen gezittert. Ich für meinen Teil schäme mich, wenn
ich Tobolaka Tribut zahlen müßte.«
Nun wartete man darauf, daß Bosambo von den Ochori in die-
sem Palaver das Wort ergriffe, aber dieser schwieg, weil er noch
nicht sicher war, worauf der Distriktsgouverneur hinaus wollte.
Andere Männer ergingen sich in weitschweifigen Reden, indem sie
das von ihren Häuptlingen hingeworfene Stichwort aufnahmen.
Nur die Ochorileute sagten nichts.
»Denn, wie sollte ich reden?« sagte Bosambo nach dem Palaver.
»Niemand weiß, wie Eure Lordschaft denkt.«
»Ihr habt doch Ohren«, antwortete Sanders etwas unwirsch.
»Groß genug sind sie«, gab Bosambo zu. »So groß, daß sie Eurer
Herrlichkeit schöne Stimme hören, dennoch sind sie nicht so lang,
um Eurer Herrlichkeit liebevolle Gedanken zu erraten.«
Sanders' Gedanken waren durchaus nicht liebevoller Natur, und
sie büßten an Liebesfülle von Tag zu Tag um so mehr ein, je näher
das Schiff kam, das Tobolaka nach seinem Reiche trug.
Sanders ging nicht an den Strand, um ihn zu empfangen. Er er-
wartete Tobolaka auf der Veranda seines Wohnhauses, und als
dieser ankam, von Kopf bis Fuß in fleckenlosem Weiß und einen
Tropenhelm genau nach kolonialem Muster auf dem Schädel,
fluchte Sanders geläufig auf alle sich dreinmischenden und experi-
mentierenden Regierungen.
»Ah, Mr. Sanders, ich darf mir wohl erlauben?« sagte Tobolaka
auf englisch und streckte ihm seine Hand entgegen.
»Häuptling«, antwortete Sanders im Isisidialekt, »du weißt, daß
ich Sandi bin, deshalb rede nicht wie ein Affe, sondern sprich lieber
die Sprache deines Volkes, dann werde ich dich besser verstehen
und du mich auch.«
Tobolaka hatte sich nämlich eine würdevolle kleine Rede ausge-
dacht, in deren Verlauf er beabsichtigte, Sanders zu der glänzenden
Verfassung, in der sich dessen Bezirk befand, zu beglückwünschen
und ihn seiner eigenen freudigsten Mitarbeit zu versichern, und die er
in einer Versicherung seiner Wünsche ausklingen zu lassen ge-
dachte, daß immer herzlichstes Einvernehmen zwischen ihm und
dem Staate bestehen möge.
Diese Rede war nach dem Vorbild einer ähnlichen Rede ent-
worfen, die König Peter von Serbien gehalten hatte, als er die
Krone annahm. Aber unglücklicherweise war diese Rede englisch
abgefaßt, und der am nächsten kommende Ausdruck für Beglück-
wünschung im Isisidialekt ist eine landläufige Phrase, die wörtlich
meint: »Hoher Mann sieht freundlich auf Hund von einem Sklaven,
der zu seinen Füßen liegt.« Und das, empfand Tobolaka, wäre
natürlich verfehlt gewesen, denn er war doch gekommen, um den
Distriktsgouverneur auf seinen Platz zu verweisen.
Sanders ließ sich später herbei, englisch zu sprechen, als Tobolaka
sich über die Minister seines zukünftigen Kabinetts unterhielt.
»Ich werde - auf den Vorschlag des Premierministers hin - be-
müht sein, Bezirksräte einzusetzen«, sagte Tobolaka. »Ich glaube, es
ist möglich, den Eingeborenen zu einem Verständnis seiner
Verantwortlichkeit zu bringen. Wie Cicero sagte...«
»Kümmere dich doch nicht um Cicero!« sagte Sanders kalt. »Es
handelt sich nicht darum, was Cicero sagte, sondern darum, was
Bosambo sagen wird. Es gibt Philosophen an diesem Fluß, die die
Alten weit hinter sich lassen.«
Tobolaka fuhr in einem ihm von den Isisileuten gesandten Kanu
nach seinem neuen Heim. Er winkte mit dem Zaunpfahl, daß ein
feierlicher Einzug an Bord der »Zaire« recht angebracht wäre.
»Und ein Salut mit zehn Geschützen!« knurrte Sanders in der
Isisisprache. »Mach, daß du in dein Land kommst, Häuptling, ehe
ich meine Geduld verliere, denn ich bin nicht in Stimmung, mit dir zu
palavern.«
Tobolaka hielt sich lange genug am Bezirksamtssitz auf, um pri-
vatim an den bewundernswerten Herrn Cardow zu schreiben; er
klagte, daß das Verhalten des Distriktsgouverneurs ihm gegenüber
wenig entgegenkommend gewesen sei. Dieser habe ihm gegenüber
eine beklagenswerte Abneigung gezeigt. Der Brief schloß mit ach-
tungsvollen Wünschen für Mr. Cardows Gesundheit und einem
Nachsatz, der sich bezeichnend und unheilvoll in der Richtung
bewegte, daß der Schreiber hoffe, die guten Beziehungen, die bereits
zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten beständen,
durch Mittel, die er nicht angab, weiter zu festigen.
Der ausgezeichnete Mr. Cardow war offensichtlich durch diese
rätselhafte Nachschrift vor eine schwierige Frage gestellt, aber er
war zu beschäftigt, um Tobolaka zu antworten.
Tobolaka kam in seiner Stadt an und wurde stürmisch von einem
Volke bewillkommnet, das jederzeit bereit war, über etwas zu ju-
beln, das Tänze und Feste versprach.
Er saß in seinem weißen Tropenanzug und weißen Tropenhelm im
Palaverhaus, einen Kavalleriepallasch (den Sanders nicht gesehen
hatte) zwischen den Knien und die weiß behandschuhte Hand auf
dem Degenkorb.
Er hielt eine Ansprache in der Isisisprache, die sie verstanden,
und sprach dann auf englisch zu ihnen, das sie nicht verstanden,
aber für wundervoll hielten. Er rezitierte auch so viel aus der
»Ilias«, wie er sich zu erinnern vermochte; dann wurde er im Tri-
umph und ein wenig heiser zu dem Häuplingshaus geleitet, wo
junge Mädchen ihn bedienten und zu seiner Unterhaltung vor ihm
tanzten.
Sanders erfuhr von diesen Dingen, und nicht nur davon. Er er-
fuhr, daß die Isisi nach europäischer Art regiert werden sollten.
Eines Tages kam Gala zu Tobolaka, ein verleumderischer Ältester
aus dem Dorfe Toroli, mit glatten schmeichlerischen Worten. To-
bolaka ernannte ihn zum Justizminister, obwohl der Kerl ein be-
rüchtigter Dieb war. Mijilini, den Häuptling eines Fischerdorfes,
machte er zu seinem Kriegsminister; er hatte einen Minister des
Innern, einen Landwirtschaftsminister und einen Fischereikom-
missar.
Sanders, der flußaufwärts dampfte, stieß auf das Kanu Limibo-
los, des Akasavamannes, und es war mit Zeug und Speeren ge-
schmückt, wie zu einer Hochzeit.
»Herr«, sagte Limibolo würdevoll, »ich fahre nach meinem
Dorf, um da ein Palaver zu halten, denn mein Herr und König hat
mich mit einem gewissen Namen bezeichnet, den ich zwar nicht
verstehe, aber der mit dem Aufhängen von Bösewichtern zu tun
hat, und, bei Iwa! ich kenne zwei Leute in meinem Dorfe, die mir
Salz schulden, und, beim Tode! sie sollen sofort hängen!«
»Dann werde ich kommen, und du sollst auch hängen«, sagte
Sanders mißgestimmt. »Darauf kannst du dich verlassen!«
Es sickerte durch, daß der lustige Limibolo zum Sheriff ernannt
worden war. Tobolaka war im Begriff, zur Erhöhung seines Anse-
hens eine Armee zu schaffen, als Sanders auf der Szene erschien. Er
kam ohne Ankündigung, und Tobolaka hatte keine Gelegenheit,
ihn mit jener Pracht zu empfangen, zu der der König sich selbst
sowie dem Vertreter des Governments gegenüber sich für
verpflichtet hielt.
Aber er hätte reichlich Zeit gehabt, um an das Ufer hinunterzu-
gehen und den Distriktsgouverneur zu begrüßen, wie es Sitte war.
Statt dessen blieb er vor seiner Hütte sitzen und sandte seinen
diensttuenden Minister, den Lumpen Gala.
»O Gala«, sagte Sanders, als er über die schmale Laufplanke von
der »Zaire« an Land trat, »was stellst du in diesem Lande vor?«
»Herr, ich bin ein großer Diebfänger auf Befehl meines Königs.
Auch halte ich das Böse in Schach, wo immer es auftritt.«
»OKo!« klang es in beleidigendem Ton von Sanders, »da du der
größte Dieb von allen bist, halte ich es für das beste, du fängst erst
dich selbst, ehe ich dich fange.«
Sanders ging durch die Stadt.
Der König war geschäftig gewesen. Rohe Tafeln waren an jeder
Straßenecke errichtet worden. Es gab da eine »Downing Street«,
eine »Fifth Avenue«, eine »Sacramentostraße«, ein »Piccadilly«
und einen »Broadway«. »Das hier«, erklärte Gala, »sind gewisse
Teufelszeichen, die mein König aufgestellt hat, um Hexen und
böse Geister zu warnen, und sie müssen eine große Zauberkraft
haben, denn, Herr, mein Sohn, der an Magenkrämpfen litt, wurde
hier« - er zeigte auf »Broadway« - »von seinen Schmerzen be-
freit.«
»So, so«, sagte Sanders.
Tobolaka erhob sich von seinem Thron und bot Sanders die
Hand.
»Es tut mir leid, Mr. Sanders«, begann er, »daß Sie mir Ihre An-
kunft nicht vorher angekündigt haben.«
»Wenn ich ein anderes Mal komme, Tobolaka«, Sanders starrte
mit seinen durchdringenden grauen Augen auf die weißgekleidete
Gestalt, »dann hast du ans Ufer zu kommen und mich dort zu er-
warten, wie das Sitte ist.«
»Aber nicht Gesetz«, lächelte der König.
»Meine Gepflogenheiten werden hier Gesetz«, sagte Sanders. Er
ließ seine Stimme sinken, bis sie wenig über ein Flüstern ging.
»Tobolaka«, sagte er, »ich habe deinen Vater gehängt und, wenn
ich nicht irre, auch dessen Vater. Nun höre auf mich! Du magst
dieses Königsspiel so lange spielen, als es deinem Volke Spaß
macht, aber du spielst es ohne Soldaten. Solltest du ein Heer, zu
welchem Zweck es auch immer sein mag, aufstellen wollen, dann
werde ich kommen, euere Stadt verbrennen und dich auf den Weg
deiner Vorfahren senden, denn in diesem Lande gibt es nur einen
König, und ich bin sein erster Minister.«
Im Gesicht des Königs arbeitete es, und er schlug die Augen zu
Boden.
»Herr«, antwortete er, indem er das landläufige »Iwa« seines
Stammes anwandte, »ich beabsichtigte damit nichts Böses. Ich
wünschte damit nur, mein Weib zu ehren.«
»Du wirst es am besten ehren, wenn du mich ehrst«, gab Sanders
zurück.
»Cicero sagt...«, begann Tobolaka auf englisch.
»Zum Teufel mit Cicero!« antwortete Sanders bissig in derselben
Sprache.
Er blieb an diesem Tage da, und Tobolaka machte seine Unhöf-
lichkeit wieder gut. Gegen Abend hörte sich Sanders Tobolakas
Klagen an, denn dieser hatte seine Nöte.
»Ich habe alle Häuptlinge zu einem Palaver laden lassen«, sagte er,
»da ich wünschte, ein System entsprechend den Grafschaftsräten
einzurichten. Darum sandte ich zu den Akasava-, zu den
N'Gombi-, zu den Ochorihäuptlingen. Nun, Herr«, fuhr der ver-
letzte Tobolaka fort, indem er ins Englische zurückfiel, »keiner
dieser unhöflichen Kerle...«
»Rede in der Landessprache, Tobolaka!« befahl Sanders gelang-
weilt.
»Herr, kein Mann kam«, antwortete der König. »Auch Tribut
haben sie mir nicht gesandt. Und ich wollte sie gern bei meinem
Hochzeitsfeste haben, damit mein Weib einen guten Eindruck
empfängt. Und da ich christlich getraut werde, wäre es gut, wenn
diese kleinen Häuptlinge einmal mit ihren eigenen Augen die Ge-
bräuche der Gottesmänner kennenlernten.«
»Dennoch kann ich die Häuptlinge nicht zu deinem Palaver
zwingen, Tobolaka«, antwortete Sanders.
»Herr«, fuhr der Häuptling fort, einer dieser Leute ist Moham-
medaner und hat eine böse Zunge. Und als ich ihm sagen ließ, er
solle mir huldigen, antwortete er mir mit so entsetzlichen Worten,
daß ich sie nicht wiederholen kann.«
»Du mußt dir deine Häuptlinge warmhalten, König«, riet Sanders
und gab dem niedergeschlagenen Häuptling keine herzlichere
Ermunterung.
Sanders reiste am nächsten Tage an seinen Sitz zurück und vergaß
in der Eile, danach zu fragen, wann das Hochzeitsfest stattfände.
»Und je eher er heiratet, desto besser«, sagte er zu dem Haupt-
mann der Haussatruppe. »Nichts fällt einem so auf die Nerven wie
ein europäisierter und amerikanisierter Eingeborener. Es ist ein
ebenso abstoßender Anblick wie ein vernegerter Weißer.«
»Er wird sich schon beruhigen, es geht nichts über ein Weib«,
sagte der Haussa. »Es soll mich nicht wundern, wenn er darüber
sogar den alten Cicero vergißt. Wessen Häuptlings Tochter soll
denn die Ehre haben?«
Sanders schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht; es ist mir auch
gleichgültig. Er könnte vielleicht einen guten Häuptling abgeben -
ich gebe zu, daß ich gegen ihn voreingenommen bin. Es ist
ebenso leicht möglich wie nicht, daß er in Jahresfrist seine Arbeit
hinwerfen wird, wenn sie ihn inzwischen nicht >auffressen<. Diese
Akasava sind unsichere Teufel. Die Zivilisation übt eine mächtige
Anziehungskraft auf ihn aus. Er erhält fortwährend Briefe aus
England und Amerika.«
Der Schutztruppenhauptmann biß seiner Zigarre die Spitze ab.
»Ich hoffe, er wird Cicero nicht auf Bosambo anwenden«, sagte er
anzüglich.
Der nächste Tag brachte die Post - ein Ereignis. Gewöhnlich
war Sanders dann unten am Strand, um das Boot abzufangen, das
die Post brachte. Aber an diesem Tage tat er es nicht, weil er gerade
zwei Kundschafter anhörte, die mit wichtigen Nachrichten ge-
kommen waren. Aus diesem Grunde sah er auch den weiblichen
Fahrgast nicht, bis er auf der Schwelle seines Wohnhauses stand.
Sanders sah auf, als ein Schatten über die hölzerne Schwelle fiel,
erhob sich und entließ vorläufig die beiden Leute mit einer Hand-
bewegung. Dann ging er der Dame langsam entgegen.
Sie war klein und in gewisser Beziehung hübsch, das Gesicht
durch den Gang vom Strand zum Hause etwas gerötet. Ihre Züge
waren regelmäßig, ihr Mund klein, das Kinn trat etwas zurück. Es
schien ihr nicht ganz behaglich zumute zu sein.
»Guten Morgen«, begrüßte Sanders sie, durch die unerwartete
Erscheinung etwas unsicher. Er zog einen Stuhl für sie heran, und
sie ließ sich mit einem dankbaren Lächeln darauf nieder, be-
herrschte sich aber sofort, als ob sie sich selbst eine unangenehme
Aufgabe gestellt habe, und als ob sie sich durch eine höfliche
Handlung seinerseits nicht beeinflussen lassen wolle.
»Und was bringt Sie gerade hierher an diesen wenig einladenden
Ort?« fragte er sie.
»Ich bin Millie Tavish«, sagte sie. »Ich nehme an, daß Sie von
mir gehört haben.« Sie sprach mit einem sonderbaren Akzent. Als
sie ihm ihren Namen nannte, erkannte er es als Schottisch mit ame-
rikanischem Einschlag.
»Nein, ich habe nichts von Ihnen gehört«, antwortete Sanders.
»Ich nehme an, daß Sie auf eine Missionsstation in den Busch wollen.
Es tut mir leid - ich sehe nicht gern weibliche Missionare im
Lande.«
Sie lachte ein etwas schrilles, aber nicht unmelodisches Lachen.
»Soviel ich weiß, bin ich keine Missionarin«, antwortete sie artig.
»Ich bin die Königin.«
Sanders sah sie erwartungsvoll an. Gegen weiße Frauen in sei-
nem Bezirk hatte er eine wohlbegründete Abneigung. Verrückte
Frauenzimmer schloß er davon aus.
»Ich bin die Königin«, wiederholte sie, augenscheinlich ge-
schmeichelt von der Sensation, die sie hervorrief. »Du lieber Gott!
Ich habe mir's nicht träumen lassen, daß ich jemals eine Königin
werden sollte. Mein Großvater war nämlich Gärtner bei der Kö-
nigin Viktoria, ehe er nach New York kam.«
»Aber...«, stammelte der Distriktsgouverneur wie vor den
Kopf geschlagen.
»Es war so«, rasselte sie weiter. »Als Tobiaschen am theologi-
schen Seminar in Philadelphia studierte, war ich als Stütze bei Miß
Van Houten - es war 'ne Pension -, und Tobiaschen erwies mir
'ne höllische Menge Aufmerksamkeiten. Ich dachte zuerst, er mache
mir was vor, als er mir sagte, er würde ein König werden, aber er hat
es doch schließlich fertiggebracht. Und ich habe ihm jede Woche
geschrieben, und er sandte mir das Reisegeld, um hierher-
zukommen.«
»Tobiaschen?« fragte Sanders. »Wer ist Tobiaschen?«
»Mr. Tobolaka - König Tobolaka«, antwortete sie.
Ein Ausdruck des Erschreckens, den zu verbergen er sich nicht
die Mühe nahm, kroch über das Gesicht des Distriktsgouverneurs
»Sie - sind hierhergekommen, um ihn - zu heiraten? - Einen
Schwarzen?« fragte Sanders mühsam, nach Atem ringend.
Das junge Mädchen errötete tief. »Das ist meine Absicht«, ent-
gegnete sie förmlich. »Ich bin nicht hierhergekommen, um mir Ihren
Rat zu holen. Nebenbei - ich habe bereits von Ihnen gehört. Ihr
Name ist Dreck an dieser alten Küste, aber ich fürchte mich nicht
vor Ihnen. Ich habe einen Erlaubnisschein, nach Isisi zu gehen, und
nach Isisi gehe ich.«
Sie war aufgestanden und hatte beide Arme in die Hüften ge-
stemmt. Ihre Augen funkelten vor Zorn; denn mit echt weiblichem
Instinkt fühlte sie dieses Mannes heimliche Gegnerschaft.
»Meine Name mag Dreck sein«, gab Sanders ruhig zurück, »und
was die Leute über mich sagen, stört mich nicht im Schlaf. Aber
was die Leute sagen würden, wenn ich Ihnen erlaubte, ins Innere
zu gehen und einen Schwarzen zu heiraten, das nähme mir meine
Nachtruhe. Miß Tavish, der Postdampfer geht in einer Stunde
nach Sierra Leone. Dort werden Sie einen Dampfer finden, der Sie
nach England bringt. Ich werde für Ihre Überfahrt sorgen und
darauf sehen, daß man Sie in Southampton abholt und für ihre
Überfahrt nach New York sorgt.«
»Ich gehe nicht«, rief sie heftig. »Mit dieser Sorte Bluff kriegen
Sie mich nicht! Ich bin amerikanische Bürgerin, und kein aufge-
blasener britischer Beamter wird mich unterkriegen. So! Da haben
Sie's!«
Sanders lächelte.
Er war bereit, die Dinge nicht zu überstürzen, Verträge zu ver-
letzen, Krisen heraufzubeschwören, aber er war nicht bereit, etwas
zuzulassen, was er als eine Schmach empfand.
Sie bettelte und drohte abwechselnd, sie brach sogar in Tränen
aus. Um die Lage noch zu erschweren, war ein prächtiges Isisikanu
mit zwanzig Paddlern angekommen, um sie nach der Isisistadt zu
bringen. Und der Führer des Kanus hatte einen Brief ihres zukünf-
tigen Gebieters gebracht, in dem dieser sie in geschraubtem Eng-
lisch willkommen hieß. Sanders gestattete, daß der Bote ihr diesen
Brief ablieferte.
Schließlich begleitete Sanders, nachdem er sich schnell brieflich
mit dem Kapitän des Dampfers verständigt hatte, Millie Tavish an
den Strand.
Sie rief jegliches Unglück auf seinen Kopf herab, das sich in ihrem
Wortschatz vorfand. Sie warf ihm mit bezaubernder Unpar-
teilichkeit die Schlacht von Bannockburn und Bunkers Hill an seinen
dummen britischen Schädel. Ja, sie rief die Schatten Washingtons
und William Wallaces aus der Unterwelt an.
»Sie werden noch von mir hören«, rief sie, als sie in das Bran-
dungsboot kletterte. »Ich werde diese Geschichte jeder Zeitungs-
redaktion erzählen.«
»Danke!« sagte Sanders, seinen Tropenhelm in der Hand. »Ich
fühle, daß ich's nicht anders verdiene.«
Er beobachtete das Boot, wie es langsam zum Dampfer hin-
kroch, und kehrte in seinen Bungalow zurück.
Der Sturz des Kaisers
»Ärmster!« sagte der Schutztruppenhauptmann.
Er sah auf den Liegestuhl herunter, auf dem Sanders seine lah-
men Glieder rekelte.
»Und ist diese kriegerische Jungfrau fort?« fragte der Soldat.
»Fort ist sie«, antwortete Sanders.
Der Haussa klatschte in seine Hände, nicht um seinen Beifall
kundzutun, sondern um seine Ordonnanz herbeizurufen.
»Achmet«, wandte er sich ernst an diesen auf arabisch, »mische
für den Gebieter Sandi den Saft der Limonen mit gewissen ver-
schmitzten Zutaten, wie du sie sehr wohl kennst; laß das Getränk
kühl sein wie die Hand Azraels, des Todesengels, und süß wie das
Wasser von Nir und erfrischend wie die Küsse der Houris! Gehe
mit Gott!«
»Ich wünschte, Sie trieben keinen Unsinn«, bemerkte Sanders
gereizt.
»Wir befinden uns in einer ernsten Krise«, sagte Hamilton, der
Haussa. »Sie bedürfen eines Stärkungsmittels. Was mich betrifft,
wenn das mir zugestoßen wäre, läge ich mit einer ordentlichen
Fiebertemperatur im Bett. War sie sehr wütend?«
Sanders nickte. »Sie nannte mich im selben Atem einen briti-
schen Faulenzer und einen Juden. Sie warf mir jeden britischen
Aristokraten vor, der jemals eine amerikanische Erbin geheiratet
hat. Sie sprach fünf Minuten lang wie der New Yorker Berichter-
statter einer irischen Zeitung. Sie drohte mir mit der gesamten di-
plomatischen Rüstkammer Amerikas und der vollen Stärke ihrer
schottischen Ansichten; wenn sie sich entschlossen hätten, entweder
Schottin oder Philadelphierin zu sein, hätte ich ihr Rede stehen
können. Aber als sie mich zu einer Erwiderung über amerikanische
Einrichtungen aufgestachelt hatte, eröffneten die Batterien ihres
Küchenjargons das Feuer und brachten mich zum Schweigen.«
Der Haussa schritt auf der langen Veranda hin und her.
»Es war natürlich unmöglich«, bemerkte er ernst, »absolut un-
möglich. Sie wird in Sierra Leone an Land gehen und Tullerton in-
terviewen. Er ist der Vereinigte-Staaten-Konsul dort. Ich glaube,
sie wird überrascht sein, wenn sie Tullertons Standpunkt kennen-
lernt.«
Sanders ging zum Frühstück, und das Gespräch über Millie Ta-
vish wurde mit Unterbrechungen während des Mahles fortgesetzt.
»Wenn ich nicht Yoka Erlaubnis zum Ausbessern der Maschinen
der >Zaire< gegeben hätte«, sagte Sanders, »würde ich sofort nach
Isisi fahren und Tobolaka zur Rede stellen. Aber zur Zeit wird
Yoka ihre Zylinder auseinandergenommen haben. Doch da fällt
mir etwas ein«, fügte er plötzlich hinzu.
Er klatschte m die Hände, und Hamiltons Ordonnanz kam.
»Achmet«, befahl Sanders, »geh schnell zum Sergeanten Abiboo
und sage ihm, er soll den Isisikanuleuten, die heute morgen anka-
men, Essen geben und ihnen mitteilen, sie möchten warten, denn
ich hätte ein >Buch< an den König zu schreiben.«
»Bei meinem Leben!« sagte Achmet gewohnheitsgemäß und
ging.
»Ich werde ihm das, was ich zu sagen habe, in einem Brief
schreiben«, erklärte der Distriktsgouverneur, nachdem der Mann
im Laufschritt das Gehöft durchschritten hatte. »Und da der König
ein schnelles Kanu hat, wird er die Beweise meines Mißfallens
früher erhalten, als sie ihn sonst erreichen würden.«
Achmet kam innerhalb von fünf Minuten zurück, begleitet von
Abiboo.
»Herr«, begann dieser, »ich konnte deinen Befehl nicht ausführen,
denn die Isisi sind fort.«
»Fort?«
»Ja, Herr! Denn als die Dame vom Dampfer zurückkam, ging
sie geradewegs zu dem Kanu und...«
Sanders war aufgesprungen; er war blaß. »Als die Dame vom
Schiff zurückkam?« wiederholte er langsam. »Sie kam also zu-
rück?«
»Vor einer Stunde, Herr. Ich habe sie nicht gesehen, denn sie
ging auf dem kurzen Weg vom Seestrand zum Landungsplatz an
den Fluß. Aber viele andere haben sie gesehen.«
Sanders nickte. »Geh zu Yoka, er soll Dampf aufhaben, wenn
ich komme...«
Das Gesicht des Sergeanten war einzige Trauer. »Herr, Yoka hat
vieles auseinandergenommen. So hat er den Sch-Sch von der Ma-
schine genommen...«
Sanders stöhnte. »Dennoch will ich zu ihm gehen und wegen des
Dampfers mit ihm reden. Wenn er die Zylinder auseinanderge-
nommen hat, dann dauert es mehrere Stunden, bis die >Zaire< fertig
ist, und ich habe kein Kanu, um die Isisi einzuholen.«
Ein Haussa kam an die Tür.
»Telegramm für Sie!« sagte Hamilton, indem er dem Mann den
Umschlag abnahm.
Sanders riß es auf und las. Es kam aus London.
»Washington drahtet: >Wir erfahren, amerikanisches Mädchen
nach Isisi, Westafrika, gegangen, um Eingeborenen-König zu hei-
raten. Regierung bittet, Behörden anzuweisen, sie unter allen Um-
ständen zurückzuweisen. Wir entschädigen Sie für jede Handlung,
die sie hindert, ihre Absicht auszuführen. - Stellen alles Ihrem ei-
genen Ermessen anheim. Haben alle Behörden angewiesen. Mäd-
chens Name Tavish. - Kolonialamt.<«
Er hatte zu Ende gelesen, als Abiboo zurückkehrte.
»Morgen, zwei Stunden vor Sonnenaufgang, sagte Yoka, wird
er Dampf aufhaben, Herr.«
»Das hilft nichts mehr«, meinte Sanders, »dann müssen wir einen
anderen Weg einschlagen.«
Mit einem schnellen Kanu fährt man vom Sitz des Gouverneurs
bis Isisi drei Tage. Von Isisi bis nach Ochoristadt ist es eine Tages-
reise. Tobolaka hatte Zeit genug zu einem letzten Versuch, seinem
Hochzeitsfest einen glänzenden Anstrich zu geben.
Er ließ seinen Ratgeber Gala holen, damit er dem Ochorihäupt-
ling Bosambo schmeichelhafte Worte ausrichten und Geschenke
überbringen sollte.
»Wenn er sich weigert, mir zu Ehren zu kommen«, sagte Tobo-
laka, »dann melde ihm, daß ich ein Mann sei, der niemals vergibt
und daß ich eines Tages mit einem Heer zu ihm kommen würde,
und dann gäbe es Krieg.«
»Gebieter und König«, erwiderte der alte Mann, »du bist wie ein
Elefant, die Welt zittert unter deinen Füßen.«
»So ist es!« sagte der König. »Außerdem weißt du, daß mein
neues Weib eine Weiße und eine angesehene Person in ihrem eigenen
Lande ist.«
»Hab keine Angst, Gebieter!« sagte Gala schlau. »Ich werde ihm
schon etwas vorlügen.«
»Wenn du mir sagst, daß ich lüge, schlage ich dich tot, du alter
Affe«, rief Tobolaka wütend. »Was ich dir sage, ist wahr.«
Der Alte war wie vor den Kopf geschlagen. »Ein weißes Weib?«
sagte er ungläubig. »Herr, das ist eine Schande!«
Tobolaka schnappte nach Atem. Denn darüber war der
Schmeichler aller Schmeichler so überrascht, daß er sich zur Äuße-
rung einer der Ansicht seines Herrn entgegengesetzten Meinung
hinreißen ließ.
»Herr!« stammelte Gala, indem er seine lebenslange Schlauheit
außer acht ließ, »Sandi will das nicht haben. Ebensowenig wir, das
Volk. Wenn du schwarz bist und sie weiß ist, welche Farbe werden
dann die Kinder Eurer Herrlichkeit haben ? Beim Tode! Sie werden
weder schwarz noch weiß sein, sondern ein Volk für sich.«
Tobolakas Philosophie ging zum Teufel.
Er war sprachlos vor Wut. Er, ein Bakkalaureus der freien Künste,
der Günstling von Ministern, ein großer Lateiner, einer, der wie
die Weißen gekleidet ging, kritisiert von einem Barbaren, von einem
Wilden, von einem, der nackt herumlief und überdies ein Anbeter
von Teufeln war!
Auf seinen Befehl wurde Gala ergriffen und gepeitscht. Ge-
peitscht mit Riemen aus roher Haut. Und da Cala ein alter Mann
war, starb er.
Tobolaka, der noch niemals einen Menschen eines gewalttätigen
Todes hatte sterben sehen, empfand bei diesem Anblick ein außer-
ordentliches Vergnügen. In seiner Brust regte sich ein Jauchzen
wilder Freude, das er bisher noch nie gekannt hatte. In ihm unbe-
wußt schlummerndes Unkraut grundlosen Hasses und wilder
Grausamkeit wucherte innerhalb einiger Sekunden zum Leben
empor. Der Kragen seines weißen Drelljacketts wurde ihm zu eng; er
riß ihn auf, als die blutende, an Pflöcken auf die Erde gefesselte
Gestalt sich krümmte und stöhnte.
Dann riß er sich, als ob er einer inneren Gewalt gehorchen
müsse, zuerst die Jacke, dann die seidene Weste vom Leibe. Er
zerrte und riß an beiden und warf sie, ein zerlumptes kleines Bündel,
in die Hütte hinter sich.
So stand er da, barhäuptig und nackt bis an die Hüften. Seine
Ältesten sahen ihn an, Furcht in den Augen. Tobolaka fühlte, wie
sein Herz vor Freude über die neu entdeckte Macht höher schlug.
Niemals zuvor hatten sie ihn so gesehen. Er befahl einen Mann zu
sich.
»Du gehst zu Bosambo, dem Ochori«, befahl er, »und befiehlst
ihm, bei Gefahr seines Lebens zu mir zu kommen. Nimm Ge-
schenke mit zu ihm, aber vergiß unsern Stolz nicht, wenn du sie
ihm gibst.« - »Ich bin dein Hund«, sagte der Mann und kniete zu
seinen Füßen.
Tobolaka stieß ihn mit den Füßen fort und ging in sein Weiber-
haus, um dort ein Akasavamädchen zu peitschen, das sich an diesem
Morgen hatte hinreißen lassen, ihn zu verspotten, als er sich wie ein
Weißer gebärdete.
Bosambo hielt gerade Gericht, als der Bote des Königs gemeldet
wurde.
«Herr, da kommt ein Kanu, beladen mit frechen Isisileuten!«
lautete die Meldung.
»Bringt mir den Vormann!« befahl Bosambo. Man brachte den
Boten zu Bosambo, und dieser sah an der Pracht seines
Gewandes, an den vier roten Federn, die nach verschiedenen
Richtungen aus seinem Haar ragten, daß es sich um eine wichtige
Angelegenheit handelte.
»Ich komme vom König aller dieser Länder«, sagte der Bote,
»von Tobolaka, dem unstillbar durstigen Trinker der Flüsse, dem
Zerstörer allen Übels und der Unbotmäßigen.«
»Mann, du langweilst meine Ohren!« erwiderte Bosambo.
»Und folgendes ist meines Königs Botschaft«, fuhr der Bote
fort. »Bosambo soll zur Zeit des Sonnenuntergangs zu mir kom-
men, um mir und dem Weibe zu huldigen, das ich zu meiner Gattin
mache. Denn ich dulde weder Widersetzlichkeit noch Spott. Und
über die Widersetzlichen und über die Spötter werde ich kommen
mit Feuer und Speer.«
Bosambo war sichtlich erheitert.
»Sieh dich mal um, Kilimini!« sagte er. »Sieh dir meine Krieger
an und meine Ochoristadt und da drüben, bei den kleinen Hügeln,
die Felder, auf denen alles wohl gedeiht. Besonders sieh dir jene
Felder an den kleinen Hügeln genau an!«
»Herr, ich sehe sie«, gab der Bote zurück.
»Dann gehe zu Tobolaka, dem schwarzen Mann, zurück und
sage ihm, du habest diese Felder gesehen, die fruchtbarer als alle
Felder der Welt sind - und zwar aus einem ganz bestimmten
Grunde.«
Bosambo betrachtete lächelnd den Königsboten, der ein wenig
dumm dreinblickte.
»Der Grund ist der, Kilimini: Auf jenen Feldern verscharrten
wir viele Hunderte von Isisikriegern, die m ihrem Wahnsinn gegen
meine Stadt zogen - damals, als es noch Elefanten gab. Sage deinem
König: Ich hätte noch andere Felder, die darauf warteten, gedüngt
zu werden. - Das Palaver ist aus.«
Ein Vogel, dessen Gefieder ganz blau und weiß war, senkte sich
aus der Luft in weiten Kreisen zur Erde. Bosambo blickte aufwärts
und sah den Vogel seine Flugbahn verengen, bis er sich ermüdet
auf dem Rande eines roh gezimmerten Taubenschlages hinter Bo-
sambos Hause niederließ.
»Gebt dem Königsboten zu essen!« befahl Bosambo und ging,
um den geflügelten Boten einer Prüfung zu unterwerfen. Dieser
trank durstig aus einem kleinen Trog, der aus getrocknetem Lehm
gefertigt war. Bosambo störte seinen kleinen Diener bei der Be-
schäftigung nur so lange, um von dessen roten Beinchen ein Papier zu
lösen, das zweimal so groß und von der gleichen Beschaffenheit war
wie die Hülse einer Zigarette. Bosambo war kein großer Kenner des
Arabischen, aber er las den Inhalt geläufig, da Sanders sehr klare
Buchstaben schrieb.
»An den Diener Gottes, Bosambo. Friede sei mit deinem Hause.
Nimm ein Kanu und fahre sofort stromabwärts. Hier wirst du auf
ein Kanu Tobolakas, des Isisikönigs, stoßen. Ein weißes Weib
fährt darin. Du mußt das weiße Weib gefangennehmen, auch wenn es
sich weigert, mit dir zu gehen. Trotzdem mußt du es mit dir
nehmen und zu meiner und meines Königs Verfügung halten.
Sorge dafür, daß niemand dem Mädchen zu nahe tritt. Bei deinem
Kopfe! Sanders vom Strom und vom Volke, dein Freund, schreibt
dir dieses. Im Namen Gottes, gehorche!« Bosambo kam zu des
Königs Boten zurück. »Erzähle mir doch, Kilimini, was ist das für
ein großes Palaver, das dein König vorhat?«
»Herr, es ist ein Hochzeitspalaver«, antwortete der Mann, »er
schickt dir auch Geschenke.«
»Die nehme ich an«, antwortete Bosambo, »aber sage mir, was
für ein Weib heiratet er denn?«
Der Bote zögerte. »Herr«, antwortete er widerstrebend, »man
erzählt sich, es sei ein weißes Weib, das mein Gebieter geliebt hat,
als er die Gebräuche der Weißen lernte.«
»Mag er in der Hölle braten«, antwortete Bosambo, erschrocken
bis zur Gottlosigkeit.
»Aber zu welcher Hundesorte gehört denn dein Herr, daß er
solche Schamlosigkeit tut?«
»Herr«, antwortete Kilimini furchtsam, »das eine weiß ich, ob-
wohl ich mich fürchte, darüber zu sprechen: Unser König ist neu-
erdings fürchterlich. Wir Isisileute haben große Angst, daß er nicht
ganz richtig im Kopf ist.«
Bosambo drehte sich hastig um. »Geh nun, Kilimini! Später sehe
ich dich noch.« Er winkte dem Königsboten, sich zu entfernen.
Bosambo ging in sein Haus, und zwar in dessen innersten Raum.
Sein Weib saß da auf dem mit einem Teppich belegten Fußboden
des Frauengemachs und hatte ihr braunes Baby auf dem Schoß.
»Herz von Gold«, begrüßte Bosambo sie, »ich muß zu einem
Kriegspalaver gehen, da es Sandi so will. Alle Götter seien mir dir
und meinem trefflichen Sohne!«
»Und sie seien mit dir, Bosambo, Gemahl und Gebieter!« ant-
wortete sie ruhig. »Denn wenn das Sandis Palaver ist, dann ist es
ein gutes Palaver.«
Bosambo verließ sie und sandte nach dem Anführer seiner Krieger,
dem einäugigen Tembidini, auf den er sich verlassen konnte.
»Ich werde mit einem Kriegskanu nach dem Unteren Fluß fah-
ren«, sagte Bosambo zu ihm. »Nun siehe zu, daß mir fünfzig Krieger
folgen. Du selbst rufst das Volk auf und kommst mit einem Heer
dorthin, wo sich der Isisifluß zweimal windet wie eine sterbende
Schlange!«
»Herr, das heißt Krieg«, sagte der Anführer.
»Das werden wir sehen.«
»Herr, geht es gegen die Isisi?«
»Gegen ihren König. Ob gegen das Volk, wird sich später her-
ausstellen.«
Miß Millie Tavish dehnte sich üppig auf weichen Kissen unter ihrem
Strohdach, träumte Träume von Königtum und von einem
höflichen Neger, der seinen Hut vor ihr gezogen hatte. Sie beob-
achtete die schweißtriefenden Paddler, die mit rhythmischen
Schlägen das Wasser schaufelten und ein kleines Lied dazu sangen;
sie empfand bereits die Freuden des Herrschens.
Sie hatte nur einen höchst nebelhaften Begriff von der Stellung,
die sie einnehmen sollte. Wenn man ihr gesagt hätte, daß sie ihren
Ehemann mit einem halben Dutzend anderer Weiber teilen müßte -
mit Weibern, die dazu noch von Zeit zu Zeit ausgewechselt wurden -
wäre sie entsetzt gewesen.
Sanders hatte ihr diese Zukunft nicht vor Augen geführt; teils,
weil er ein Mann von zartem Empfinden war, teils, weil er glaubte, er
hätte diese Aufgabe auch ohne diese Erklärung gelöst.
Sie lächelte ein leises, triumphierendes Lächeln, sobald sie an ihn
und an die Art dachte, wie sie ihn überlistet hatte. Es war leichter
gegangen, als sie es sich vorgestellt hatte.
Sie hatte den Distriktsgouverneur beobachtet, bis er außer Sicht
war, dann hatte sie dem Kapitän der Barkasse befohlen, mit ihr an
den Strand zurückzukehren. Denn dort befand sich, als untätiger
Zeuge ihrer Einschiffung, der von Tobolaka gesandte Vertrauens-
mann. Überdies standen in dem Brief des Königs ein paar einfache
Worte in der Isisisprache und daneben ihre englische Übersetzung.
Sie dachte an viele Dinge: an die geschäftige Stadt, die sie hinter
sich gelassen hatte, an das traurige Boardinghaus, an ihre Ver-
wandten, die sich ihrer Abreise widersetzt hatten, an das kleine
Vermächtnis, das ihr zugefallen war, gerade als sie sich zur Abfahrt
anschickte, und das sie veranlaßt hatte, zu zögern, da ihr dieses
Vermächtnis erlaubte, in angenehmer Behaglichkeit zu leben.
Aber der Glanz eines Thrones - wenn auch nur eines zentralafri-
kanischen Thrones - blendete sie, Miß Tavish, die sich um Lohn
hatte verdingen müssen.
Und hier war die Wirklichkeit. Ein breiter Fluß, mit Bäumen
bestandene Ufer, hohe Binsen am Strand, die gefiederten Palmen
ihrer Träume, und die königlichen Ruderer mit ihrem leise klagenden
Gesang.
Sie kehrte in die Wirklichkeit zurück, als die Paddler aufhörten
zu paddeln. Nicht auf einmal und auf ein Kommandowort, son-
dern einer nach dem ändern, sowie er des auftauchenden Hinder-
nisses ansichtig wurde.
Vor ihnen befanden sich nämlich zwei Kanus, und die aneinan-
dergereihten Schilde auf der dem Königskanu zugekehrten Seite
leuchteten in roter N'golafarbe - und rote N'gola heißt Krieg.
Des Königs Vormann langte nur mit halbem Mut nach seinem
Speer. Das Mädchenherz schlug schneller.
»Ho, Soka!«
Bosambo, am Heck seines Kanus stehend, rief's.
»Daß mir kein Mann nach seinem Speere langt! Sonst stirbt er!«
rief Bosambo.
»Herr, das ist des Königs Kanu!« sprudelte Soka heraus, sich
den Schweiß von der Stirn wischend. »Und du tust etwas Schänd-
liches! Denn es herrscht Friede im Lande.«
»So sagt man«, wich Bosambo aus.
Er brachte sein Fahrzeug längsseits des anderen Kanus.
»Lady«, sagte er in seinem besten Küstenenglisch, »du liebst zu
gehn mit mich, etwas plötzlich. Ich sein gutem Kerl. Ich sein gro-
ßem Mann. Nicht weh tun dich. Nicht fechten.«
Das junge Ding war krank vor Schrecken. Denn soweit sie
wußte und soweit sie sehen konnte, war dieser Mann ein grausa-
mes und tückisches Ungeheuer. Sie fuhr zurück und schrie laut
auf.
»Ich nicht weh tun«, sagte Bosambo. »Ich sein verdammt guten
Kerl! Ich sein Christ, Markus, Lukas, Johannes! Du kennen diese
Burschen? Ich sein wie diese Burschen.«
Sie fiel in Ohnmacht und sank in einem formlosen Etwas auf den
Boden des Kanus. Sofort hatte Bosambo einen Arm um sie gelegt.
Er hob sie in sein Kanu, als ob sie ein kleines Kind wäre. Dann stieß in
großer Fahrt ein Kanu aus den Binsen zu ihnen, und darin be-
fanden sich zwei Ochoriweiber. Millie Tavish lag in Bosambos
Kanu, als sie ihr Bewußtsein wiedererlangte; ein schwarzes Weib
netzte ihr die Stirn mit dem Wasser des Flusses. Bosambo beob-
achtete den Vorgang von einem anderen Kanu aus mit Interesse.
»Geh nun«, sagte er zu dem Vormann der Paddler, »bringe dieses
Weib zu Sandi! Und wenn ihr Schlimmes zustößt, werde ich
deine Weiber und Kinder bei lebendigem Leibe verbrennen. Und
nun spute dich! Los!«
Schnell genug fuhren sie ab, denn der Fluß ging hoch, und an
der Flußmündung lief Ebbe.
»Was dich betrifft«, wandte sich Bosambo an den Kanuführer
des Königs, »so bring deinem Herrn die Nachricht, daß ich so ge-
handelt habe, weil es mir so beliebte.«
»Herr«, antwortete der Kanuführer, »wir fürchten für unser
Leben. Dennoch werden wir zu unserem König zurückkehren und
ihm deine Botschaft bringen. Und wenn er uns mißhandelt, werden
wir zu dir zurückkehren.«
Auf diese Abmachung ging Bosambo ein.
König Tobolaka hatte Vorbereitungen getroffen, um seine Braut
zu begrüßen, die der Feier des Unabhängigkeitstages würdig ge-
wesen wären. Er hatte auf Kosten der spärlichen Garderobe seines
Volkes Flaggen improvisiert. In Streifen gerissene Gewänder hin-
gen über die Straßen. Aber unter denselben Streifen stand in kleinen
Gruppen das Volk, mit finsteren Gesichtern, und sie sprachen hinter
der vorgehaltenen Hand Dinge, die Tobolaka verborgen blieben.
Denn er hatte ihre heiligste Überlieferung entweiht, entheiligt
trotz allem Protest. Ein zerrissenes Gewand, im Winde flatternd,
das war das Zeichen von Tod und Gräbern. Wo immer ein kleiner
Friedhof liegt, dort kann man diese armseligen Zeugstreifen traurig
im Winde flattern sehen, um die bösen Geister abzuhalten.
Daran dachte Tobolaka nicht. Oder wenn er daran dachte, dann
mißachtete er es. Bei einer ähnlichen Gelegenheit hatte er seinen
Räten gesagt, daß er keine Achtung vor dem Aberglauben der ein-
geborenen Bewohner hege. Und hatte dabei einen gelehrten Satz
aus Cicero zitiert, der sagen sollte, daß Althergebrachtes und Tra-
dition nur da wären, um beiseite geschoben zu werden.
Im Augenblick stand er in einem Übermaß von Pracht da, denn
ein Lokoli hatte ihm in der Nacht die Nachricht von der bevorste-
henden Ankunft seiner Braut gebracht.
Es ist richtig, daß er ein Haar in der Suppe fand. Seine an die
Missionare gesandte Einladung, die er in gewähltestes Englisch ge-
kleidet hatte, war abgelehnt worden. Weder Baptisten noch die
Missionare der englischen Hochkirche, noch die Jesuitenpatres
wollten teilnehmen an einem Vorgang, den sie, obwohl ihre son-
stigen Ansichten auseinandergingen, einstimmig als etwas Unge-
höriges ansahen.
Aber diese Tatsache drückte Tobolaka nicht allzusehr nieder. Er
sah, in fleckenloses Weiß gekleidet, blendend aus. Über seinem
Anzug trug er das breite blaue Band eines Ordens, wozu er in keiner
Hinsicht berechtigt war. An günstigen Plätzen hatte er Späher
aufgestellt und erwartete mit wachsender Ungeduld die Nachricht
vom Näherkommen des Kanus. Er sprang von seinem Thron auf,
als einer der Beobachtungsposten auf der Straße herangeeilt kam.
»Herr«, rief der Mann, nach Atem ringend, »zwei Kanus sind
eben vorbeigefahren.«
»Narr«, antwortete Tobolaka, was gehen mich Kriegskanus
an!«
»Aber, Herr, es sind Ochorikanus, und Bosambo ist in einem
von ihnen; er war schrecklich anzusehen in seiner Kriegsmalerei,
und die Ochori haben ihre Schilde mit dem Rot des Krieges be-
malt.«
»Woher kommen sie?« fragte Tobolaka, fast gegen seinen Willen.
»Herr, sie kamen von unten und fuhren flußaufwärts.«
»Und mein Kanu?«
»Das haben wir nicht gesehen«, gab der Mann zurück.
»Dann geh und paß auf!«
Tobolaka war nicht in der gleichen Unruhe wie seine Räte; denn er
hatte niemals kriegsrot bemalte Schilde gesehen, noch das, was sie
im Gefolge hatten. Er wartete eine halbe Stunde und erhielt dann
die Nachricht, daß das Kanu um die Landzunge biege, aber kein
Weib darin sei.
Halb wahnsinnig vor Wut und Kummer schlug Tobolaka den
Boten, der ihm diese Nachricht gebracht hatte, zu Boden und begab
sich ans Flußufer. Dort traf er den völlig entmutigten Kanuführer,
dessen Bericht er schweigend anhörte.
»Nehmt diesen Mann«, rief er, »und alle, die mit ihm waren!
Bindet sie! Beim Tode! Ich will ein Fest haben und Tanz! Und Blut
will ich sehen!«
In dieser Nacht rasselten die Trommeln der Isisi von einer
Grenze bis zur anderen. Und Kanus mit Bewaffneten schössen aus
jedem kleinen Creek und paddelten nach der Hauptstadt.
Tobolaka, nackt bis auf ein Fell und seine Knöchelringe aus Fe-
dern, tanzte den Tanz des schnellen Mordens, und die Paddler des
Königskanus wurden hingerichtet.
In den dunklen Stunden, die dem Tagesanbruch vorangehen,
zogen die Isisi gegen die Ochori. Beim ersten Aufflammen des Ta-
geslichts landeten sie, zwölftausend Mann stark, im Ochorilande.
Bosambo hatte eine starke Stellung inne, und seine ausgewählten
Heerhaufen stießen in die rechte Flanke der Isisi und rollten sie
auf. Dann machte Bosambo eine scharfe Wendung und fiel über
das Gros der Isisileute her. Es war ein verzweifeltes Wagnis, aber es
glückte. Tobolaka, wütend wie ein leibhaftiger Satan, versuchte
seine Leibgarde zu sammeln, aber die Leute aus Isisistadt, die sie
bildeten, waren nicht bei der Sache. Sie brachen nach dem Fluß zu
auf. Tobolaka hieb sich eine Bahn in die Vorhut der Ochori, indem er
eine langgestielte Axt schwang - er war bereits ein berühmter
Keulenschwinger gewesen, als er noch das Seminar in Philadelphia
besuchte.
»He, Bosambo!« rief er, und seine Stimme war dick von Haß.
»Du hast mir mein Weib gestohlen! Erst will ich deinen Kopf ha-
ben. Dann werde ich Sandi töten, Sandi, deinen Herrn!«
Bosambos Antwort war kurz und sachlich. Auf englisch rief er:
»Verdammter Nigger!«
Es hatte nur dessen bedurft. Mit einem gellenden Schrei, der wie
ein Wolfsgeheul klang, stürzte sich Tobolaka, seine Axt schwin-
gend, auf Bosambo.
Aber Bosambo drehte und wandte sich, wie es nur ein Krumann
vermag. Man sah einen braunen Körper blitzartig durch die Luft
schießen, dann kam der Zusammenstoß. Tobolaka stürzte, den
Griff einer stählernen Faust an der Gurgel und ein Knie wie eine
Ramme im Magen, zur Erde.
Die »Zaire« kam lärmend stromauf, ihre Decks schwarz von
Haussas, die glänzenden Läufe ihrer Maschinengewehre auswärts
geschwungen. Sanders interviewte König Tobolaka den Ersten -
und Letzten. Dieser hätte gern die Angelegenheit von oben herab
erledigt.
»Kriegsglück, Mr. Sanders!« redete er diesen hochnäsig an. »Ich
fürchte, Sie haben diese Entwicklung durch Ihr unverantwortli-
ches und herausforderndes Verhalten unterstützt. Wie Cicero ir-
gendwo sagt...«
»Still!« befahl Sanders. »Ich verhafte dich, erstens wegen des
Mordes an Gala. Du hast dich unter aller Kritik betragen.«
»Ich bin ein König und stehe daher über der Kritik«, bemerkte
Tobolaka philosophisch.
»Ich sende dich zur Aburteilung an die Küste«, sagte Sanders
kurz. »Später, wenn du Glück hast, wirst du wahrscheinlich nach
Hause geschickt werden- wohin Miß Tavish bereits abgereist ist.«
Die Ermordung Olandis
Hauptkundschafter Sandis in diesem wilden Lande war Kambara,
der N'Gombimann: entschlossen, furchtlos und höchst eifrig im
Dienste seines Herrn. Er lebte im tiefsten N'Gombiwald, in einem
jener unvermuteten Dörfer auf einem kleinen Hügel, um dessen
Fuß sich ein Nebenfluß des großen Stromes halb herumschlän-
gelte.
Sein Volk kannte ihn als einen klugen und schweigsamen
Häuptling, der ein gerechtes Urteil fällte und um seinen Hals eine
Kette mit einer Münze, dem Zeichen seines Amtes, trug. (Es war
eine wundertätige Münze mit einem bärtigen Gesicht in erhabener
Arbeit darauf und gewissen Teufelszeichen.)
Er unternahm lange Reisen, verließ sein Dorf, ohne daß jemand
davon Kenntnis hatte, und kehrte ebenso unbemerkt zurück.
Nachts konnte man ihn stumm und nachdenklich vor seinem
Feuer sitzen sehen; am Morgen fehlte er. Manche sagten von ihm,
daß er ein Zauberdoktor sei und daß er seiner Zauberei an verbor-
genen Plätzen des Urwaldes nachgehe, andere, daß er sich in einen
Leoparden verwandele und Menschen jage. Bildlich gesprochen,
kam das zweite der Wahrheit nahe, denn Kambara war ein großer
Aufspürer von Verbrechern, und keiner von ihnen war so schlau,
daß er Kambaras unerbittlicher Verfolgung hätte entrinnen können.
So brachte sein Wort Sanders und seine Soldaten zur Stelle, als
Bolobo, der Häuptling, einen Aufstand plante; zur grenzenlosen
Bestürzung Bolobos, der von diesem Geheimnis glaubte, es sei nur
ihm und seinen beiden Brüdern bekannt.
Ebenso vollbrachte Kambara die Vernichtung des großen Kö-
nigs Sesikmi; ebenso verteidigte Kambara die nur ungenau be-
stimmte Grenzlinie des N'Gombilandes gegen Beutesüchtige und
gegen arabische Sklavenhändler wirksamer als eine Brigade Infan-
terie.
Sanders überließ Kambara seinem Plänemachen, sandte ihm Be-
lohnungen, wie es seine Leistungen verdienten, und empfing im
Austausch hierfür Nachrichten von besonders wertvoller Art.
Kambara war ein kluger Mann. Als Olandi, der Akasavamann,
in den N'Gombiwald kam, brachte Kambara ihn in königlicher
Weise unter, obwohl Olandi gegen das Gesetz verstieß, als er die
Grenze überschritt. Aber Olandi war ein mächtiger Häuptling und
im allgemeinen ein das Gesetz achtender Mann; und es gab Verge-
hen, denen gegenüber es Kambara vorzog, die Augen zu schließen.
So bewirtete er Olandi zwei Tage lang - er wußte nicht, daß sich
irgendwo am kleinen Fluß, in Olandis Lager, ein geraubtes Weib
befand, das wehklagend ihre Hände rang und den Tod herbei-
sehnte.
Um Olandi zu unterhalten, feierte man Feste in dem kleinen
Dorf, und Tisini, Kambaras Weib, tanzte den Zwei-Büffel-Tanz
-eine Vorstellung, die genügt hätte, um die Türen irgendeines Va-
rietes in London, das dergleichen gewagt hätte, zu schließen und
dessen Geschäftsführer ins Zuchthaus zu senden.
Um die gleiche Zeit, als Olandi aufbrach, verschwand auch
Kambara, denn es liefen Gerüchte von Beutezügen an der Grenze
um, und Kambara wollte im Interesse des Governments gern Nä-
heres wissen.
Drei Wochen danach kam ein Mann schnell und auf heimlichen
Wegen zur Akasavagrenze, und mit ihm kamen die seiner Sippe,
die ihm nahe genug standen, um wie er als Demütigungen zu emp-
finden, was Olandi getan hatte.
Denn Olandi, der Akasava, hatte das Lieblingsweib dieses Mannes,
wenn auch nicht gegen ihren Willen, geraubt. Dieser Olandi war
ein stattlicher Bursche, groß und mit breiten Schultern; mit
Muskeln wie ein Büffel, anmaßend und erbarmungslos. In der
Eingeborenensprache nannte man ihn den Leoparden, weil er
Kleider aus dem Fell eines Tieres trug, und zwar zwei Felle, die
so geschickt aneinandergefügt waren, daß ein zähnefletschender
Kopf über jeder seiner breiten Schultern lag.
Olandi war Jäger und Krieger. Sein Schild war aus Flechtwerk,
geschmackvoll gemustert und mit Kopallack überstrichen. Seine
Speere waren von den geschicktesten N'Gombiwaffenschmieden
gemacht und poliert, bis sie wie Silber glänzten. Um seinen Kopf
trug er einen Ring von Silber.
Manche sagten, daß er nach dem Königsthron der Akasava
trachte und daß Tomilis Tod ihm zur Last gelegt werden müsse.
Aber darüber bestand keine Gewißheit, denn Tomili war bereits
tot, als man ihn im Urwald fand.
Die Menschen mochten seine Tyrannei ertragen, demütig seine
harten Urteile über sich ergeben lassen, ohne Klagen das Todesurteil
aus seinen Händen empfangen, aber kein Mann ist so schwach, daß
er den Verlust seines Lieblingsweibes hinnähme, ohne zu
kämpfen. Und so kam es, daß jene Männer in wahnsinniger Hast
durch die finstere Nacht paddelten. Außer dem Flip-Flap, das die
Paddeln verursachten, wenn sie das Wasser berührten, und außer
dem leisen Laut, der jedes Ausholen begleitete, war alles still.
Sie kamen zu dem Dorf, in dem Olandi herrschte, gerade als der
Mond über die federartigen Wipfel des N'Gombiwaldes stieg.
Weiß und schweigend lag Bondondo im Mondenschein da; zwei
Reihen mit gelbem Stroh gedeckter Dächer und in der Mitte das
geräumige Haus des Häuptlings mit einer Veranda, die zusam-
mengedrehte junge Baumstämmchen stützten.
Der Geheimnisvolle und seine Brüder machten ihr Kanu fest
und schwangen sich geschmeidig an Land. Sie gaben keinen Laut
von sich; ihr Führer ging ihnen voraus; sie glitten durch die Straßen
wie geisterhafte Schatten.
Vor der Hütte des Häuptlings glühten die Überreste eines nie-
dergebrannten Feuers. An der Tür zögerte der Führer. Drei Hütten,
die in der Form eines Dreiecks zueinander standen, bildeten das
Gehöft des Häuptlings. Rechts und links befand sich ein Eingang, der
mit Fellen verhängt war. Es war möglich, daß Olandi in der dritten
Hütte schlief, zu der man durch jeden dieser beiden Eingänge
gelangte.
Der Führer überlegte einen Augenblick. Dann schob er den
Vorhang der Tür rechts beiseite und trat ein; sein Bruder, sein Onkel
und seine beiden Vettern folgten.
Eine schläfrige Stimme fragte, wer da sei.
»Ich komme, um den Gebieter Olandi zu sprechen«, sagte der
Eindringling.
Er vernahm ein Geräusch im entlegensten Winkel der Hütte und
das Knacken eines mit Fellen bespannten Bettes.
»Was suchst du hier?« fragte eine Stimme, der man anhören
konnte, daß sie einem Manne gehörte, der das Befehlen gewöhnt
war.
»Bist du das, Herr?« fragte der Besucher. Er hielt in der Faust ein
breitklingiges Messer fest umschlungen, wie es auf der Elefantenjagd
gebraucht wird und dessen Schneide so scharf war, daß ein Mann
damit die Haare von seinem Handrücken hätte rasieren können.
»Ich bin Olandi«, antwortete der Mann aus dem Dunkeln und
kam näher.
Lautlose Stille herrschte. Die, die warteten, konnten das ruhige
Atmen der Schläfer ringsum vernehmen. Dann hörten sie ein leises
»Whish«, wie es eine Hutnadel verursacht, die durch einen weichen
Strohhut gestoßen wird. Wieder gespanntes Schweigen, dann:
»Es ist so, wie es sein soll«, sagte der Mörder ruhig und rief leise
einen Namen. Jemand kam unter erstickten Seufzern und Weinen
aus dem Innenraum gestolpert.
»Komm!« sagte der Mann, dann: »Ist das fremde Weib auch
hier? Sie muß uns ebenfalls begleiten!«
Das Mädchen rief leise ein anderes; auch dieses kam. Olandi war
nicht wählerisch in seinem Geschmack und raubte unterschiedslos.
Das erste Weib fuhr zurück, als ihr Ehemann seine Hand auf ihren
Arm legte.
»Wo ist mein Herr?« wimmerte sie.
»Ich bin dein Herr«, gab der Mann trocken zurück, »und was
den anderen betrifft, der hat keine Weiber mehr nötig, es sei denn,
daß es auch in der Hölle Weiber gibt, was sehr wohl möglich ist.«
Niemand versuchte, die Eindringlinge aufzuhalten, als sie durch
die Straße zu ihren Kanus zurückgingen, obwohl in Olandis Hütte
Klagen und Seufzen herrschte und es in den Dörfern unruhig zu
werden begann. Männer riefen die Kanuleute scharf an, als sie vor-
übergingen und fragten: »Oilo?«, das heißt, »Wer geht da?«; aber
sie erhielten keine Antwort.
Dann, als sie den Fluß vor sich sahen und sich bereits in Sicherheit
wähnten, stand der Dorfwächter auf und rief die Gesellschaft an. Er
hatte den schwachen Todesschrei aus Olandis Hütte gehört und
hielt seinen schrecklichen Schlachtspeer vor sich, um seinem Anruf
Nachdruck zu verleihen. Der Führer warf sich auf ihn, aber der
Wächter parierte geschickt den Streich und hieb mit seinem Speer
abwärts, wie ein Mann in früheren Jahren seine Streitaxt
schwingen mochte.
Den ändern wurde das Schwert aus der Hand geschlagen, und er
hielt seinen unbewaffneten Arm in Abwehr, um dem Streich zu
entgehen. Zweimal zerfleischte die Schneide des Speeres seine
Hand, denn in dem Ungewissen Licht des Mondes irrte sich der
Wachmann in der Entfernung. Als der Wächter dann zu einem
entscheidenden Streich ausholte, trieb ihm einer der Verwandten
des Führers sein Messer in die Kehle, und der Mann brach mit
schwach zuckenden Gliedern zusammen.
Der Verletzte wartete gerade so lange, bis seine blutende Hand-
fläche verbunden war; dann führte er sein Weib, das zitternd, wie in
wahnsinniger Furcht, mit sich selbst sprach, zum Kanu, zu dem ihm
das zweite Weib folgte.
In den Dunkelstunden vor der Morgendämmerung brachten
vier schnelle Paddler die Nachricht zu Sanders. Dieser schlief an
Bord der »Zaire«, die am Ufer von Akasavastadt festgemacht hatte.
Sanders saß auf dem Rand seines kleinen Feldbetts, seine mit
dem Pyjama bekleideten Beine über die Bettkante baumelnd, und
hörte aufmerksam zu, und zwar mit einer Art Aufmerksamkeit,
die nicht nur der Erzählung an sich galt, sondern ebenso den Ge-
fühlsäußerungen, mit denen der Erzähler seinen Bericht begleitete.
»Ich verstehe also«, sagte Sanders, als der Mann geendet hatte, -
denn alle vier wollten zugleich erzählen und fielen einer dem ändern
ins Wort, um etwas, was der andere ausgelassen hatte, zu ergänzen -,
»ich verstehe, daß Olandi von einem getötet wurde, dessen Weib er
geraubt hatte, daß der Wächter ebenfalls getötet, aber sonst niemand
verletzt wurde.«
»Sonst niemand, Herr«, antwortete einer der Männer, »denn wir
fürchteten uns sehr vor den Brüdern des Mörders. Aber wenn wir
versucht hätten, ihn aufzuhalten, wären viele andere getötet wor-
den.«
»Wenn die Sonne im Fluß unterginge«, sagte Sanders, »würde
das Wasser die Fische kochen. Ich werde diesen Mann herausfinden,
und er soll sich wegen dieses Verbrechens verantworten.«
Er erreichte die Mordstelle und stellte schnell eine eingehende
Untersuchung an. Niemand hatte das Gesicht des Unbekannten
gesehen, außer dem Wächter, und der war tot. Und was die beiden
Weiber anlangte - die Dörfler zuckten hoffnungslos die Schultern
-, wer hatte sagen können, von welchem Volk, von welchem
Stamm Olandi seine Weiber raubte?
Eine, so sagten andere Mitbewohner von Olandis Hütte, sei un-
zweifelhaft eine Ochori gewesen. Und was die zweite anbetraf, die
hätte nie gesprochen, denn sie hätte den Toten geliebt und sei gern
seine Gefangene gewesen. Olandi hatte also weit und breit gewildert,
er war ein stürmischer Liebhaber gewesen und einer, der die Weiber
zahm kriegte; wie zahm, sollte Sanders noch gewahr werden, denn
wie eine Redensart bei den Isisi ging: Der Mann, der eines Weibes
Zunge überreden kann, kann eine Schlange Mais mahlen machen.
Eingehendes Absuchen des Flußufers hatte keinen Erfolg. Der
Fluß hatte die Spuren, wo die Kanus an Land gezogen worden waren,
fortgewaschen. Sanders unterwarf die Leichen der beiden Er-
mordeten einer genauen Besichtigung und wurde daraus nicht
klüger. Kurz ehe er den Ort verließ, machte Sergeant Abiboo eine
Entdeckung.
Es gibt dort gewisse Bäume am Flußufer, deren Blättern außer-
gewöhnliche Heilkraft zugeschrieben wird. Einige Schritte von
draußen wütete ein Gewitter -, von denen einer eine brennende
Laterne hält, deren Licht gerade genügt, um einen dampfenden,
glänzenden, nassen Komo zu beleuchten, der auf dem Boden hockt
und geschwätzig seine unheilvollen Nachrichten vorbringt. »Wie es
meine Gepflogenheit ist, Herr«, sagte Komo, »beobachte ich
Menschen und Dinge im Interesse von deiner Ehren Bequemlichkeit,
da ich dir dienen möchte. Und auf diese Weise habe ich von gewissen
Vorkommnissen, von Tänzen und bösem Zauber erfahren, die bei
den Ochori an der Tagesordnung sind.«
»Bei den Ochori?« Sanders war überrascht. »Bei den Ochori,
denen ich mein Vertrauen schenkte?«
Die schalkhafte Wendung, die seine Rede annahm, ließ kein
Mißverstehen zu; die letzten Worte waren voll leiser Ironie.
»Ist Bosambo tot, daß solche Dinge vor sich gehen?« fragte San-
ders trocken. »Oder tanzt er vielleicht gar selber mit?«
»Herr, Bosambo tanzt sogar selber mit«, antwortete Komo mit
Nachdruck. »Denn, da er Häuptling ist, ist er der erste, der den
Takt mit dem Fuße stampft und dabei >Ho< ruft. Er wohnt auch
den Opfern bei und ist auf dem besten Wege zu verabscheuungs-
würdigem Verrat.«
»O wirklich!« gab Sanders, innerlich erlöst, zurück. »Ich will dir
mal was erzählen, Komo. Da war einmal ein großer Gebieter, der
traute keinem Menschen, auch seinem ganzen Gefolge nicht, weder
seinen Weibern noch seinen Sklaven. Und er ging immer mit dem
Rücken der Sonne zugewendet, so daß er seinen eigenen Schatten
stets vor sich sah, denn er traute selbst seinem Schatten nicht. Eines
Tages kam er an einen Fluß, der zum reißenden Strom geworden
war. Und nun paß auf! Sein Schatten lag also vor ihm. Und da er
fürchtete, seinem eigenen Schatten den Rücken zuzukehren,
stürzte er sich in den Fluß und ertrank.«
»Herr, ich habe diese Geschichte gehört. Es war ein König, und
zwar ein großer«, bemerkte Komo.
Sanders nickte. »Darum, Komo, beachte: Ich traue allen Men-
schen - etwas. Ich traue Bosambo viel, denn er war mir in guten
und bösen Tagen treu ergeben.« Er wandte sich an die schweigenden
Haussas. »Sorgt für Komos Unterkommen, entsprechend seiner
Würde, und gebt ihm ein Geschenk an Zeug! Das Palaver ist aus.«
Sanders zog sich die Bettdecke bis über die Ohren, denn die
Nacht war kalt, wandte sich auf die Seite und schlief bereits, noch
ehe der Häuptling und sein Gefolge die Veranda verlassen hatten.
»Ein Wichtigtuer«, war Sanders' Urteil über Komo. Dennoch,
weil da, wo Rauch ist, auch Feuer ist, hielt er es für ratsam, sich
selbst zu überzeugen.
Zwei Tage nachdem der Häuptling seinen Heimweg angetreten
hatte, lief die »Zaire«, in derselben Richtung fahrend, in der Mitte des
Stromes an seinem Kanu vorbei, und der Anblick ihres weißen
Schiffsrumpfes und ihrer beiden Schornsteine war ein Trost für
Komo.
»Mein Gebieter hat also doch meine Worte beachtet«, sagte er zu
seinem Kanuführer, »denn in seiner Stadt sagte man, daß der
Puck-a-Puck bis zum Neumond nicht abfahren würde. Und hier
kommt er, obwohl der alte Mond noch immer an seiner Rinde
sägt.«
»Häuptling«, antwortete der Kanusteurer, »du bist groß im Rat,
und sogar Sandi hört auf dich und gehorcht. Du bist klüger als die
Eule, schnell und fürchterlich wie ein Habicht, und deine Stimme ist
wie der Stoß eines Sturmes.«
»Du redest wahr«, gab der Häuptling zurück, der nicht an fal-
scher Bescheidenheit litt. »Ich bin auch sehr listig, das wirst du
noch sehen.«
Sanders fuhr in der Tat zum Ochoriland. Er war beunruhigt;
nicht durch Komos düstere Anspielung, sondern weil sich seine
eigenen Späher nicht meldeten. Wenn man im Ochoriland große
Tänze abhielt, hätte ihm das hinterbracht werden müssen, wie un-
schuldig diese Tänze auch sein mochten.
Brieftauben waren ihm vorausgeflogen, um seine bevorstehende
Reise zu melden, und er fand den ersten seiner Geheimagenten bei
dem Zusammenfluß des Ikeli mit dem Iksisi.
»Herr, es ist wahr, daß die Ochori tanzen«, meldete der Mann.
»Aber da ich wußte, daß deine Lordschaft dem Bosambo traut,
habe ich nichts berichtet.«
»Darin hast du unrecht gehandelt«, sagte Sanders. »Selbst wenn
ein Habicht einen Papageien umbringt oder wenn die Krokodile
sich einen neuen Brutplatz suchen, will ich darüber wissen, was ich
darüber wissen muß.«
Je mehr er sich dem Ochoriland näherte, desto mehr Nachrichten
sammelte er über die geheimnisvollen Lustbarkeiten, die Bo-
sambo im Walde abhielt, und war betroffener denn je.
»Herr«, sagte der Häuptling eines N'Gombidorfes, »viel Volk
geht hin zu diesen Ochoritänzen, denn Bosambo, der Häuptling,
macht einen großen Zauber.«
»Was für eine Art Zauber?«
»Herr, es ist ein weißer Zauber.« Der Häuptling zeigte stolz
seine Hand. Quer über das rötliche Braun seines Handtellers zog
sich ein unregelmäßiger Strich weißer Farbe.
»Das hat mir Mr. Bosambo gemacht«, sagte er, »und jeder Tag,
solange dieser Zauber anhält, wird glücklich für mich sein.«
Sanders betrachtete das Zeichen mit allen Anzeichen einer starken
Bewegung.
Zwei Monate früher hatte Sanders viele Büchsen mit weißer
Ölfarbe an Bosambo geschickt mit der Anweisung, die Leute des
Ochorihäuptlings sollten die Grenzpfosten seines Landes und be-
sonders die, die gegen das Ausland abgrenzten, mit einem neuen
Anstrich versehen.
»Viele Isisi-, N'Gombi- und Akasavaleute gehen zu Bosambo«,
plauderte der Häuptling weiter, »denn, siehe, dieser Zauber Bo-
sambos wischt allen Schmutz fort. Und wenn ein Mann etwas Böses
getan hat, dann wird er damit frei von der Strafe. Ich«, fügte er
stolz hinzu, »habe einmal Calacala - vor langer Zeit -, den Vater
meines Weibes, getötet, und ich habe mich oft darüber gegrämt,
weil mein Weib mich häufig daran erinnert. Aber nun, Herr, bin
ich ein entsühnter Mann, so rein, daß, als heute morgen mein Weib
wieder von diesem alten Vergehen anfing, ich sie mit meinem
Speerschaft verprügelt habe. So rein weiß ich mich jetzt.«
Sanders kombinierte rasend schnell.
»Und was bezahlt ihr Bosambo dafür?«
»Nichts, Herr.«
»Nichts?« fragte Sanders ungläubig.
»Herr, Bosambo gibt seinen Zauber umsonst. Er sagt, er habe
fremden Göttern ein Gelübde getan, so zu handeln. Und da es um-
sonst geschieht, gehen viele Leute zu diesem Reinigungstanz. Sogar
Kambara selbst, der Schweigsame, kam zu diesem Zwecke heute
bei Sonnenaufgang hier durch.«
Sanders lachte im stillen. Kambara hatte natürlich ein Interesse
an fremden Schuldbekenntnissen...
Das war es! Blitzartig durchzuckte ihn das Verständnis für Bo-
sambos Vorgehen. Das Anmalen der inneren Handflächen, der
Köder der Entsühnung - Bosambo wartete auf den Mann mit der
Narbe in der Hand.
Sanders setzte seine Reise fort, machte fünf Meilen vor der
Ochoristadt fest und ging zu Fuß durch den Wald zum Treffplatz.
Es war dunkel, ehe er noch die Hälfte des Weges zurückgelegt
hatte. Aber er brauchte keinen Kompaß, auch wenn der Weg selbst
schwieriger gewesen wäre. Vor ihm zeigte sich ein düsterer, roter
Schein am Himmel. Da brannten Bosambos Feuer.
Vier Feuer waren angezündet, an jeder Ecke eines gedachten
Vierecks eins. In der Mitte ein Kreis von Steinen und im Mittel-
punkt dieses Kreises drei Speere mit roten Schäften.
Bosambo hatte augenscheinlich einmal der Einweihungszere-
monie eines monrovianischen Geheimbundes als Zeuge beige-
wohnt oder daran teilgenommen.
Inmitten des Kreises bewegte sich Bosambo, und außerhalb des
Kreises bewegten sich, zwei oder drei Glieder tief, die, die seine
barmherzigen Dienste in Anspruch nehmen wollten.
Er bewegte sich langsam. In einer Hand hielt er eine blinkende
Dose mit der von der Regierung gelieferten Farbe, in der anderen
Hand einen dem Government gehörenden Pinsel.
Sanders grinste von seinem Beobachtungsplatz aus beifällig über
die Feierlichkeit, in die Bosambo die Zeremonie kleidete.
Einen nach dem anderen strich er die Leute an - ein Klecks mit
dem Pinsel, eine gemurmelte Beschwörung, und der Zauber war
ausgeführt.
Sanders bemerkte Kambara in der vordersten Reihe und war be-
troffen, denn der Mann meinte es offenbar ernst. Wenn er gekom-
men sein mochte, um sich lustig zu machen, hatte er sich bald in
einen Andächtigen verwandelt. Große Schweißperlen glitzerten
auf Kambaras Stirn, und die ausgestreckten Hände zitterten.
Bosambo näherte sich ihm, erhob seinen Pinsel, schoß einen
Blick auf Kambaras Handflächen, dann zog er mit einer Armbe-
wegung den N'Gombihäuptling zu sich heran. »Bruder«, sagte er
artig, »ich brauche dich.«
Sanders verstand, was er meinte, und sprang durch das kra-
chende Unterholz an Bosambos Seite. Der schreiende Haufen, der
sich um das ringende Paar gebildet hatte, machte Platz.
»Herr, hier ist der Mann, den du suchst!« rief Bosambo und zog
mit Gewalt Kambaras Handfläche zu sich heran.
Sanders nahm seinen Gefangenen mit an Bord der »Zaire«. Von
da an gab es, soweit es das Verbrechen betraf, keine weiteren
Schwierigkeiten, denn Kambara gestand.
»Herr«, sagte er, »meine Hand allein ist im Spiel. Denn obwohl
meine Leute mich begleiteten, habe ich allein Olandi getötet. Nun
mach mit mir, was du willst, denn mein Weib haßt mich, und ich
bin krank aus Mangel an Schlaf.«
»Das ist ein schlimmes Palaver«, sagte Sanders ernst, »denn dir
habe ich getraut.«
»Herr«, antwortete Kambara, »wo ein Weib im Spiele ist, darfst
du keinem Menschen trauen. Ich bin froh, daß ich sterbe, denn ich
war ihr Hund. Und Olandi kam und blieb eine Nacht in meinem
Dorfe; und alles, was ich ihr war, und alles, was ich ihr gab, war
nichts. Und nun weint sie alle Tage um ihn, ebenso das Ochori-
weib, das ich mit ihr nahm. Und, Herr, wenn Weiber nur die Toten
lieben... Mach ein Ende mit mir, denn ich bin krank von ihrer
Verachtung.«
Sanders neigte den Kopf vornüber, faltete die Hände auf dem
Rücken und pfiff, die Augen auf den Fußboden seiner Kabine ge-
richtet - sie befanden sich an Bord der »Zaire« - eine Melodie; diesen
Kunstgriff wandte er an, wenn er sich mit etwas abquälte.
»Geh in dein Dorf zurück!« befahl er. Du zahlst an Olandis Fa-
milie dreißig Ziegen und zehn Säcke Salz als Sühne für sein Blut.«
»Herr«, sagte Bosambo, »ich habe eine große Freude im Herzen
darüber, daß du diesen Mann nicht gehängt hast, denn, wie mir
scheint, Olandi ist nicht einen Augenblick zu früh gestorben, und
was das Ochorimädchen anbetrifft«, fuhr er fort, »so hätte ich
Olandi ihretwegen ermordet - nur kam mir Kambara zuvor. Das
vertraue ich dir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, Herr, denn -
das Mädchen gehörte mir.«
Sanders sah Bosambo scharf an. »Man sagt mir, Bosambo, du
habest nur ein Weib.«
»Ich habe eins«, antwortete Bosambo ausweichend, »aber auf
meinem Lebenswege liegen viele Versuchungen, von denen mein
Weib nichts weiß, denn es steht geschrieben in der Sure des Djinn:
>Die Männer wissen am besten, die am meisten wissen, aber eines
Weibes Glück liegt darin, daß sie nichts weiß.<«
Der Schrittzähler
Bosambo, der Häuptling der Ochori, war gewohnt, sich in Au-
genblicken, wenn seine Einbildung den höchsten Stand erreichte,
»König der Ochori, Lordoberherr des Elebiflusses, Oberhirt der
unzähmbaren Büffel und aller Ziegen« zu betiteln.
Er legte sich auch noch andere Titel bei, die ich vergessen habe.
Aber ich erwähne seine Ansprüche nur, um zu bemerken, daß sie
sich nicht allein auf die Ziegen seines Landes bezogen. Dafür gab
es einen besonderen Grund. Hikilari, der weise alte Häuptling der
Akasava, jagte einst auf fremdem Gebiet. Das geschah in dem
Jahre, als alles Wild sich in unerklärlicher Weise nach Westen ver-
zog; einige sagten, durch den Zauber M'Shimba M'Shambas,
aber Sanders wußte, es war dazu durch die Überschwemmung
gekommen.
Hikilari und seine Jäger fuhren drei Tage lang auf dem Fluß und
durchquerten hierauf einen Sumpf, ehe sie auf Elefanten stießen.
Dann hatten sie eine gute Jagd, und Hikilaris Träger kamen jauch-
zend nach Akasavastadt zurück, beladen mit gewaltigen Elefan-
tenzähnen, von denen manche zweihundert Kilo wogen.
Es war ein großer Erfolg, aber Hikilari mußte furchtbar dafür
büßen. Denn als er zurückzukehren verlangte, packte ihn eine un-
gewöhnliche Schlaftrunkenheit, und er hatte sonderbare Schmer-
zen in seinem Kopf. Er wandte deshalb ein beliebtes Eingeborenen-
mittel an, das heißt, er band sich ein Stück Draht straff um seinen
Kopf. Aber trotzdem wurde es nicht besser mit ihm, und so kam
eine Zeit, wo Hikilari, der Weise, mitten in der Nacht aufstand,
auf die Hauptstraße des Dorfes hinausging, dort närrische Ge-
sänge und Tänze aufführte und mit seinen Fingern dazu schnappte.
Seine Söhne, Neffen und Brüder hielten ein Palaver, und der älteste
seiner Söhne, M'Kovo, ein übler Gesell, sagte:
»Mein Vater scheint an der Mongokrankheit zu leiden, denn er
ist übergeschnappt und wird bald tot sein. Dennoch wünsche ich,
daß Sandi kein Wort davon erfährt. Bringen wir daher meinen Vater
an einen sicheren Ort, verkünden wir, er habe eine lange Reise
unternommen. In seiner Abwesenheit können wir dann manches
unternehmen und uns vieler unserer Feinde entledigen. Und wenn
Sandi mit seinen Soldaten kommt und fragt: >Warum habt ihr das
alles getan?« werden wir antworten: >Herr, wer ist Häuptling? Ein
Wahnsinniger! Wir taten, wie er uns befahl! Die Folgen kommen
auf sein Haupt!<«
Der Bruder des kranken Häuptlings dachte, es wäre am besten,
ihn heimlich zu töten, aber dagegen widersetzte sich der Sohn des
Häuptlings.
»Solange er lebt, ist er Häuptling«, sagte er. »Wenn er tot ist,
seid sicher, daß Sanders einen Schuldigen finden wird, und das
wäre wahrscheinlich ich.«
Drei Tage lang hielten sie den Häuptling in seiner Hütte; wäh-
rend dieser Zeit beschmierten Zauberdoktoren ihn mit rotem
Lehm und Ingolafarbe und legten nassen Lehm auf seine Augen.
Nach Verlauf dieser Zeit brachten sie ihn in der Nacht in eine hastig
mit Stroh gedeckte Hütte im Urwald, und dort überließ man ihn
M'Kovos gefügigen Handlangern.
Sanders wußte über viele Dinge Bescheid, von denen man an-
nahm, er wisse sie nicht. Das aber war ihm fremd. Er wußte wohl,
daß Hikilari ein kluger Mann sei, daß er auf einer Reise sei und also
kein Grund vorliege, warum er, Sanders, nicht auf eine Inspek-
tionsreise ins Akasavaland gehen solle.
Er war gerade im Begriff, die Hüttensteuer im N'Gombiland
einzutreiben, von einem einfachen Hirtenvolk, das sich aus
Grundsatz weigerte, etwas zu zahlen, als die Nachricht kam, daß
eine Anzahl Akasavaleute die Ochorigrenze überschritten habe.
Sie hatten ein Dorf überfallen, die Männer getötet und schnell die
Weiber und Ziegen mit sich geschleppt.
Sanders befand sich inmitten eines endlosen Palavers, als diese
Nachricht kam, und das N'Gombivolk, das zu seinen Füßen
hockte, betrachtete ihn mit abwartender Hoffnung, mit einer
Hoffnung, der ein unbedeutender Häuptling Ausdruck gab, der
gerade im Augenblick das Ohr der Versammlung besaß.
»Herr, das sind böse Nachrichten«, sagte er in der freundlichen
Art seines Stammes, »und wir wollen Eure Lordschaft nicht länger
mit unseren unbedeutenden Angelegenheiten behelligen. Deshalb,
wenn du uns unserer schlechten Ernte halber die Hälfte der Steuer
erlassen wolltest, dann würden wir friedlich in unsere Dörfer zu-
rückkehren und viel Freundliches über deine Gerechtigkeit sa-
gen.«
»Ihr werdet eure Steuer voll entrichten«, antwortete Sanders
kurz. »Ich verliere nur meine Zeit, wenn ich länger mit euch rede.«
»Erlasse uns ein Drittel«, murmelte der Sprecher schweren Her-
zens. »Wir sind ganz arme Leute, und der Fluß gab wenig Fische
her.«
Sanders erhob sich müde von seinem Sitz. »Ich werde mit Neu-
mond zurückkommen«, sagte er, »und wenn dann die Steuern
nicht voll bezahlt sind, wird es in diesem Dorf traurige Herzen und
wunde Rücken geben! Das könnt ihr mir glauben. Das Palaver ist
aus!«
äs;«
Er sandte einen Boten an die Akasavaleute, und er selbst ging
auf kürzestem Wege quer durch den Urwald nach Ochoristadt,
denn in diesem lebenswichtigen Augenblick war ein Zylinderdek-
kel der »Zaire« geplatzt.
Er erreichte Ochoriland auf dem Wege des Elebiflusses, durch
Tunberi hindurch, das dank dem unerwarteten, unzeitgemäßen
und hartnäckigen Regen ein Sumpf war. Drei Tage watete er, bald
bis an die Knie, bald bis an die Hüften; schließlich schmerzten ihn
seine Arme wahnsinnig, weil er ständig seine Büchse über die
schwarze Brühe und den Schlamm halten mußte.
»Er stieß auf Flußpferde und Wasserschlangen. Einmal schrie
sein »Boy«, der vor ihm marschierte, gellend auf und verschwand.
Und Sanders selbst wurde durch das Davonrasen eines Alligators
beinahe umgerissen, der seine Beute nach dem nahen Flusse trug.
Am Ende des dritten Tages erreichte Sanders höher gelegenes
Land, wo man nicht in den Bäumen zu schlafen brauchte und wo
es überdies möglich war, sich in Quellwasser zu baden, die Hem-
den aus dem auf den Köpfen getragenen Bündel auszupacken und
seine Leute zu zählen. Er war nun einen Tagesmarsch von den
Ochori entfernt, aber bedeutend weniger als einen Tagesmarsch
von dem Heer der Ochori. Denn zwei Stunden nachdem er seinen
Marsch wieder aufgenommen hatte, stieß er auf Bosambo und mit
ihm auf tausend Speere.
Bosambo war nackt, bis auf einen Lendenschurz aus Affen-
schwänzen, und in seinem Arm hielt er gleichzeitig mit einem ge-
flochtenen Schild fünf Schlachtspeere. Beim Anblick Sanders' ließ
er sein Heer haltmachen und ging Sanders entgegen.
»Bosambo«, sagte Sanders würdevoll, »du tust mir Ehre da-
durch an, daß du mir die Elite deiner Kampftruppen zuführst, um
meine Wache zu bilden.«
»Herr«, antwortete Bosambo mit löblichem Freimut, »das sollte
keine Ehrung für deine Person sein, denn ich habe eine Rechnung
mit dem Akasavakönig zu begleichen.«
»Sanders stand ihm gegenüber, den Kopf wie ein Vogel nach einer
Seite geneigt, während er seinen biegsamen Spazierstock wie
abwesend gegen sein Bein klatschen ließ. »Sieh«, sagte er, »ich bin
der, der alle Rechnungen zwischen Häuptling und Häuptling und
zwischen Männern und Männern in Ordnung bringt. Und ich be-
fehle dir, in deine Stadt zurückzumarschieren und dort in Geduld zu
warten, während ich die Aufgaben erledige, für die mich mein
König bestimmt hat.«
Bosambo zögerte. Er war begreiflicherweise unzufrieden.
»Geh in deine Stadt zurück, Bosambo!« befahl Sanders in sanftem
Tone.
Der Häuptling zuckte seine breiten Schultern. »Ich bin dein
Untertan«, antwortete er und wandte sich von dannen, ohne einen
Ton zu sagen.
Sanders rief ihn zurück, ehe er ein halbes Dutzend Schritte ge-
gangen war.
»Laß mir zwanzig Mann hier und zwei Kanus. Dann sollst du
deine Leute zurückhalten, während ich in meines Königs Angele-
genheit zu tun habe.«
Eine Stunde später fuhr Sanders so schnell flußabwärts, wie ihn
ein Strom von fünf Seemeilen Geschwindigkeit die Stunde und
seine schnellen Paddler nur bringen konnten. Um die Mittagszeit
des folgenden Tages kam er in Akasavastadt an und fand sie friedlich
genug vor.
M'Kovo, des Häuptlings Sohn, kam ihm am Strande entgegen.
»Sandi, Gebieter«, sagte er mit einer Gebärde außergewöhnli-
cher Überraschung, »ich sehe, der Sommer kommt zweimal in
dieser Jahreszeit, denn du...«
Sanders befand sich nicht in Stimmung, Komplimente entge-
genzunehmen.
»Wo ist der alte Häuptling, dein Vater?« fragte er.
»Herr«, entgegnete M'Kovo ernst, »ich will dich nicht belügen.
Mein Vater hat seine Krieger mit in den Busch genommen, und ich
fürchte, er wird Übles tun.«
Und er erzählte eine lange und umständliche Geschichte von
dem Aufflammen des Hasses und von Feindseligkeiten eines alten
Mannes. Sanders hörte geduldig zu.
Ein niemals irrender Instinkt, den er bis zu einem gewissen
Grade entwickelt hatte, sagte ihm, der Mann log. Der Glaube an
sein eigenes Urteil war auch nicht erschüttert, als M'Kovo seine
Ältesten und Zeugen von seines Vaters plötzlicher Verworfenheit
herbeirief.
Aber Sanders war ein listiger Mann und voller Ränke. Er ließ
seine Hand auf die Schultern M'Kovos fallen. »M'Kovo«, sagte er
sanft, »mir scheint dein Vater und Häuptling nichts mehr zu tau-
gen. Darum sollst du im Häuptlingshause sitzen. Dennoch mußt
du den Häuptling Hikilari vor mich bringen. Und zwar mußt du
ihn mir unverletzt bringen, und er muß seine Augen haben. Bring
ihn mir schnell, M'Kovo!«
»Herr«, antwortete M'Kovo mürrisch, »er will nicht kommen, und
wie kann ich ihn zwingen, da er viele Krieger mit sich hat?«
Sanders überlegte sich die Sache.
»Geh nur«, sagte er nach einer Pause, »und rede mit ihm und
sage ihm, daß ich ihn erwarte.«
»Herr, das will ich tun«, sagte M'Kovo. »Aber nicht eher als heute
nacht, denn ich fürchte, deine Leute werden mir folgen, und sobald
mein Vater sie sieht, wird er mich töten.« Sanders nickte.
In dieser Nacht kam M'Kovo reisefertig zu ihm, und Sanders
nahm aus seiner Tasche ein rundes silbernes Kästchen.
»Hänge das um deinen Hals, damit dein Vater sieht, daß du in
meinem Auftrage kommst!« befahl Sanders.
M'Kovo hing die runde Kapsel mit einem Stück Bindfaden um
seinen Hals und ging schnell in den Wald.
Zwei Meilen im Busch traf er auf dem Wege seine Vettern und
Brüder: eine höchst besorgte Versammlung.
»Mein Magen ist krank vor Furcht«, sagte sein älterer Vetter,
»denn Sandi hat ein Auge, das durch Bäume hindurchsieht.«
»Du bist ein Narr«, knurrte M'Kovo. »Sandi ist eine Fledermaus,
die nichts sieht. Und was ist's mit Hikilari, meinem Vater?« Sein
jüngerer Bruder wies ihm seine Speerspitze, auf der geronnenes
Blut klebte.
»Das war das beste«, sagte M'Kovo. »Und jetzt wollen wir
schlafen gehen. Morgen früh werde ich zu Sandi zurückkehren
und ihm etwas vorlügen.«
Am nächsten Morgen kratzten ihn seine Verwandten mit Dor-
nen und warfen Staub über ihn, und eine Stunde später stolperte
er, künstlich erschöpft, zu der Hütte hin, vor der Distriktsgouver-
neur Sanders sein Frühstück einnahm.
Sanders blickte auf die wegmüde Gestalt. »Mein Freund«, be-
merkte er sanft, »du hast einen langen Weg hinter dir?«
»Herr«, antwortete M'Kovo mit schwacher Stimme, »seit ich
dich verließ, habe ich nicht gerastet, außer bei meinem Vater, der
mich mit bösen Worten zu Deiner Ehren zurückgesandt hat.«
Sanders beugte sich nieder und nahm die kleine silberne Kapsel,
die auf der schweratmenden Brust M'Kovos lag.
»Und das hast du deinem Vater gezeigt?« fragte er.
»Herr, ich habe es ihm gezeigt«, wiederholte der Mann.
»Und du bist die ganze Nacht gewandert? Viele Meilen?«
»Herr, ich tat, wie ich dir berichtet habe.«
Sanders berührte eine Feder, und die Kapsel sprang auf. Ein Zif-
ferblatt, wie das einer Uhr, war zu sehen, nur daß es viele kleine
Zeiger aufwies. M'Kovo beobachtete neugierig, wie Sanders das
Instrument prüfte.
»Sieh mal genau hierher«, sagte Sanders trocken, »denn das ist
ein kleiner Teufel, der die Wahrheit redet, und er sagt mir, daß du
nicht weiter gegangen bist, als ein Mann in einer Zeit gehen kann,
die der Vollmond braucht, um die Höhe eines Baumwipfels zu er-
reichen.«
Die »Zaire« war während der Nacht angekommen, und Haus-
saposten standen wartend da.
Sanders ließ den Schrittzähler in die Tasche gleiten, warf seinen
Kopf in charakteristischer Weise zurück, und Sergeant Abiboo
bemächtigte sich des Gefangenen.
»Legt ihn in Eisen!« befahl Sanders auf arabisch, »und nimm
sechs Mann mit dir auf den Urwaldpfad! Bringt mir alle Leute, die
ihr dort findet!«
Abiboo kam nach einer Stunde mit vier Gefangenen zurück, und
alle waren sehr gesprächig, zu gesprächig für die Sicherheit M'Kovos
und dessen jüngeren Bruder; denn in der Nacht hatte Sanders ein
Urwaldgrab entdeckt, in dem der weise Häuptling lag. Es lag unter
einem Baum mit sich weit ausspannenden Ästen, und dieser Baum
sollte außerordentlich bedeutungsvoll werden für den Ausgang
dieses Dramas.
Bosambo war nicht für jedes Verbrechen zu tadeln, das man ihm
zur Last legte. Er hatte eine Fehde mit den Akasava, und das nicht
ohne Grund. Der Tod M'Kovos genügte ihm nicht, um die
Schmach zu tilgen, denn die Akasava hatten Blut vergossen, und
das nagte weiter an seinem Herzen, viele Monde lang.
Daher hatte Sanders, als alle Schwierigkeiten zwischen den
Akasava und Ochori beigelegt schienen, Veranlassung, in aller Eile
zu den Ochori zu gehen, und der Wasserstand des Flusses war sehr
niedrig.
Es gab keine Karte des großen Flusses, die während der Trok-
kenzeit zwei Cents wert gewesen wäre. Denn Sandbänke tauchten
unerwartet mitten im Fahrwasser auf, und der Fluß hatte weite
Strecken mit weniger als einem Faden Tiefe. Manchmal rief der
Mann, der vorn am Bug der »Zaire« saß und mit einer biegsamen
Stange lotete, in nasalem Ton aus: »Zwei Faden«, während an der
Stelle nur ein Faden Wasser vorhanden war.
Der Mann war, wie ich früher schon sagte, ein Kanomann und
etwas religiös angehaucht. Er träumte von einer Pilgerfahrt nach
Mekka und von einem grünen Band um seinen Tarbusch.
»Ich erkläre dir zum Ruhme Gottes, ein Faden und etwas dar-
über«, rief er aus.
Bump!
»Mach, daß du über Bord kommst, du geschwätziger Teufel!«
schrie ihn Sanders an, der immer verdrießlicher wurde, da das be-
reits die vierzehnte Sandbank war, auf die er aufgelaufen war, seit-
dem er sein Hauptquartier verlassen hatte. Daher sprang die ge-
samte Mannschaft bis an die Hüften ins Wasser und schob, indem
sie ein Lied zu ihrer Arbeit sang, den Dampfer wieder flott.
Sanders rannte auf die neununddreißigste Sandbank auf, kurz
ehe er zur Ochoristadt kam, und ging in einer höchst unliebens-
würdigen Stimmung an Land.
»Bosambo«, grüßte er, »ich beabsichtige zweierlei mit dir. Das
eine ist, dich für deine vielen Missetaten zu hängen, das andere,
dich peitschen zu lassen.«
»Master«, antwortete Bosambo mit ernster Frömmigkeit, »alle
Dinge kommen so, wie sie vorbestimmt sind.«
»Hab keine Angst, das eine oder das andere wird es sicher sein«,
warnte der Distriktsgouverneur. »Ich bin doch kein Hund, um
von einem Ende des Bezirks zum ändern Ende zu hetzen, weil ein
diebischer Schwarzer in verbotenen Gebieten auf Raub ausgeht!«
Bosambo, dessen schuldbeladenes Gewissen viele Gründe für
den unerwarteten Besuch des Distriktsgouverneurs erriet, schien
weniger tief betroffen.
»Herr, ich bin kein Nigger«, entgegnete er, »ich bin durch Ge-
burt und frühere Heiraten mit mehreren Königen verwandt,
auch...«
»Du bist ein Lügner«, schäumte Sanders, »und durch Geburt
und Heirat mit dem Vater aller Lügner verwandt. Und ich bin
nicht gekommen, um über deine mir durchaus gleichgültige Familie,
sondern über nächtliche Raubzüge zu reden.«
»Was nächtliche Raubzüge anlangt«, erklärte Bosambo freimütig,
»so weiß ich davon nichts. Ich ging mit meinen Ratgebern zu den
Akasava, um den neuen Häuptling zu besuchen und ihn meiner
Hochachtung zu versichern. Ebenso«, fügte er fromm hinzu, »um
gewisse christliche Gebete am Grabe meines Feindes zu verrichten,
denn, wie du weißt, Herr, unser Glauben lehrt uns das.«
»Nachts bist du gegangen!« sagte Sanders, der die Herausforde-
rung, die in den Worten »unser Glauben« lag, überging. »Und
nach Akasava kann man leicht bei hellichtem Tage gelangen. Und
überdies, als die Akasava dich überfielen, hattest du viele Ziegen in
deinen Kanus gefesselt.«
»Das waren meine Ziegen«, antwortete Bosambo mit Würde.
»Ich hatte sie mitgebracht als Geschenk für den neuen Häuptling.«
In seinem Zorn fluchte Sanders lange und geläufig.
»Blut hat für Blut gezahlt«, sagte er grimmig. »Es dürfen keine
Überfälle mehr stattfinden. Außerdem wirst du in dieser Stadt
bleiben und sie nicht verlassen, bis ich dir die Erlaubnis dazu
gebe!«
»Lord Sandi«, antwortete Bosambo, »ich höre und werde ge-
horchen.«
Eine gottlose Freude stahl sich eine Sekunde lang in das Auge
des Distriktsgouverneurs, flackerte dort einen Augenblick auf,
war verschwunden und ließ sein Gesicht undurchdringlich.
»Du weißt, Bosambo«, kam es verhältnismäßig sanft aus seinem
Mund, »daß ich sehr großes Vertrauen in dich setze. Darum lasse
ich dir einen mächtigen Fetisch zurück, der mich in meiner Abwe-
senheit vertreten soll.«
Damit nahm er aus der Tasche seines Uniformjacketts eine un-
fehlbare silberne runde Kapsel, die sehr hübsch anzusehen und
einem flachgedrückten Ei nicht unähnlich war.
Sanders hatte an diesem Morgen seinen Schrittzähler gestellt.
»Nimm das und trage es um meinetwillen!« befahl er.
Bosambo fädelte einen Bindfaden durch die Öse und hing sich
das Ding um den Hals.
»Herr«, antwortete er dankbar, »du hast mir das Ding vor den
Augen meines Volkes zum Geschenk gemacht. Nun werden sie
mir alles glauben, was ich ihnen über deine Liebe zu mir gesagt
habe.«
Sanders verließ am nächsten Morgen die Ochoristadt. »Nimm dich
in acht und gehe nicht über deine Stadtgrenze hinaus!« warnte er
Bosambo nochmals.
»Herr, ich werde fasten und stillsitzen, bis du wiederkommst.«
Bosambo beobachtete die »Zaire«, bis sie nur noch ein weißer
Fleck auf dem ruhigen Wasser war; dann ging er in seine Hütte.
Er nahm die Silberkapsel sehr vorsichtig von seinem Halse und
legte sie in seine Hand.
»Nun, du kleiner Satan«, redete er die Kapsel an, »der du das
Kommen und Gehen der Menschen beobachtest, nun hoffe ich, alles
über dich zu erfahren, du Henker M'Kovos.«
Er drückte auf den Knopf - er hatte früher einmal eine Uhr be-
sessen und hatte Erfahrung darin, wie man sie öffnete -. Die Kapsel
sprang auf und zeigte ihm die kleinen Zifferblätter.
Bosambo schüttelte das Instrument heftig und hörte ein schwa-
ches Ticken. Er sah einen großen Zeiger von einem Strich des
Kreises zum ändern wandern. Er schritt hierauf, den Schrittzähler
in seiner Hand, die Länge der Dorfstraße entlang. Und bei jedem
Schritt tickte das Instrument, und dessen Zeiger bewegte sich.
Wenn er stillstand, stand das Instrument ebenfalls.
»Allen Göttern sei Lob!« sagte Bosambo. »Nun kenne ich dich, du
Schwätzer! Denn ich habe deine böse Zunge zappeln sehen, und
jetzt kenne ich auch die Art, wie du redest.« Langsam kehrte er
nach seiner Hütte zurück. Vor der Tür krabbelte sein
jüngstgeborenes Kind, das Licht seiner Augen, auf dem Fellteppich
und krallte sich im Haar der Lieblingsziege, eines ruhigen alten
Tieres, fest, das alle ihm gestellten Zumutungen eines kleinen
braunen Menschenkindes ertrug. Bo-
sambo blieb stehen, um des Kindes braunen Kopf zu liebkosen
und den glatten Hals der Ziege zu klopfen.
Danach ging er in seine Hütte, nahm das verräterische Instru-
ment von seinem Halse und verbarg es mit anderen häuslichen
Schätzen in einem unter seinem Bett befindlichen Loch.
Um die Zeit des Sonnenuntergangs rief der Lokoli, die Sprech-
trommel, die Krieger zusammen.
»Wir gehen zu den Akasava«, redete Bosambo die Krieger kurz
an. »Denn ich weiß ein Dorf, das platzt vor Überfluß an Mais und
von den Ochori gestohlenen Ziegen. Auch das Blut unserer er-
schlagenen Brüder ruft, wenn auch nicht so laut wie die Ziegen.«
Bosambo marschierte und war drei Tage fort. Nach Verlauf dieser
Zeit kehrte er zurück - er hatte drei Mann verloren, denn das
Akasavadorf hatte seinen Bemühungen heftigen Widerstand gelei-
stet. Aber er hatte beträchtliche Beute mitgebracht.
Neuigkeiten wandern schnell den Fluß entlang, besonders üble
Nachrichten. Und diese erreichten Sanders, der das Eintreiben der
Hüttensteuer bei den N'Gombi fortsetzte.
Zum Überfluß kam noch ein Bote des Akasavahäuptlings an,
und Sanders begab sich, so schnell ihn die »Zaire« tragen konnte,
nach Ochoristadt.
Bosambo hörte von seiner Ankunft.
»Bring mir, o mein Leben und mein Stolz«, wandte er sich an
seine Frau, »ein gewisses Silberkästchen, das sich unter meinem
Bett befindet; es ist so groß und hat diese Gestalt.«
»Herr«, antwortete sein Weib, »ich kenne das Ding sehr gut.«
Er legte sich das Band, das die Kapsel hielt, um den Nacken und
erwartete in aller Ruhe Sanders' Ankunft. Sanders war außeror-
dentlich ärgerlich; so ärgerlich, daß er seinem schuldbeladenen
Häuptling gegenüber fast höflich war.
»Herr«, antwortete Bosambo, als die betreffende Frage an ihn
gestellt wurde, »ich habe die Stadt weder bei Tag noch bei Nacht
verlassen. So wie du mich hier siehst, habe ich vor meiner Hütte
gesessen, nur an heilige Dinge gedacht und an die Güte deiner
Herrlichkeit.«
»Gib mir das Kästchen!« befahl Sanders.
Er nahm es zur Hand und schnappte es auf. Er sah lange auf das
Zifferblatt; dann sah er Bosambo an. Und dieser Werte erwiderte
seinen Blick ohne Verlegenheit.
»Bosambo«, sagte Sanders, »mein kleiner Teufel erzählt mir,
daß du viele Meilen gewandert bist.«
»Herr«, antwortete der Häuptling aufs höchste betroffen,
»wenn er das sagt, dann lügt er.«
»Mir genügt seine Wahrheitsliebe«, antwortete Sanders, »du bist
zu weit gegangen! Und deshalb haben du und dein Volk fünfzig
Ziegen Strafe zu zahlen. Ebenso erhöhe ich eure Steuern und ziehe
die euch gegebene Erlaubnis, im Isisiwald zu jagen, hiermit zu-
rück. Außerdem habt ihr mir jeden Tag fünfzig Arbeiter zu stellen,
die im Dienste des Governments arbeiten.«
»O Ko!« stöhnte Bosambo; er stand in seiner Not auf einem
Bein. »Das ist gerecht, aber hart, denn ich sage dir, Herr, daß ich
die Akasava überfiel, aber wie dein Teufelskästchen das wissen
kann, kann ich nicht begreifen, denn ich habe es in Zeug eingewik-
kelt und unter meinem Bett verborgen.«
»Du hast es nicht bei dir getragen?« fragte Sanders. »Ich rede die
Wahrheit, und mein Weib wird mir's bezeugen.« Bosambo rief sein
Weib, und das anmutige Kanomädchen, das ihn unterm Pantoffel
hatte, kam an die Tür seiner Hütte.
»Herr, es ist wahr!« sagte sie. »Denn ich habe es gesehen, und
alle Leute haben es gesehen, gerade während mein Gebieter abwe-
send war.«
Sie bückte sich und hob ihr wohlgenährtes Baby aus dem Staub. »Der
sah es auch«, sagte sie, während ihr Auge vor Stolz aufleuchtete,
»und um dem Söhnchen meines Herrn und Gebieters eine Freude
zu machen, hing ich das Kästchen Neta, der Ziege, um den Hals. War
das unrecht?«
»Mein Sonnenlicht«, erwiderte Bosambo, »du kannst kein Unrecht
tun. Aber sage mir, ist Neta weit aus der Stadt gelaufen?« Das
Weib nickte. »Nur einmal. Sie war einen Tag und eine Nacht fort,
und ich hatte Angst wegen des Silberkästchens, denn um diese
Jahreszeit sind die Ziegen sehr unruhig.«
Bosambo wandte sich an seinen Gebieter. »Du hast es gehört,
o Sandi. Ich habe schuld und werde die Strafe zahlen.«
»Das wirst du«, sagte Sanders, »denn die Ziege trifft keine
Schuld.«
Bosambos Bruder
Bosambo war ein Monrovianer.
An anderer Stelle habe ich die Geschichte von der Ankunft des
Häuptlings in Sanders' Bezirk erzählt; von seiner gewagten Art
und Weise, wie er sich den Thron, jenen verrückten Häuptlingssitz,
anmaßte; und ich wies auf das plötzliche und unerwartete Ende
hin, das damals, wenig ehrenvoll für Bosambo, die berechtigten
Anwärter auf jene Häuptlingsschaft nahmen.
Bosambo war, an verschiedenem Maßstab gemessen, nach
christlichem wie heidnischem, ein guter Mann. Er regierte seinen
Stamm weise und zog in einem Jahre größere Einkünfte aus den
faulen Ochori, als irgendein früherer Häuptling in zehn Jahren aus
ihnen herausgeholt hatte. Bosambo verstand es ausgezeichnet, sich
bedeutenden Gewinn zu sichern, denn es gehörte zu seinen Ge-
pflogenheiten, daß er, wenn er eine Abgabe für die Regierung ein-
trieb, den doppelten Betrag für sich einsammelte.
In jener weit zurückliegenden Zeit war er, wenn ich mich recht
erinnere, ein unbotsamer Untertan des Präsidenten von Liberia
gewesen. In einer feierlichen Gerichtssitzung war er einst des
Diebstahls einer Glockenboje überführt worden, die er aus dem
Fahrwasser gestohlen hatte, wo sie die Seefahrer vor einem dort
liegenden Wrack warnen sollte, und die er für seinen eigenen
Zweck verwandt hatte. Er war damals der Gefangenschaft entronnen
und nach monatelanger, mühevoller Wanderung im Ochoriland
angekommen.
Sanders hatte ihn als zuverlässigen Mann befunden und traute ihm
in allen Sachen, wo es sich um ein gutes Regieren handelte. Aber
es gab andere, die Bosambo durchaus nicht trauten, besonders
gewisse Häuptlinge der Isisi, der Akasava und der N'Gombi. Diese
Leute hatten sich mit dem Fremdling, dem Herrscher der Ochori,
gemessen und waren unterlegen. Und wegen gewisser mutiger
Handlungen bei der Verteidigung seines Landes war es von einem
Ende des Landes bis zum ändern bekannt, daß Bosambo »ein
Liebling Sanders'« wäre und, wie das Gerücht in wenig
schmeichelhafter Weise für diesen behauptete, mit dem Häuptling
verwandt sei.
Wie dieses Gerücht entstehen konnte, wußte Bosambo am be-
sten. Es ist eine einfache Tatsache, daß Nachrichten, die wandern,
auf dieser Wanderung an Glaubwürdigkeit gewinnen.
So kam es, daß der Ruhm des ehemaligen Zuchthäuslers in Liberia
und Monrovia selbst zusehends wuchs; man erhob ihn dort zu einer
Stellung, die er niemals beansprucht hatte. Ich glaube, daß eine
liberianische Zeitung, die ein Schwarzer oder einige Schwarze
herausgaben, das verruchte Verbrechen, dessen Bosambo über-
führt war, soweit vergaß, daß sie von ihm als »unserem würdigen
Mitbürger Mr. Bosambo, Oberkommissar der Ochoriländer«
sprachen. Er wurde für sie zum reichen Fürsten, zum König. Er
stand an Bedeutung über dem Distriktsgouverneur Sanders. Ja,
man sagte ihm sogar nach, daß er das englische Kolonialamt beein-
flusse, eine Tatsache, die nicht ihresgleichen in der Geschichte der
afrikanischen Küste hatte.
Bosambo besaß Verwandte an der Küste, und diese fanden sich im
Verhältnis zu seiner wachsenden Größe ein. Er hatte einen Bruder
namens Siskolo, einen großen, knochigen und einflußreichen Mann.
Siskolo machte zunächst dadurch von sich reden, daß er an Bord
eines Kriegsschiffes als Brandungsbootsruderer gedient hatte;
dann, daß er eine oberflächliche Kenntnis des Englischen besaß
und daß er während der Zeit, wo er mit Weißen in Berührung ge-
kommen war, genügend viel zusammengestohlen hatte, um sich in
Liberia als eingeborener Ladenbesitzer niederzulassen. Er wurde
mit Mister Siskolo angeredet und hatte den Ehrgeiz, dereinst Mit-
glied der gesetzgebenden Körperschaft zu werden.
Es verstieße gegen die Wahrheit, wenn man behauptete, der Besitz
eines Bruders wie Bosambo hätte ihm während der Zeit, als
Bosambos Name in Liberia gleichbedeutend mit »Dreck« war,
Anlaß zu Stolz oder gar Entzücken gegeben. Es ist sogar schriftlich
niedergelegt, daß er, nachdem er jede Verwandtschaft mit Bo-
sambo abgeleugnet hatte, obwohl diese Verwandtschaft über jeden
Zweifel erhaben war, Bosambos nur als eines »gemeinen Niggers«
gedachte, wenn er von ihm sprach.
Als das liberianische Government in seiner Großzügigkeit eine
angemessene Belohnung für die Ergreifung dieses Verbrechers
aussetzte, erbot sich Siskolo in seiner für das öffentliche Gemein-
wohl begeisterten Art in der Presse, aus eigenen Mitteln eine per-
sönliche Belohnung hinzuzufügen.
Später änderte sich die öffentliche Meinung Liberias Bosambo
gegenüber, und mit diesem Umschwung änderten sich auch Siskolos
Ansichten über seinen Bruder. Dann kam eine Zeit, wo Bo-
sambo in seiner Heimat zu Ehren kam, die Leute auf ihn stolz waren
und, wie ich bereits angedeutet habe, sogar die Presse in
Ausdrücken der Anerkennung über ihn schrieb.
Nun versammelte Mr. Siskolo, wie erzählt wird, alle seine näheren
und entfernteren Verwandten, von dem nackt gehenden Großvater
an bis zu dem Rock tragenden Schwiegersohn, der eine Schuhfabrik
in Liberia betrieb. »Freunde und Kameraden!« redete Mr. Siskolo sie
orakelhaft an. »Ihr alle wißt, daß mein teurer Bruder Bosambo ein
großes Reich besitzt und daß er mehr als irgendein anderer farbiger
Mann an der Küste geehrt wird. Nun habe ich ja Bosambo immer
geliebt und oft des Nachts in heißem Gebete um seine Sicherheit
gerungen. Auch habe ich allen Weißen, denen ich begegnete, stets
nur Gutes über ihn gesagt. Und ich habe ihm bei vielen
Gelegenheiten durch Boten große Summen Geldes gesandt. Wenn er
dieses Geld nicht erhalten hat«, fuhr Mr. Siskolo mutig fort, »dann
lag es daran, daß die Boten Diebe waren oder daß Räuber sie
unterwegs überfallen haben. Aber alle meine Angestellten und die
Leute, die mich liebhaben, wissen, daß ich dieses Geld abgeschickt
und ihm Briefe voller Lob und voll guter Wünsche für seinen
Reichtum geschrieben habe.«
Mr. Siskolo machte hier eine Pause und steckte eine seiner kno-
chigen Hände in die Hosentasche eines Gesellschaftsanzuges, den er
von dem Diener des französischen Konsuls bekommen hatte.
»Ich habe euch zusammengerufen«, sagte er langsam, »weil ich
eine Reise ins Innere machen und meinen geliebten Bruder von
Angesicht zu Angesicht sehen will. Denn ich vernehme, daß er
große Schätze in seinem Lande hat, und es ist nicht gut, daß er so
reich ist und daß wir alle, die wir von seinem Blute sind, wir, die
wir ihn geliebt haben und die wir so viele Jahre für ihn gebetet haben,
daß wir arm sein sollen.«
Keiner der Verwandten, die da im Raum saßen, verneinte das. In
der Tat erhob sich ein Murmeln des Beifalls, das jedoch nicht ganz
frei war von Mißtrauen, dem ein gewisser Lakiro, bei dem man
allgemein juristische Kenntnisse voraussetzte, Ausdruck gab.
»Das ist alles Schnickschnack, Siskolo!« erwiderte dieser. »Wie
sollen wir erfahren, in welchem Verhältnis unser teurer Verwandter
Bosambo seine Reichtümer unter die von uns, die ihn geliebt
haben, verteilt wissen will?«
Dieses Mal war der Beifall nicht mißzuverstehen.
Mr. Siskolo antwortete von oben herab: »Nachdem ich den
Schatz von meinem lieben Bruder Bosambo - meinem leiblichen
Bruder, der mir blutsverwandt ist, versteht mich recht, und nicht
nur ein Vetter, wie ihr seid -, nachdem mir also dieser, mein leib-
haftiger Bruder, den ich so lange und so innig geliebt habe, seine
Schätze gegeben hat, werde ich mir die Hälfte davon nehmen, und
die andere Hälfte werde ich gleichmäßig unter euch verteilen.«
Lakiro nahm eine sehr kritische Miene an. »Es scheint mir«,
sagte er, »daß wir alle Blutsverwandte sind, daß wir Geld für die
Reise, die du, Siskolo, machen willst, gesammelt haben. Denn, so-
weit ich unterrichtet bin, hast du keinen einzigen Dollar dazu her-
gegeben. Und unser geliebter Freund und Verwandter Bosambo
sähe es lieber, wenn seine großen Geschenke gleichmäßig verteilt
würden.« - Er fixierte dabei die Brüder aus dem Hinterlande, die
sich hier versammelt hatten und die verständnislos der Unterhal-
tung zuhörten, die halb auf englisch, halb auf monrovianisch ge-
führt wurde. »Es wäre besser, denen weniger zu geben, die keines
Geldes bedürfen, als uns, die wir durch unsere gute Erziehung
kostspielige und schlemmerische Lebensgewohnheiten angenom-
men haben, wie Champagner und Wein zu trinken und ausge-
suchte Speisen zu genießen.«
Zwei Tage lang und den größeren Teil zweier Nächte verhan-
delten sie über die Verteilung der Beute, die sie zuversichtlich er-
warteten. Vierzehn Tage später reiste Siskolo mit einem Küsten-
dampfer ab und kam im Laufe der Zeit im Standquartier Sanders'
an.
Es mag hier erwähnt werden, daß der Eingeborene im Gehrock
und mit hohem Hut der Gegenstand besonderer Abneigung von
Distriktsgouverneur Sanders war. Er verabscheute ebenso alle
Eingeborenen, die Englisch sprachen, wie schlecht sie es auch im-
mer sprachen. Die einzige Ausnahme davon bildete Bosambo,
dessen Sprachschatz sich in fünfzig Worten erschöpfte. Trotzdem
hörte Sanders geduldig zu, als Siskolo ihm seinen Plan unterbrei-
tete, und mit der Offenbarung dieses Unternehmens kroch so et-
was wie eine heilige Freude in Sanders' Herz. Er lächelte sogar
gnädigst auf diesen schwarzen Mann herab.
»Geh in Gottes Namen, Siskolo!« sagte er sanft. »Ich werde dir
ein Kanu schicken, das dich zu deinem Bruder bringen soll. Es ist
richtig, daß er, wie du sagst, ein großer Häuptling ist. Bosambos
Reichtümer abzuschätzen fehlen mir die Mittel. Ich habe nicht
deine scharfen Augen.«
Siskolo überging schweigend die Beleidigung.
»Mr. Sanders«, sagte er, in die Landessprache fallend, da er sich
wenig ermutigt fühlte, in Sanders' eigener Sprache fortzufahren,
»Mr. Sanders, ich bin im Innersten meines Herzens froh, daß ich
meinen Bruder Bosambo sehen werde und daß ich ihm die Hand
drücken darf. Was seinen Schatz anbelangt, so zweifle ich nicht,
daß er mehr besitzt als die meisten Menschen; denn, wie ich weiß,
ist Bosambo ein sehr schlauer Mann. Ich bringe ihm reiche Ge-
schenke; darunter eine Uhr aus meinem eigenen Laden, die in kei-
nem Hafen der Küste unter drei Dollar verkauft werden dürfte;
außerdem ganze Stücke an Zeug von gehöriger Länge.«
Mr. Siskolo war früh an einem Julimorgen aufgestanden. Er begab
sich mit Hut - seinen Gehrock hatte er sorgfältig zusammengelegt
und in dem kleinen verdeckten Raum des Kanus untergebracht
und sogar seine Beinkleider durch ein Stück Pappkarton gegen
die Elemente geschützt - auf den langen Weg, der zwischen ihm und
seinem geliebten Bruder lag.
In einem Land, wo die Zeit nichts wert ist und wo die Phantasie
keine Rolle spielt, ist Reisen eine sehr angenehme, wenn auch etwas
langwierige Beschäftigung. Es dauerte einen Monat und drei Tage,
ehe Siskolo an die Grenze von Bosambos Reich kam. Zwei Meilen
von Ochoristadt setzte er sich seinen Hut auf und warf sich in seinen
Gehrock und in die Hosen der Zivilisation, damit er seinen Einzug in
einer Weise hielte, die des Verwandten eines großen und reichen
Fürsten würdig sei.
Bosambo nahm die Nachricht von seines Bruders Ankunft mit
einem Gefühl auf, das dem der Bestürzung ziemlich nahe kam.
»Wenn dieser Mann wirklich mein Bruder sein sollte«, sagte er,
»dann bin ich in der Tat ein glücklicher Mann, denn er schuldet
mir noch vier Dollar, die er sich vor langer Zeit von mir geborgt
und die er mir niemals wiederbezahlt hat.«
Dennoch befand er sich in Aufregung. Verwandte bringen stets
das Kunststück fertig, bei ihren Gastgebern eine merkwürdige
Unruhe hervorzurufen. Das beschränkt sich nicht auf einen Erdteil
oder ein Volk; und so ging denn auch Bosambo mit einem Ge-
fühl der Besorgnis in seinen Staatskleidern in feierlicher Prozes-
sion seinem Bruder entgegen.
In seinem Eifer stieg Siskolo aus dem Kanu, ehe dieses Grund
unter sich hatte, und watete ans Ufer, um seinen Bruder zu begrü-
ßen.
»Du bist tatsächlich mein Bruder - mein einziger Bruder, Bo-
sambo!« begrüßte er diesen und umarmte ihn herzlich. »Das ist ein
unvergeßlicher Tag für mich.«
»Für mich«, erwiderte Bosambo, »scheint die Sonne heute dop-
pelt so hell, und die kleinen Vögel singen lauter denn je, und ich
fühle mich so froh, daß ich in einem fort tanzen könnte. Nun sage
mir, Siskolo«, fuhr er fort, indem er einen etwas nüchterneren Ton
anschlug, »warum hast du dir den weiten Weg zu mir gemacht?
Denn ich bin ein armer Mann und kann dir nichts geben.«
»Bosambo«, antwortete Siskolo vorwurfsvoll, »ich bringe dir
Geschenke von großem Wert. Ich will dafür nicht einmal einen
Dollar haben. Alles, was ich wünsche, ist, dein treffliches Antlitz zu
sehen und deine weisen Worte zu vernehmen, die die Menschen von
einem Ende des Landes bis zum ändern wiederholen.« Siskolo
drückte von neuem Bosambos Hände. Sie machten einen
Augenblick halt, während Siskolo seine nassen Beinkleider auszog,
»denn«, erklärte er, »sie haben mich drei Dollar gekostet.«
So gingen sie, Arm in Arm, ganz nach der Art der Weißen, in
die Ochoristadt. Und alles Volk starrte wie verhext auf das Schau-
spiel, das ein großer, mächtiger Mann in einem Gehrock und in
hohem Hut, mit dem Zipfel eines weißen Hemdes darbot, das um
seine Beine schlug, während er in der Haltung herzlicher Zunei-
gung mit ihrem Häuptling Bosambo daherkam.
Bosambo stellte seinem Bruder seine beste Hütte zur Verfü-
gung. Er ließ Mädchen von sechs verschiedenen Stämmen vor die-
sem davon sehr eingenommenen Mitglied der äthiopischen Kirche
tanzen. Nichts, was er erdenken konnte, nichts, was von seinem
Volk ohne Bezahlung erlangt werden konnte, blieb ungetan, um
den Aufenthalt seines Bruders glücklich und unvergeßlich zu ge-
stalten.
Dennoch war Siskolo nicht zufrieden. Trotz allem Vergnügen,
das er in all diesen glücklichen Tagen hatte, in denen Bosambo be-
müht war, ihm Beweise seiner Macht und seiner Beliebtheit zu ge-
ben, blieb der wichtige Nachweis von Bosambos Reichtum zu
erbringen übrig, nach dem es Siskolo verlangte.
Er schnitt dieses Thema eines Nachts an, bei einem Fest, das Bo-
sambo ihm zu Ehren gab, einem Fest, dessen Kosten - nebenbei
bemerkt - von denen getragen wurden, die dabeisaßen und die eine
solche Verschwendung ihrer kostbaren Güter grollend verfolgten.
»Bosambo, mein Bruder«, sagte Siskolo, »obwohl ich dich liebe,
beneide ich dich. Du bist ein reicher Mann, und ich bin arm, und
ich weiß, daß du viele schöne Schätze an geheimen Plätzen verborgen
hast.«
»Beneide mich nicht, Siskolo«, kam es traurig von Bosambo,
»denn obwohl ich ein Häuptling bin und ein Liebling Sandis, habe
ich doch keine Reichtümer. Aber du, mein Bruder und Freund,
hast mehr Dollars als Sandkörner. Nun weißt du ja, daß ich dich
liebe«, fuhr Bosambo atemlos fort, denn der andere öffnete eben
die Lippen zum Widerspruch, »und ich tue alles dieses ohne Hoff-
nung auf Belohnung. Ich würde in der Tat einen großen Schmerz in
meinem Herzen empfinden, wenn ich daran denke, du könntest mir
hierfür kleine Silbermünzen anbieten. Dennoch, wenn du es so
haben willst, würde ich das annehmen, da ich weiß, wie niedrig ich
vor deinem Antlitz bin, und nicht, weil ich mich nach Reichtümern
sehne, sondern weil ich ein armer Mann bin.«
Siskolos Gesicht wurde lang und länger. »Bosambo«, erwiderte
er, und es lag wenig Heiterkeit in seinem Ton, »auch ich bin ein
armer Mann, da ich eine große Familie habe und viele Verwandte,
die auch deine Verwandten sind. Und ich denke, es wäre eine gute
Sache, wenn du mir ein feines Geschenk machtest, das ich mit zur
Küste nehmen könnte. Ich würde dann alle Leute zusammenrufen
und ihnen sagen: Seht, das habe ich von meinem Bruder Bosambo
erhalten, der ein großer Häuptling in einem fernen Lande und sehr
reich ist.«
Bosambos Gesicht zeigte nicht, daß er besonders dafür einge-
nommen sei. »Das ist richtig«, sagte er leise, »es wäre sehr schön,
wenn man's tun könnte, aber mir ist ganz elend im Herzen, daß
ich das nicht tun kann, denn ich bin furchtbar arm.«
So verlief die Unterhaltung, die die beiden Brüder in Anspruch
nahm, sobald der Gang der Darbietungen einmal Zeit zum Reden
gab.
Nach zehn Tagen war Bosambo ein müder Mann; er gab Winke,
die jeder andere als Bosambos Bruder beachtet hätte. So sagte er
zum Beispiel: »Bruder, ich hatte einen Traum in der letzten Nacht.
Deine Familie war erkrankt, und dein Geschäft ging zum Teufel.
Nun denke ich, wenn du schnell in deine Heimat zurückkehr-
test...« Oder: »Bruder, mich erfüllt bange Sorge, denn jetzt
kommt die Zeit in unserem Lande, wo alle Fremden an Geschwü-
ren leiden.«
Aber Siskolo entgegnete auf alle diese Anzapfungen gewandt
und entschlossen, denn er war nicht umsonst Bosambos Bruder.
Der Häuptling war von düsteren Ahnungen erfüllt. Als die Wo-
chen dahinflössen und sein Bruder noch immer keine Vorberei-
tungen zur Abreise traf, nahm Bosambo sein schnellstes Kanu und
zehn Paddler und fuhr nach I'kan, wo Sanders gerade Steuern ein-
trieb.
»Herr«, sagte Bosambo, indem er sich auf Deck vor dem müden
Distriktsgouverneur niederhockte, »ich habe dir eine Geschichte
zu erzählen.«
»Dann laß es eine Geschichte sein, die man zwischen dem Sich-
niedersetzen eines Moskitos und seinem Stich erzählen kann«,
antwortete Sanders.
»Herr, es ist eine kurze Geschichte«, kam es traurig von Bo-
sambo, »aber es ist eine sehr üble Geschichte - wenigstens für
mich.«
Und er erzählte die Geschichte vom unwillkommenen Bruder.
»Herr«, fuhr er fort, »ich habe alles getan, was ein Mann tun
kann, denn ich habe ihm Dinge zu essen gegeben, die nicht mehr
ganz genießbar waren; und eines Nachts spielten meine jungen
Leute mir zuliebe ein Stück, in dem sie sich als gewisse wilde Isisi-
leute aufführten, obwohl Deine Lordschaft weiß, daß sie durchaus
nicht wild sind, aber...«
»Weiter, weiter!« knurrte Sanders, denn der Tag war heiß gewe-
sen und das Steuereintreiben mehr als ermüdend.
»Nun komme ich zu dir, Herr, mein Gebieter und Herr«, sagte
Bosambo, »da ich weiß, daß du sehr klug und weise bist und daß
dir die Macht der Götter innewohnt. Sende meinen Bruder von mir
weg, denn ich liebe ihn so sehr, daß ich fürchte, ich werde ihm eines
Tages Schaden tun.«
Sanders war ein Mann, der alles der Beachtung wert fand, außer
Zank mit Weibern. Denn er hatte den Anfang von Fehden in
stecknadelkopfgroßen Meinungsverschiedenheiten gesehen und es
erlebt, daß eine Expedition von achttausend Mann in den Busch
ging, um eine Streitigkeit aus der Welt zu schaffen, die sich ur-
sprünglich um einen Kochtopf drehte.
Er dachte eine Weile angestrengt nach. Dann sagte er: »Vor zwei
Monaten kam ein jagender Akasavamann zu mir, der mir erzählte,
im Ochoriwalde, gerade an der Isisigrenze, befinde sich eine Stelle,
wo fünf große Bäume in der Form eines Halbmondes wüchsen...«
»Ehre sei Gott und seinem Propheten Mohammed!« unterbrach ihn
Bosambo fromm und bekreuzigte sich dabei in recht unlogischer
Weise.
»In Gestalt eines Halbmondes«, fuhr Sanders fort. >»Und am
Fuße des mittelsten Baumes< - so sagte der junge Akasavamann,
>befindet sich ein großer Schatz von Elfenbein.<« (Es handelte sich
um »totes« Elfenbein, das heißt um Elfenbein, das vergraben oder
aufgespeichert worden ist.)
Sanders hielt inne, und Bosambo sah ihn an. »Solche Geschichten
werden oft erzählt«, bemerkte Bosambo. »Dann erzähl sie weiter!«
sagte Sanders bedeutungsvoll. In Bosambos Augen leuchtete
Verständnis auf.
Zwei Tage später war er wieder in seiner Stadt, und nachts rief er
seinen Bruder zu einem geheimen Palaver. »Bruder«, begann er, »ich
habe viele Tage über dich nachgedacht und darüber, wie ich dir am
besten dienen könnte. Wie du weißt, bin ich ein armer Mann.«
»Ein König ist ein armer Mann, und ein Bettler ist noch ärmer«,
zitierte Siskolo anmaßend und ungläubig.
Bosambo holte tief Atem. »Nun will ich dir etwas anvertrauen«,
fuhr er mit leiser Stimme fort. »Für meine alten Tage und für den
Fall, daß mich mein aufsässiges Volk verraten sollte, habe ich einen
großen Schatz Elfenbein aufgehäuft. Ich habe dieses Elfenbein
meinem Volke genommen. Ich habe es in blutigen Schlachten ge-
wonnen. Ich habe viele Elefanten gejagt, Siskolo, mein Bruder«,
fuhr er in erkünstelter Erregung fort, »alles dieses gebe ich dir, weil
ich dich und meine trefflichen Verwandten liebe. Gehe nun in
Frieden, aber kehre nicht hierher zurück, denn wenn mein Volk
erfährt, daß du den Volksschatz suchst, wird es dir nicht verzeihen,
und dann werde ich meine Leute nicht halten können, obwohl ich
ihr Häuptling bin.«
Die ganze Nacht hindurch saßen sie, Bosambo traurig, aber
dennoch Winke gebend; in Siskolo zitterte alles vor Aufregung.
Bei Tagesanbruch reiste der Bruder auf dem Wasserwege nach
der Isisigrenze, dorthin, wo fünf Bäume in der Form eines Halb-
mondes wuchsen.
»Herr!« rief Bosambo bitter und verletzt, »ich bin einmal Christ
gewesen, einmal ein Anbeter von Dämonen, ein Fetischmann, und
nun bin ich ein Anhänger des wahren Glaubens - obwohl ich alle
Ursache habe, daran zu zweifeln.«
Er stand vor Sanders in dessen Standquartier. Unten am kleinen
Kai des Flusses lagen Bosambos erschöpfte Paddler, denn Bo-
sambo war Tag und Nacht gerudert, um den Fluß herunterzu-
kommen.
Sanders sprach nicht. Nur der Schalk saß in seinem Augenwinkel,
und ein Lächeln zuckte um seine Lippen.
»Und es scheint mir«, sagte Bosambo mit tragischem Pathos,
»daß mich keiner der Götter liebt.«
»Das ist dein Palaver«, sagte Sanders. »Und vergiß nicht, dein
Bruder liebt dich mehr als jemals!«
»Herr«, rief Bosambo verzweifelt, indem er seine Arme aus-
streckte, »wußte ich denn, daß unter dem mittelsten Baum von den
fünfen tatsächlich zehn große Elefantenzähne begraben waren?
Herr, bin ich denn verrückt, daß ich diesem Hund einen solchen
unermeßlichen Schatz geben konnte?« -
»Ja, ich habe es auch für ein bloßes Gerücht gehalten«, sagte
Sanders leise.
»Herr, darf ich einmal sehen?«
Sanders nickte, und Bosambo ging an das Ende der Veranda und
sah auf die See hinaus.
Eine Rauchfahne war am Horizont sichtbar. Es war der Rauch
des abfahrenden Postdampfers, der Siskolo und seinen wunderbaren
Elfenbeinschatz zurück nach Monrovia brachte.
Bosambo erhob feierlich seine geballte Faust und verfluchte das
verschwindende Schiff.
»O Bruder!« jammerte er, »o du Teufel! Du Schlange! Nigger!
Nigger! Verdammter Nigger!«
Bosambo weinte.
Der Thron der N'Gombi
Das N'Gombivolk achtete einen Thron höher als alle anderen
Schätze, und zwar weil dieser aus Elfenbein und aus von Eingebo-
renen gefundenem Silber gefertigt war; darin waren die N'Gombi
geschickte Arbeiter.
Auf diesem Thron hatten Könige, große Krieger und Häupt-
linge ihres Stammes gesessen, ebenso werte Gäste des Landes.
Bosambo, der Ochori, begab sich einst zum König der
N'Gombi, um ein freundschaftliches Palaver mit ihm zu halten,
saß auf diesem Throne und bewunderte ihn. Nachdem er gegangen
war, kamen nachts vier Männer und trugen den Thron weg; und
obwohl der König von N'Gombi und seine Räte das Land von einem
Ende bis zum anderen absuchten, wurde dieser Stuhl doch
niemals gefunden.
Er würde auch niemals gefunden worden sein, wenn nicht Mr.
Wooling, ein Händler und Mann von Fähigkeiten, gewesen wäre.
Dieser war an der Küste von einem Ende bis zum anderen als ein
Verkäufer wunderbarer Dinge bekannt und, nach allgemeinem
Dafürhalten, ein reicher Mann.
Eines Tages nahm er sich vor, unbekannte Welten zu erobern,
und kam in Sanders' Bezirk mit dem Glauben an diese Sendung,
mit einer Ladung der mannigfaltigsten Dinge und einer unbe-
zähmbaren Neugier.
Bis dato hatte sich sein Handel auf die am meisten zivilisierten
Striche des Landes beschränkt - auf Plätze, wo der gebildete Ein-
geborene die Wechselkurse studierte und die Ernte auf dem Halm
verkaufte. Er hatte schon lange gewünscht, ein Land zu betreten, in
dem das Heidentum eine führende Rolle innehatte, wo Weiße als
Götter angesehen wurden und wo ihnen gestattet war, in großem
Maßstab zu betrügen.
Wooling erfuhr manchen Rückschlag; nicht der geringste dar-
unter war die Entdeckung, daß Genever, auch wenn es deutscher
Genever war, in vierkantigen Flaschen, prächtig etikettiert und in
Strohhülsen gepackt, von Sanders nicht als eine marktfähige Ware
angesehen wurde.
»Sie können sonst etwas handeln«, sagte Sanders, indem er lässig
seinen Fliegenwedel handhabte, »aber der Schlagbaum ist zu,
wenn es sich um die Einfuhr von Alkohol und Feuerwaffen han-
delt, denn beides ist dann im Besitz einer dafür begeisterten und
zu Versuchen damit geneigten Bevölkerung.«
»Aber, Mr. Sanders«, protestierte der Mann, der sein Schäfchen
zu scheren gedachte, mit dem zuversichtlichen Lächeln, das fünf-
undsiebzig Prozent seiner Habe darstellte, »ich bin keiner von je-
nen Neulingen, die eben von Mutters Schürzenband loskommen!
Verdammt noch mal! Ich kenne die Eingeborenen! Ich spreche ihr
Kauderwelsch vom Küstenenglisch bis zum Suaheli.«
»Aber Sie dürfen auf keinen Fall in Alkohol zu ihnen reden! Be-
trachten Sie das Palaver als beendet!« sagte Sanders.
Und alle Beredsamkeit Mr. Woolings war nicht imstande, den
diamantharten Distriktsgouverneur zu überzeugen und dessen
Sinn zu ändern. Der Händler ging mit einer höflichen Anspielung
auf das Wetter weg und mit innerlichen Verwünschungen gegen
einen zu diensteifrigen britischen Amtsnarren, die zu hören San-
ders Gott weiß was gegeben hätte.
Wooling ging ins Innere und handelte nach bestem Können
ohne jenes Lockmittel, welches das wirksamste auf seinem Beute-
zug war. Und wenn man die Wahrheit sagen soll, und es liegt keine
dringende Veranlassung vor, das nicht zu tun, er machte ein gutes
Geschäft, bis er eines Morgens bei Ochoristadt rastete und einen
Häuptling interviewte, dessen Name Bosambo war.
Wooling landete dort um die Mittagszeit, und innerhalb einer
Stunde hatte er seine schönen Waren am Flußufer ausgelegt. Diese
umfaßten Manchester-Baumwollwaren aus Belgien, echtes indi-
sches Salzfleisch aus Birmingham, Salz, das einen beträchtlichen
Teil guten Flußsandes enthielt, und ähnliche reizende Kaufob-
jekte.
Sein Besuch bei dem Häuptling war ein Ereignis. Er traf Bo-
sambo an, wie dieser in einem Gewand aus Leopardenfellen vor
seiner Hütte saß.
»Häuptling!« redete er ihn in der blumenreichen Redeweise sei-
nes Schlages an, »ich habe eine lange, ermüdende Reise durch den
Urwald und gegen die Strömung des Flusses gemacht, um alle
Häuptlinge in ihrer Größe zu schauen. Und ich bringe dir ein Ge-
schenk des Königs von England, der mein persönlicher Freund
und ein entfernter Verwandter von mir ist.«
Damit übergab er seinem Wirt feierlichst eine kleine Heiligen-
statue, die einen gelben heiligen Sebastian vorstellte, der von pur-
purroten Pfeilen durchbohrt war - eine Figur, wie man sie von ei-
nem Fabrikanten an der Ostsee für drei Cent en gros beziehen
konnte.
Bosambo empfing das Geschenk mit großem Ernst.
»Herr!« sagte er, »ich werde das zu den anderen Geschenken legen,
die mir der König von England gesandt hat und von denen einige
von großem Werte sind, wie zum Beispiel das wundervolle Bett aus
Gold, eine Uhr aus Silber und eine Krone so voll von Diamanten, daß
sie noch kein Mann hat zählen können.«
Er sagte das sehr ruhig, und dem betroffenen Mr. Wooling blieb
der Atem weg.
»Was dieses schöne Geschenk anbetrifft«, fuhr Bosambo fort,
indem er nachlässig mit dem Heiligenbilde herumtändelte, als ob er
seinen Entschluß, es seiner Sammlung hinzuzufügen, bereue,
»sieh, um dir zu beweisen, wie sehr ich dich liebe - da ich alle weißen
Herren liebe -, ich gebe es dir. Aber da es von böser Vorbedeutung
ist, ein Geschenk zurückzugeben, so sollst du mir zehn
Silberdollars geben; auf diese Weise wird keinen von uns beiden
ein Unglück treffen.«
»Häuptling!« antwortete Mr. Wooling, der sich mit großer An-
strengung wieder erholt hatte, »das ist ein wunderbares Geschenk,
und der König dürfte sehr ärgerlich werden, wenn er hört, daß du
das Geschenk zurückgegeben hast, denn ein Sprichwort sagt: >Gib
nichts zurück, was dir gegeben worden ist!< Und dieses hier ist das
Bild eines heiligen Mannes.«
Bosambo sah auf das kleine Standbild. »Es ist ein sehr heiliger
Mann«, gab er zu, »denn ich sehe, das ist die Figur des heiligen Judas -
darum sollst du es haben, bei meinem Haupte und bei meiner Seele!«
Schließlich gewährte Mr. Wooling zögernd fünf Dollar, wobei er
ihm die Heiligenstatue außerdem als eine Art geweihter Zugabe
überließ. Überdies kaufte Bosambo für genau zehn Dollar Waren,
einschließlich eines Stückes Chiffon, und bezahlte in barem Gelde.
Mr. Wooling ging befriedigt von dannen.
Viele Tage danach entdeckte er unter seinem Bargeld zehn auf-
fallende, ganz verschiedene Dollarstücke, die - jeder Irrtum war
ausgeschlossen - unecht und von jener Sorte waren, von denen ge-
wissenlose Geschäftshäuser an der Küste ein Dutzend für einen
Dollar an die Händler verkauften, die mit ahnungslosen Heiden
Handel trieben. Wooling kam mit einem Profit zur Küste
zurück, der geradezu eine Selbsttäuschung gewesen wäre, wenn
man nicht die gemachte Erfahrung auf die Kreditseite des
Hauptbuches hätte buchen können.
Sechs Monate später unternahm er einen neuen Zug ins Innere;
diesmal nahm er eine besondere Sorte Grammophone mit sich,
die hauptsächlich deshalb bemerkenswert waren, weil das
Muster, das er vorzuführen pflegte, ein brauchbareres
Instrument war als das, das der Käufer dann erhielt.
Damit kam er auch nach der Ochoristadt. Er hatte in seinem
großen Warenkanu ein Grammophon und vierundzwanzig
Dinger, die einem Grammophon ähnlich sahen. Es waren auch
in der Tat Grammophone, nur mit dem Unterschiede, daß sie
kein Gehwerk hatten. Und Grammophone ohne Mechanismus
sind eine schlechte Ware auf dem afrikanischen
Markt.
Nichtsdestoweniger erstand Bosambo eines zu einem lächerlich
niedrigen Preise, und der Häuptling beobachtete mit
gekränktem und vorwurfsvollem Ausdruck die erschöpfenden
Versuche, die Mr. Wooling mit dem von Bosambo dafür
bezahlten Gelde anstellte.
»Herr!« sagte Bosambo sanft, »dieses Geld ist gutes Geld,
denn es wurde mir von meinem Halbbruder Sanders gesandt.«
»Geh zum Teufel mit deinem Halbbruder Sandi!«
antwortete Wooling wütend auf englisch, und zu seinem
Erstaunen antwortete der Häuptling in derselben Sprache.
»Du machst'm schwören? Du leben einem Tag für Hölle
zu kommen! Du sagen verfluchtige Worte! Du nix sein gut für
machen Engels.«
Wooling war, als er in der nächsten Stadt ankam, die zum
N'Gombiland gehörte, sicherlich kein Engel, denn er hatte ent-
deckt, daß er auf irgendeine geheimnisvolle Weise Bosambo das
echte, wirkliche Grammophon verkauft hatte und daß er nun keins
hatte, mit dem er seine neuen Kunden zum Kauf verlocken konnte.
Er machte einen Gewaltmarsch nach Ochoristadt zurück und
entdeckte Bosambo, wie dieser gerade eine große
Zuhörerschaft mit einer kreischenden Vorführung der
»Heiligen Stadt« unterhielt.
Als der wütende Händler seinen Weg durch die sich lang
dahinwindende Straße stapfte, wehte ihm auf den Schwingen des
Abendwindes die Stimme des weit entfernten Tenors entgegen:
»Jer-u-salem! Jer-u-salem!
Sing, denn die Nacht ist vorüber!«
»Häuptling!« sagte Mr. Wooling erregt, »das ist ein schlimmes Pa-
laver, denn du hast meine beste Zauberkiste genommen, die ich dir
gar nicht verkauft habe.«
»Letzte Nacht lag ich im Schlummer,
Da kam ein Traum so schön.«
sang das Grammophon seelenvoll.
»Herr«, antwortete Bosambo, »diese Zauberkiste habe ich ge-
kauft - ich habe dich mit zehn Dollar bezahlt, in die Deine Lord-
schaft hineingebissen hat, in der Befürchtung, daß es schlechte
Dollars seien.«
»Bei deinem Kopf, du Dieb!« fluchte Wooling. »Die hier habe
ich dir verkauft.« Er zeigte einen Ersatz dafür, den er unter dem
Arm trug.
»Herr«, sagte Bosambo ziemlich demütig, »das tut mir leid.«
Er stellte das Grammophon ab. Er nahm das große Schallrohr
aus Zinn ab - allerdings sehr zögernd. Er hüllte das Instrument
höchst eigenhändig in ein Stück einheimische Grasmatte ein und
übergab es dem Händler. Und Mr. Wooling, der Streit erwartet
hatte, stiftete dem höflichen Wirt einen ganzen Dollar.
»So belohne ich die, die ehrlich sind«, sagte er großmütig.
»Herr!« entgegnete Bosambo, »damit wir immer mit freundli-
chen Gefühlen aneinander denken, hast du hier die Hälfte, und ich
behalte die andere Hälfte.«
Mühelos brach er die Münze in zwei Hälften, denn sie war aus
Metall gemacht, dessen Wert wesentlich geringer war als der eines
echten Silberdollars.
Wooling war ein Mann, der nicht leicht in Verlegenheit zu setzen
war, dennoch ist es erwiesen, daß er schließlich in seiner Aufregung
Bosambo einen echten Dollar gab und daß er bereits die Hälfte
des Weges nach Akasavastadt zurückgelegt hatte, ehe er seinen
Irrtum bemerkte. Dann lachte er still vor sich hin, denn das
Grammophon wog all die Mühe auf und das Geld obendrein.
In dieser Nacht versammelte er die Akasavaleute um sich, um
sie die »Heilige Stadt« hören zu lassen, aber nur, um zu entdecken,
daß er zum zweitenmal in Ochoristadt ein Grammophongehäuse
ohne Werk eingetauscht hatte.
In der Ochoristadt aber jauchzte um dieselbe Zeit während der
ganzen Nacht eine kreischende Stimme »Jerusalem« und erregte
die Bewunderung und Ehrfurcht der Ochorileute. -
»Teilweise Ihre eigene Schuld!« sagte Sanders, als sich der
Händler beklagte. »Bosambo wurde in einem zivilisierten Ge-
meinwesen erzogen und eignete sich dort eine Fingergewandtheit
an, die weniger talentierte Leute nicht besitzen.«
»Mr. Sanders«, antwortete der Schafchenscherer sehr ernst, »ich
habe als junger Mensch und als Mann sechzehn Jahre lang hier an
der Küste Handel getrieben und« - er sprach mit schmerzlicher
Betonung - »da war niemals und wird auch niemals ein ewig ver-
dammter eingeborener Nigger in diesem durch die Vorsehung un-
vermeidlich verfluchten Erdteil sein, der Will Wooling über das
Ohr haut.«
Alles dieses sagte er, indem er in seiner verzeihlichen Aufregung
verschiedene düstere Gleichnisse anwandte, die hier nicht wieder-
gegeben zu werden brauchen.
»Mir behagt Ihre Ausdrucksweise nicht, aber ich bewundere
Ihre Entschlossenheit«, sagte Sanders.
Tatsächlich war die Entschlossenheit Mr. Woolings so groß, daß
er einen Monat später mit einer dritten Ladung in den Busch ging;
diesmal war es eine, die besonders lockte, denn sie bestand in der
Hauptsache aus goldenen Ketten von überraschender Schwere, die
in Zwischenräumen mit sehr seltenen und kostbaren Stücken far-
bigen Glases besetzt waren.
»Und diesmal«, bemerkte er zu dem unerschütterlichen Di-
striktsgouverneur, der aus Langeweile zur Landungsstelle herun-
tergekommen war, um den Händler abfahren zu sehen, »diesmal
kriegt es Bosambo gehörig eingerieben.«
»Halten Sie sich von den N'Gombileuten fern!« riet Sanders.
»Sie sind ein unruhiges Volk. In das Gebiet dürfen Sie mir nicht
hinein!«
Mr. Wooling gab einen grollenden Laut von sich, denn er hatte
sich seine Wegroute durch das N'Gombiland, das sehr reich an
Gummi und Kopal ist, bereits zurechtgelegt. Er hatte eine ange-
nehme Reise durch das Land, denn er war ein zungenfertiger
Mann, der immer eine Erklärung für die bereit hatte, die sich bitter
über die fehlerhaften Eigenschaften ihrer früheren Einkäufe be-
klagten.
Er ging geradewegs zum Ochoribezirk. Dort harrten seiner Ge-
legenheiten, seine Verschmitztheit und seine besonderen Anlagen
unter Beweis zu stellen. Und er vergaß die äußere Würde seines
Standes so weit, daß er geradewegs auf sein Ziel losging.
»Bosambo!« redete er den Häuptling an, »ich habe dir sehr
kostbare und wundervolle Sachen mitgebracht. Nun schwöre ich
dir bei...« - hier folgte mit der an ihm charakteristischen Zungen-
fertigkeit ein ganzes Bündel der verschiedensten Gottheiten und
heiliger Dinge -, »daß diese Ketten«, - er breitete eine von beson-
derer Schönheit aus, um die Bewunderung des anderen zu reizen -
»mir teurer sind als mein Leben. Dennoch sollst du sie haben -für
einen Elfenbeinzahn.«
»Herr«, fragte Bosambo, der das Kleinod ehrfürchtig betastete,
»welche Zauberkraft wohnt dieser Kette inne?«
»Sie ist ein großer Töter von Feinden«, sagte Wooling begeistert,
»sie schützt vor Gefahr und gibt ihrem Träger Mut. Sie ist zwei
Elfenbeinzähne wert, aber weil du's bist und weil Sanders dich
schätzt, will ich dir sie für einen Elfenbeinzahn lassen.«
Bosambo grübelte. »Elfenbeinzähne kann ich dir nicht geben«,
sagte er, »aber ich will dir einen Sessel aus Elfenbein geben, der
wirklich wundervoll ist.« Damit holte er das Wunder aus einem
Versteck in seiner Hütte hervor.
Es war in der Tat ein hübsches Ding und viele solcher Ketten
wert.
»Diesen kannst du an die N'Gombi verkaufen! Die sind Liebhaber
von solchen Sachen und werden dich gut bezahlen«, sagte Bosambo
süß wie Zucker. -
Wooling kam im N'Gombigebiet mit dem Gefühl an, fünfzig
Pfund Sterling Wert für einen Vierpence erstanden zu haben. Und er
betrat dieses Land, denn er betrachtete amtliche Warnungen als den
Ausdruck einer armseligen Form von Laune.
Er fand die N'Gombi - wie er erwartete - in einer sehr zugängli-
chen und entgegenkommenden Stimmung. Sie erstanden - das
Geld hierfür wurde durch öffentliche Sammlung aufgebracht -
eine seiner schönen Ketten, um den Hals ihres Häuptlings zu
schmücken; sie feierten Wooling und ließen Tanzweiber von den
umliegenden Dörfern kommen, um ihm Ehre zu erweisen. Sie
drückten ihre Liebe und Bewunderung für Sanders sehr redselig
aus, bis sie entdeckten, daß ihre Begeisterung für den Genannten
bei dem Zuhörer auf keine Gegenliebe stieß; da wagten sie sich mit
ihrer Meinung hervor, daß Sandi ein grausamer und tyrannischer
Herr sei.
Hierauf bediente Wooling sie recht geläufig mit Flüchen, nannte
sie Fischfresser und Liebhaber von Hunden; denn es ist gegen das
streng beobachtete und eingewurzelte Glaubensbekenntnis der
Küste, einem Neger zu erlauben, in Tönen der Mißachtung von
einem Weißen zu sprechen, selbst wenn dieser Weiße ein Regie-
rungsbeamter ist.
»Nun hört mir alle zu!« rief Wooling, »ich habe euch hier ein
großartiges und entzückendes Ding zu verkaufen...«
Über die Baumwipfel wogte eine dicke gelbe Wolke, die sich in
phantastischen Fetzen ballte und fortwirbelte.
Sanders ging an den Bug der »Zaire«, um die Stahltrosse zu be-
sichtigen. Seine leichtsinnige Mannschaft hatte die Gewohnheit,
am ersten besten dürren und faulenden Baumstumpf festzuma-
chen, der einem vor die Augen kam. Diesmal aber hatten sie eine
gute Festmachstelle gefunden. Die Vertäutrosse war am Stamm ei-
nes starken jungen Kopalbaumes festgemacht, der in der Nähe des
Uferrandes wuchs. Eine Prüfung der Hecktrosse erwies sich als
ebenso zufriedenstellend.
»Nun mögen die Elemente toben!« rief Sanders, und wirklich
antworteten die Elemente auf der Stelle.
Ein zickzackgeformter blauer Flammenstreifen sprang aus den
gelblichen Wolken hervor, ein ohrenbetäubender Donnerkrach
ging los, und plötzlich traf ein orkanartiger Sturm den kleinen
Dampfer in seinem geschützten Winkel und beugte die Wipfel der
Bäume ohne Ausnahme bis zur Erde.
Sanders erreichte seine Kabine, schob die Tür zurück und zog
sie wieder hinter sich zu.
In der Stille der Kabine beobachtete er den Tornado durch sein
Fenster, denn die Kabine befand sich an Oberdeck, und er hatte
von dort aus eine so ausgedehnte Fernsicht, wie das überhaupt von
der kleinen Bucht aus möglich war.
Er sah die sonst ruhigen Wasser des breiten Flusses zu Wogen
aufgepeitscht, sah einen Baum nach dem anderen wanken und bre-
chen, als M'shimba M'shamba, der Herr der Hölle, mit furchtbarem
Schritt durch den Urwald stampfte; er hörte das hohe, durch-
dringende Geheul des Sturmes, unterbrochen von dem zerreißenden
Krachen des Donners, und war, nach Art der Philister, froh, daß
er nicht dort war, wo sich andere Leute befanden.
Die Nacht brach mit beängstigender Schnelle herein.
Vor einer halben Stunde noch war er beim ersten Anzeichen des
Tornados auf den ersten besten, Schutz versprechenden Halteplatz
zugesteuert. Bei den letzten Strahlen eines blutroten Sonnenunter-
ganges hatte er sein Fahrzeug an die Landungsstelle gebracht.
Schon als er die wilde Wut des Unwetters beobachtete, ging das
Licht in bleiernes Grau, dann tintenartiges Blau über - dann ver-
hinderte die hereinbrechende Wetternacht jeden Ausblick. Jetzt
war es pechfinster.
Er tastete nach dem Schalter für das elektrische Licht, drehte ihn
und die Kabine füllte sich mit mildem Schein. Er drückte auf den
Knopf der Telephonverbindung zwischen Kabine und Soldaten-
raum und rief den Sergeanten Abiboo herbei.
»Laß die Leute auf die Vertäutrossen aufpassen!« befahl er. Ein
tiefer Kehllaut antwortete ihm.
Sanders befand sich im oberen Bereich des Tesai, einem unbe-
kannten Gebiete. Die Stämme ringsherum waren ihm offenkundig
feindlich gesinnt, aber in einer Nacht wie dieser würden sie sich
kaum herauswagen.
Draußen krachte der Donner, und die Blitze zuckten ohne Un-
terlaß. Sanders fand eine Nikotinrübe in seiner Kommode und
zündete sie an; und bald war die Kabine blau von Rauch, denn er
hatte den Ventilator schließen müssen. Essen war unter diesen
Verhältnissen unmöglich geworden, denn das Feuer der Schiffskabine
schien erloschen zu sein. Der Regen, der jetzt wild gegen die
Fensterscheiben prasselte, hatte das Herdfeuer wohl längst ausge-
löscht.
Sanders ging ans Fenster und spähte hinaus. Er drehte das Licht
aus, um die Lage draußen besser übersehen zu können. Der Sturm
brüllte noch immer. Blitze zuckten noch immer über die Baum-
wipfel, und neben dem Tosen des Windes und dem Rauschen des
Wassers war das dumpfe Grollen des Donners hörbar. Aber die
Wolken waren zerrissen, und zeitweise tanzten Mondstrahlen auf
den mit weißem Schaum gekrönten Wellen.
Plötzlich ging Sanders zur Tür und schob sie zurück. Er sprang
an Deck. Die ersterbende Gewalt des Orkanes packte ihn und warf
ihn gegen die Kabinenwand, aber er klammerte sich an ein Geländer,
das ihm in den Weg kam, und zog sich an die Schiffsseite heran.
Draußen in der Strommitte hatte er ein Kanu gesehen und ein
bleiches Gesicht bemerkt.
»Noka! Abiboo!« brüllte Sanders. Aber der Sturm verschlang
seine Stimme. Seine Hand griff an seine Hüfte. Ein Revolver
krachte. Leute kamen an Deck entlang und tasteten sich Hand über
Hand an der Reling hin. Stumm wies Sanders auf das Kanu.
Eine Leine wurde ausgeworfen, und aus der wirbelnden Gewalt
des Stromes zog man alles, was von Mr. Wooling übriggeblieben
war.
Er konnte gerade noch so viel Atem schnappen, um ein einziges
Wort zu flüstern, - ein Wort, das gehöriges Leben auf dem Deck
der »Zaire« hervorbrachte. Sanders hatte Dampf auf - er hätte es
nicht gewagt, die Feuer herausziehen zu lassen in einem Sturm, der
imstande war, die Vertäutrossen zu brechen und sein Fahrzeug der
Wut der Elemente zu überantworten.
»... sie waren auf dem Fluß hinter mir her... einige habe ich er-
schossen ... aber sie kamen... dann packte uns der Sturm... sie
sind nicht weit ab...«
Eingehüllt in einen dicken Überzieher und zitternd trotz der
Schwüle der Nacht saß er bei Sanders, als dieser in die wogenden
Wasser des Flusses hinaussteuerte.
»Was ist denn eigentlich los?« fragte Sanders.
Der Sturm wehte seine Worte in Fetzen, aber die in sich zusam-
mengekrochene Gestalt, die an seiner Seite hockte, hörte es doch
und antwortete.
»Worum handelt sich's denn?« fragte Sanders, sich zu ihm hin-
abbeugend.
Wooling brüllte von neuem.
Sanders schüttelte den Kopf. Er fing zwei Worte auf: »Sessel«
und »Bosambo«.
Aber in diesem Augenblick brachten sie keinerlei Aufklärung
für Sanders.
Der Kichu
Der Bote Sokolas, des Häuptlings des Zwergvolkes im Urwald,
erhob sich. Er war ein häßlicher kleiner Kerl, vier Fuß lang und
untersetzt und sehr dürftig bekleidet, nämlich nur mit einem kleinen
Lendenschurz aus Gras. Sanders betrachtete ihn nachdenklich; der
Distriktsgouverneur kannte das Buschvolk sehr wohl.
»Du wirst deinem Herrn sagen, daß ich, der ich dieses Land für
meinen König regiere, ihm dessen Gnadenbeweis in Gestalt von
Reis und Salz und Zeug gesandt habe und daß dein Herr bei seinem
Tode geschworen hat, Frieden im Urwald zu halten. Ein weiteres
Geschenk werde ich ihm nicht geben.«
»Herr«, unterbrach ihn der kleine Buschmann wütend, »er bittet
Deine Lordschaft nur um ein Stück Zeug, um sich ein feines
Gewand zu machen, und um zehntausend Glasperlen für seine
Weiber, dann wird er dir für immer untenan sein.«
Sanders zeigte seine Zähne in einem Lächeln, in dem man kein
Vergnügen entdecken konnte. »Er wird mir Untertan sein«, sagte er
bedeutungsvoll.
Die Füße des Buschmannes schaufelten nervös im Sande.
»Herr, es wird mein Tod sein, wenn ich deine stolze Botschaft
zu unserer Stadt zurückbringe, denn wir selbst sind ein stolzes
Volk, und Sokola besitzt größeren Stolz als irgendein anderer.«
»Das Palaver ist aus!« sagte Sanders, und der kleine Mann stieg
die hölzernen Stufen hinab, die zu dem sandigen Gartenpfad führten.
Er wandte sich, indem er seine Augen vor der allzuhellen Sonne
nach Art der Buschvölker beschattete; denn diese Leute leben in
dem feierlichen Halbdämmerlicht der Wälder und lieben die
brennende Glut des Tagesgestirns nicht.
»Herr«, sagte er ängstlich, »Sokola ist ein schrecklicher Mann,
und ich fürchte, daß er seine Speere zum Morden gebrauchen
wird.«
Sanders seufzte gelangweilt und steckte beide Hände in die tiefen
Taschen seines weißen Jacketts.
»Dann werde auch ich meine Speere zum Morden gebrauchen!«
antwortete Sanders. »O, Ko! Bin ich ein Ochori, daß ich das
Schnattern eines Waldmenschen fürchten soll?«
Noch immer zögerte der Mann. Er stand und wog einen leichten
Speer auf der Fläche seiner Hand, wie einer, der mit seinen Gedan-
ken beschäftigt ist, mit etwas spielt, das im Bereich seiner Hand
liegt. Zuerst drehte er den Speer langsamer, dann wirbelte er ihn
immer schneller zwischen Daumen und Finger.
»Ich bin der Diener Sokolas!« sagte er einfach.
Wie ein Blitz holte sein dünner brauner Arm weit aus, der Speer
lag waagrecht und steif in der Luft.
Sanders feuerte dreimal mit seiner Selbstladepistole, und der
Bote des stolzen Häuptlings Sokola taumelte seitwärts nieder wie
ein Betrunkener.
Sergeant Abiboo sprang, einen Revolver in der Hand, durch das
Fenster des Bungalow. Er fand seinen Herrn, wie dieser sein glim-
mendes Uniformjackett auszog - man kann nicht ungestraft durch
seine Tasche hindurchschießen - und die zusammengesunkene
Gestalt des gefallenen Waldmenschen mit nachdenklichem Stirn-
runzeln betrachtete.
»Bringt ihn ins Krankenhaus! Ich glaube nicht, daß er tot ist.«
Sanders hob den Speer auf und prüfte die Spitze.
Auch nur die leiseste Verletzung damit hätte Genickstarre zur
Folge gehabt, denn diese Leute sind sehr bewandert im Gebrauch
von Tetanusgift.
Das Lager wurde alarmiert. Leute waren von den Haussabarak-
ken herübergekommen und hatten eine rohe Bahre gefertigt, um
das, was übrig war von dem Buschmann, wegzuschaffen.
Da Sanders auf diese Weise mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschäftigt war, hatte er keine Zeit, um auf die Ankunft des Post-
dampfers und auf das Landen Mr. Holds zu achten.
Dieser dicke Amerikaner füllte den einzigen bequemen Sitz des
Brandungsbootes vollkommen aus, aber er rief seine Familiengötter
an, die Gefährlichkeit seines Sitzes zu bezeugen.
Er war in einen weißen Anzug gekleidet, der mit großen grauen
Flecken von Seewasser unregelmäßig bespritzt war, denn die Kru-
leute, die die Paddel handhabten, hatten weder die Erfahrung noch
den federnden Strich einer Harvard-Achter-Mannschaft und ar-
beiteten auch nicht gleichmäßig. Im Gegensatz zu ihnen war er
groß, breit und dick, sein Gesicht war glatt rasiert, und er hatte eine
Zigarre fast quer im Mundwinkel.
Dennoch, alles in allem war er ein umgänglicher Mann, oder
seine Gesichtszüge mußten schauderhaft lügen.
Als er sich dem langen gelben Strande näherte, wo die Wasser
unaufhörlich mit dem fruchtlosen Versuch beschäftigt sind, eine
Mauer aus Seewasser zu errichten, hörten seine Vergleiche mit seinen
heimatlichen Verhältnissen auf, und er beschränkte sich auf
ängstliche »Huhs«. »Huh!« grunzte er, als das Boot wie ein Spiel-
zeug auf einer Sturzwelle in die Luft geschleudert wurde. »Huh!«
sagte er, als eine andere gewaltige Welle von der Höhe eines neunten
Stockwerkes bis auf ein wässeriges Untergeschoß zusammenfiel.
»Huh - oh!« rief er aus, aber es ereignete sich kein Unglück, als das
Boot von watenden Leuten vom Lande aus erfaßt und in
Sicherheit gezogen wurde.
Der dicke Ben Hold rollte an Land, stand endlich auf festem Boden
und sah grollend über die zwei Seemeilen Ozean, die ihn vom
Dampfer trennten. »Müßten 'n Dock hier bauen!« knurrte er.
Er überwachte mit einem argwöhnischen Auge das Ausladen
seines Eigentums, indem er die Gepäckstücke mit einem Stück
grüner Kreide bezeichnete, das er aus seiner Westentasche ausge-
graben hatte. Schließlich fand er, daß eins der Gepäckstücke fehlte.
Das wichtigste von allen noch dazu!
»Ist es dieses? Nein! Ist es das: Nein! Ist es jenes? Ah, ja! Das ist
es.«
Er saß darauf.
»He!« sagte ein höflicher Krumann, »Sie zu dem Sandi wollen?
Ihr finden ihm?«
»Sprich«, sagte Mr. Hold, »ich hab' dich nicht ganz begriffen.
Ich will zum Distriktsgouverneur! Zu dem Englishman! Verstehst
du?«
Dann überschritt er das saubere und tadellose Gehöft des großen
kühlen Bungalows, wo Distriktsgouverneur Sanders von seiner
schattigen Veranda aus das Herannahen des Ankömmlings be-
obachtete, ohne gerade davon entzückt zu sein.
Denn Sanders hatte einen Abscheu vor weißen Fremden. Sie
brachten immer einen Umsturz mit sich, hatten verrückte Ideen,
wollten eine Eskorte durch Landstriche haben, in denen sich das
natürliche Verlangen nach Krieg und eine unnatürliche Furcht vor
etwaigen Maßregelungen des Governments scharf die Waage hielten.
»Freut mich, Sie zu sehen! Boy, schieb den Stuhl hier längs!
Wollen Sie nicht Platz nehmen?«
Mr. Hold setzte sich vorsichtig.
»Wenn ein Mann zweihundertundachtunddreißig Pfund
wiegt«, knurrte der dicke Benjamin vergnügt, »dann setzt er sich
mit Vorsicht, wie einer meiner holländischen Freunde sagt.« Er
stieß einen langen und tiefen Seufzer der Erlösung aus, als er sich
in dem Stuhl zurechtgesetzt und herausgefunden hatte, daß dieser
sein Gewicht ohne das leiseste Krachen aushielt.
Sanders wartete, mit einem vergnügten Zwinkern im Auge.
»Möchten Sie was zu trinken haben?«
Mr. Hold hielt feierlich seine Hand hoch. »Führen Sie mich
nicht in Versuchung!« sagte er beschwörend. »Ich muß Diät halten
- ich sehe doch nicht aus wie einer, der verrückt auf Futter ist.
Oder doch?«
Er suchte mit Mühe etwas in der Innentasche seines Rockes.
Sanders fühlte den unwiderstehlichen Trieb, ihm dabei zu helfen.
Anscheinend hatte der Schneider Mr. Holds diesen in einer unver-
antwortlich unschönen Weise zum besten gehalten dadurch, daß
er die Innentasche weit außerhalb des Bereiches seiner kurzen
Arme angebracht hatte.
»Hier ist er!«
Der dicke Ben übergab Sanders einen Brief. Der Distriktsgou-
verneur öffnete ihn, las ihn sehr aufmerksam und gab ihn seinem
Eigentümer zurück. Dabei lächelte Sanders ein an ihm ganz unge-
wohntes Lächeln; denn Sanders war nicht leicht zum Lächeln zu
bringen.
»Sie erwarten, den Kichu hier zu finden?« fragte Sanders.
Mr. Hold nickte.
»Ich habe ihn niemals gesehen«, gestand Sanders. »Gehört habe
ich von ihm; ich habe darüber gelesen, und ich habe Leute darüber
angehört, die durch meinen Bezirk gereist sind und die mir erzählt
haben, sie hätten ihn gesehen.«
Der dicke Ben beugte sich vornüber und legte seine große Hand
ernst auf des anderen Knie. »Ich sage, Mr. Sanders, Sie haben
wahrscheinlich von mir gehört. - Ich bin der dicke Ben Hold. -
Jeder kennt mich, vom Stillen bis zum Atlantischen Ozean. Ich
besitze das größte Unternehmen in Zirkussen und in Ausstellun-
gen von wilden Bestien, das die Welt jemals gesehen hat. Mr. San-
ders, ich habe Geld gemacht, und ich bin aus dem Zirkus- und
Menagerieunternehmen für eine Million Jahre heraus, aber ich will
den Monkey - den Affen Kichu - sehen.«
»Aber...«
»Halten Sie sich fest!« Des dicken Ben Hand hielt den anderen
fest. »Mr. Sanders, ich habe Geld aus dem Kichu gemacht. Barnum
machte seins aus Meerjungfrauen, aber mein Zugstück war der
schwanzlose Kichu, der Affe, der dem Menschen so ähnlich ist,
daß kein Ratsherr sich in die Nähe seines Käfigs wagen durfte, aus
Furcht, die Leute könnten glauben, der Kichu sei entschlüpft. Ich
bin auf den Kichu gereist von Seattle bis Portland, von Buffalo bis
Arizonastadt. Ich habe eine Kompanie Militär gebraucht, um die
Menge in Schach zu halten, die den Kichu sehen wollte. Ich habe
eine Rotte Polizisten herbeigerufen, um mich vor einer wütenden
Bevölkerung zu schützen, weil der Kichu nicht ganz mustergetreu
ausgefallen war. Einige meiner früheren Kichus sind jetzt Fami-
lienoberhäupter und Hypothekengläubiger im mittleren Westen.
Ferner gibt's Kichus, die Eastside-Gastwirtschaften mit Gewinn
für sich selbst und ihre Gecken von Söhnen betreiben, ferner...«
»Ja, ja, freilich!« Sanders lächelte von neuem. »Aber
warum...?«
»Lassen Sie mich Ihnen das erzählen, Herr!« Der dicke Ben hielt
seine beringte Hand hoch. »Ich bin jetzt raus aus dem Geschäft -
gut! Aber, Mr. Sanders, ich habe ein Gewissen.«
Er legte seine große Hand auf sein Herz und dämpfte seine
Stimme.
»In neuerer Zeit habe ich mich wegen dieses alten Kichu ge-
grämt. Ich habe mir eine prächtige Villa in Boston gebaut. Ich habe
mich mit allem erdenklichen Luxus umgeben; aber ich höre immer
eine leise Stimme, die die gegen jedes Geräusch dichten Wände
meines Schlafzimmers durchdringt; die in das Schweigen meines
türkischen Bades Zugang findet - und diese Stimme spricht: >Dicker
Ben Hold - es gibt keine Kichus! Du bist ein Schwindler! Du bist
ein Grünzeughändler! Du wälzt dich in Reichtümern, die du durch
Betrug gewonnen hast.< - Mr. Sanders, ich muß den Kichu sehen;
ich muß einen wirklichen Kichu haben, und wenn ich mein ganzes
Vermögen opfern sollte, um einen zu kriegen.« Er ließ seine Stimme
von neuem sinken: »Selbst wenn ich bei diesem Versuch mein
Leben lassen sollte.«
Er starrte Sanders mit düsterem Ernst an. Der Distriktsgouver-
neur betrachtete ihn nachdenklich. Und von Mr. Hold wanderten
seine Augen zu dem kiesbestreuten Pfad draußen, und der dicke
Amerikaner, der Sanders' Augen in der Richtung folgte, sah einen
dunklen Flecken.
»Irgend jemand Farbe vergossen?« flüsterte er.
Sanders schüttelte den Kopf. »Das ist Blut!« sagte er einfach.
Mr. Hold fuhr zusammen. »Ich habe gerade vorhin einen Ein-
geborenen erschossen«, sagte Sanders im Tone der Unterhaltung.
»Er war zu erpicht darauf, mich zu speeren, und ich war erpicht
darauf, nicht gespeert zu werden. So erschoß ich ihn.«
»Tot?«
»Nicht ganz«, erwiderte der Distriktsgouverneur. »Die Sache ist
die: Ich glaube, es war dicht daran. Jetzt ist er in Behandlung eines
indoeuropäischen Doktors, und wenn es Sie interessiert, will ich
Sie wissen lassen, wie es ihm geht.«
Der Zirkusmann holte tief Atem. »Das ist ja ein niedliches Land
hier!« meinte er.
Sanders nickte. Er rief seine Diener und gab Anweisung, seinen
Besuch gut unterzubringen.
Eine Woche später schiffte sich Hold nach dem Oberen Flusse
ein, unter Äußerung lebhafter Mißbilligung, denn das Kanu, das
ihm Sanders zur Verfügung gestellt hatte, erschien ihm, gelinde
gesagt, seinen Körperverhältnissen nicht angemessen.
Um diese Zeit herum erfreuten sich die Ochori bei ihren Nach-
barstämmen einer gewissen Unbeliebtheit, und eine kleine Epide-
mie von Aufstand und Fehde hatte das Interesse des Distriktsgou-
verneurs an seinen aufsässigen Völkern in Anspruch genommen.
Als erste fochten die N'Gombileute gegen die Ochori; dann zog
das Isisivolk gegen die Akasava wegen eines Weiberpalavers, und
die Ochori befehdeten die Isisileute.
Zwischendurch bekämpften die Zwerg-Buschleute jeden, in-
dem sie sich auf den Umstand verließen, daß sie im Urwald wohnten
und vergiftete Pfeile gebrauchten. Sie waren ein scheues, aber
anmaßendes Volk; sie versahen ihre Pfeile mit Tetanusgift, so daß
alle, die dadurch verwundet wurden, nach vielen qualvollen Stunden
an Starrkrampf verschieden.
Sie waren damit beschäftigt, die Ochori einzuschüchtern, als
Distriktsgouverneur Sanders, der nicht übermäßig beunruhigt
war, mit fünf zig Haussa und einem Maximgeschütz anrückte; und
obwohl die Leute des Zwergvolkes schnell waren, konnten sie
doch nicht so schnell laufen, wie ein Maschinengewehr-Kugelre-
gen dahinbraust, und sie erlitten einige Verluste.
Damals sprach Timbani, der kleine Häuptling der Kleineren
Isisi, zu seinem versammelten Volke: »Laßt uns die Ochori be-
kämpfen, denn sie sind frech, ihr Häuptling ist ein Fremdling und
verdient keine Achtung!«
Und die Krieger dieses Stammes erhoben ihre Hände und riefen:
»Wa!«
Timbani führte tausend Speere ins Ochoriland und wünschte
bald, er hätte eine andere Art gewählt, sich an jenem schwülen
Morgen die Zeit zu vertreiben; denn während er das Kisidorf ver-
brannte, fiel ihm Sanders mit geradezu boshafter Behendigkeit vom
Wald aus in die Flanke.
Zwei Kompanien Haussa schössen mit beträchtlicher Genauigkeit
auf zweihundert Yard Entfernung, und als die Speere auf einen
Haufen geschichtet lagen und die Gefangenen ergeben, aber neu-
gierig in einem Kreise bewaffneter Wachen herumhockten, sah
Timbani ein, daß dies ein schwarzer Tag in seiner Geschichte war.
»Ich sah nur das eine, Herr, daß Bosambo mich zu einem be-
trübten Mann gemacht hat. Denn wenn es nicht wegen seines
Wohlstandes gewesen wäre, hätte ich niemals meine Leute gegen
ihn geführt, und ich säße nicht hier vor Deiner Lordschaft und
fragte mich nicht, welches von meinen Weibern am meisten um
mich trauern wird.«
»Was das anbetrifft, Timbani«, sagte Sanders, »so habe ich kein
Mittel, das in Erfahrung zu bringen. Aber später, wenn du in der
Stadt der Ketten arbeiten wirst, werden Leute kommen und es dir
sagen.«
Timbani holte tief Atem. »Dann wirst du mich also nicht hängen,
Herr?«
»Ich hänge dich nicht, weil du ein Narr bist. Ich hänge wohl Bö-
sewichter, aber Narren schicke ich ins Zuchthaus.«
Der Häuptling grübelte. »Ich bin der Meinung, Mr. Sandi, daß
ich mich lieber für eine Schurkerei gehängt als für eine Torheit leben
sehen möchte.«
»Hängt ihn!« befahl Sanders, der sich in einer entgegenkom-
menden Stimmung befand.
Aber als der Strick über den Ast eines Baumes geworfen wurde,
änderte Timbani seine Ansicht und zog es vor, ein schimpfliches
Dasein hinzuschleppen. Und darin tat er sehr klug, denn wo Leben
ist, da ist auch Freiheit, wenn die Umkehrung des Sprichwortes
einmal gestattet ist.
Timbani, der Titularhäuptling der Kleineren Isisi, marschierte
also in die Stadt der Ketten und fand dort angenehme Gesellschaft
und überdies mehrere Vorgänger im Amt, denn die Isisi sind be-
rüchtigt dafür, daß sie in der Wahl ihrer Häuptlinge sehr unvor-
sichtig sind.
Diese - das heißt sie und ihre Weiber - bildeten ein kleines Ge-
meinwesen für sich. Und am Abend konnte man sie um einen
brennenden Klotz Gummiholz herumsitzen sehen, mit ihren roten
Decken um die Schultern, und hören, wie sie sich Geschichten ihrer
früheren Größe erzählten; und wenn sie eine Bewegung machten,
dann gaben die losen Eisenfesseln an ihren Füßen Töne wie von
einem Glockenspiel von sich.
Als eines Nachts die Haussaposten, die auf erhöhten, das Ge-
fangenenlager beherrschenden Gerüsten auf- und abpatrouillierten,
ungewöhnlich nachlässig waren, bewerkstelligte Timbani seine
Flucht und verfolgte, so gut er konnte, seinen Weg durch das Land
bis zum Urwald. Die Reise nahm zwei Monate in Anspruch. Aber
Eingeborene sind geduldige Arbeiter, und an einem Früh-
lingsmorgen stand Timbani, mager, aber muskulös, vor Sokola,
dem Häuptling des Zwergvolkes.
»Herr!« redete er ihn an, obwohl er alle Buschleute verachtete,
»ich bin viele Tage gereist, um dich zu sehen, da ich weiß, daß du
der größte aller Häuptlinge bist.«
Sokola saß auf einem roh gezimmerten Stuhl, dessen Schnitze-
reien Schlangen vorstellen sollten. Sokola war weniger als einen
Meter zwanzig groß und selbst nach den Begriffen des Zwergvolkes
- und diese sind sehr nachsichtig - wenig von der Natur begünstigt.
Sein riesiger Schädel, seine kleinen Augen, das Büschel grauer
Barthaare unter dem Kinn, die hervorstehenden Backenknochen -
alles trug dazu bei, einen Gipfel von Häßlichkeit zu schaffen. Er
war von einer unangenehm auffallenden Beleibtheit und hatte die
Gewohnheit, sich an der Wade zu kratzen, wenn er sprach.
Er blinzelte den Eindringling an, denn ein Eindringling war er,
wie das die beiden Wächter bewiesen, die rechts und links neben
ihm standen.
»Warum kommst du?« krächzte Sokola. Er drückte das mit zwei
kurzen Worten aus: »Warum - hier?«
»Herr des Urwalds!« erklärte Timbani schlagfertig. »Ich kam,
weil ich dein Glück wünsche. Die Ochori sind sehr reich, denn
Sandi liebt sie. Wenn du gegen die Ochori ziehst, wird es Sandi
sehr leid tun.«
»Ich ging zu ihnen, und mir tat es sehr leid«, schnob der Wald-
mensch bedeutungsvoll.
»Ich habe einen Juju, einen Zauber«, sagte eifrig Timbani, der
von dem Mangel an Begeisterung beunruhigt war. »Der wird euch
helfen und wird euch Zeichen geben.«
Sokola maß ihn mit kaltem und berechnendem Blick. So starrten
sie einander im Schweigen des Urwaldes an; der entwichene Ge-
fangene mit der Brust voll Haß gegen seinen weißen Gebieter und
die kauernde Gestalt auf dem Sessel.
Dann sprach Sokola: »Ich glaube an Teufel! Und ich will deinen
Juju versuchen. Denn ich werde dich ein wenig schneiden und dich
an meinen Opferbaum binden. Und wenn du bei Sonnenuntergang
noch am Leben bist, sieh, dann will ich das für ein gutes Zeichen
ansehen und noch einmal ins Ochoriland gehen. Aber wenn du tot
bist, dann wird es ein schlechtes Zeichen sein, und dann werde ich
nicht kämpfen.«
Als die Sonne hinter dem vergoldeten Grün der Baumwipfel un-
terging, sah die dumme Masse des Zwergvolkes, die mit gereckten
Hälsen und nach oben gewandten Gesichtern dastand, das arme
Wrack eines Menschen sich langsam winden.
»Das ist ein gutes Zeichen!« sagte Sokola und schickte Boten
durch den Urwald, um seine Krieger zu versammeln. Zweimal
warf er eine Wolke von Kriegern ins Ochoriland. Zweimal warfen
die Ochorihäuptlinge die Eindringlinge zurück, erschlugen viele
und machten Gefangene.
Wegen dieser Gefangenen hatte Sanders, der seine sanften
Ochori kannte, endgültige Weisungen erteilt.
Als die Nachrichten von einem dritten Einfall kamen, gab Bo-
sambo folgenden Befehl:
»Ihr marschiert mit Lebensmitteln für fünf Tage. Alle Gefangenen,
die ihr macht, müßt ihr von dem Mais, den ihr habt, ernähren! Ihr
müßt davon zwei Hände voll an jeden Gefangenen geben und eine
Hand für euch selbst nehmen!«
»Aber, Herr«, protestierte der Häuptling, »das ist ja Wahnsinn!
Wenn wir viele Gefangene machen, dann werden wir selber ver-
hungern.«
Bosambo winkte ihm zu gehen. »M'bilini«, sagte er mit Würde,
»ich war einmal ein Christ! Genau wie mein Bruder Sandi einmal
ein Christ war. Und wir Christen sind sehr freundlich gegen un-
sere Gefangenen!«
»Aber, Bosambo, wenn wir unsere Gefangenen töten und nicht
zurückbringen, wird das doch besser für uns sein«, beharrte der
andere.
»Diese Dinge stehen bei den Göttern«, sagte der fromme Bo-
sambo weiter.
M'bilini zog also gegen das Zwergenvolk aus und schlug es. Er
brachte ein wohlgenährtes Heer zurück, aber keine Gefangenen.
So lagen die Dinge, als der dicke Ben Hold gemütlich den Fluß
heraufgepaddelt kam. Sein Kanu hielt dicht unter Land, denn da
fließt der Strom weniger stark.
Es war eine lange Reise gewesen, und der große Mann in dem
unsauberen Tropenanzug fühlte sich erlöst, als er am Ochorifluß
an Land ging und seine Beine ausstrecken konnte.
Er brauchte nicht danach zu fragen, bei welchen von den Leu-
ten, die auf ihn zukamen, sich Bosambo befinde. Denn der Häupt-
ling trug sein rotes Plüschgewand, seinen Zylinderhut, seine Arm-
ringe aus Glas und alles übrige Zubehör seiner Würde.
Big Ben war in aller Gemütlichkeit den ganzen Fluß hinaufge-
fahren und hatte sich mittlerweile an den Verkehr mit den kleinen
Häuptlingen gewöhnt.
Sein Dolmetscher begann mit einer unterhaltsamen Rede, aber
Bosambo fiel ihm ins Wort.
»Nigger«, sagte er auf englisch. »Du nich snackst'm. Mir snak-
ken'mfein englisch. Mir kennen Lukassen, Markussen, Johannes-
sen, Judas - alle feine Kerle! - Du, Herr«, wandte er sich an den
sichtlich überraschten Mr. Hold, »du kommen for mir? Sixpence
- Vier Dollar, gud Nacht! Ick lieben dir, Mister!«
Er lieferte seinen ganzen Vorrat von Englisch atemlos ab.
»Fein!« sagte Mr. Hold, voller Ehrfurcht und sprachlos. Er
fühlte sich wie zu Hause in dem feierlichen Zug, der pomphaft
auf die Hütte Bosambos zu marschierte; er glich aufs Haar einer
Zirkusparade.
Bei einem Gericht Fische skizzierte Hold das Ziel seiner For-
schung und den Grund seiner Anwesenheit. Es war eine mühevolle
Arbeit, da er den verachteten und scheu gemachten Dolmetscher
dazu nötig hatte, bis das Wort »Kichu« fiel. Daraufhin heiterte sich
Bosambos Gesicht auf.
»Sah!« unterbrach Bosambo. »Mir kennen dem Snack. Mir ma-
chen dem Englisch früher mal gut.«
»Fein!« sagte Mr. Hold dankbar. »Ich krieg' dich schon, Steve.«
»Du sehn dich um nach Kichu«, fuhr Bosambo fort, »du nich
finden ihm. Ick kieken ihm. Mir sein Missionar, Christ. Mir kennen
Manschen, den Täufer. Peter ihm haben Kopf abgeschlagen.
Verflucht sleckten Kerl. Mir kennen Hölle un all dem feinen
Kerls.«
»Sage ihm...« begann Big Ben.
»Mir snacken Englisch selbe wie weißen Mann«, sagte Bosambo
entrüstet. »Du nich können machen den Kerl snacken läufig - Mir
kennen dem Kichu.«
Der dicke Ben seufzte hilflos. Den ganzen Fluß entlang war die
Sage vom Kichu Gemeingut. Jeder wußte von dem Kichu - und
mancher kannte jemanden, der ihn gesehen hatte. Ben war nicht
begeistert davon, daß Bosambo zu diesen gezählt werden wollte.
Denn der ehemalige Schaubudenbesitzer hatte um diese Zeit
beinahe sein Gewissen eingeschläfert. Es genügte vielleicht schon,
daß der Nachweis von der Existenz des Kichus erbracht wurde.
Dennoch hätte er es sehr gern gesehen, wenn er eins dieser angebli-
chen Fabelwesen mit sich nach Amerika nehmen könnte.
Er sah Bilder vor sich von einem zahmen Kichu, der an einen
auf seinem Bostoner Rasenplatz stehenden Pfahl gekettet war; von
einem Kichu, der in einem vergoldeten Käfig als eine Art Anhang
zu seiner Privatmenagerie saß.
»Ich nehme an«, sagte Mr. Hold, »du hast noch keinen Kichu -
gesehen!«
Bosambo war im Begriff, zu behaupten, daß der Kichu ein be-
kanntes Zubehör der Landschaft sei, als ihm ein Gedanke kam.
»Wenn ick dir den Kichu bringe, du mich schenken viele Dol-
lars?«
»Wenn du mir diesen Kichu bringst«, antwortete Mr. Hold
langsam und mit ungeheurem Ernst, »dann bezahle ich dir tausend
Dollar.«
Bosambo stand auf. Er war offensichtlich erregt.
»Tausend Dollar?« wiederholte er.
»Tausend Dollar«, sagte Big Ben mit der vergnügten Miene ei-
nes Menschen, dem der Besitz von tausend Dollar fast wie ein
Stückchen Unglück vorkommt.
Bosambo streckte seine Hand aus und lehnte sich an die aus
Mattengeflecht bestehende Wand seines Hauses.
»Du machst'm hundert Dollar zehnmal?« fragte er heiser, »du
machst'm schriftlich? Buch?«
»Ich mach'm Buch - schriftlich«, antwortete Ben und folgte ei-
ner plötzlichen Eingebung, zog ein Notizbuch aus der Tasche und
schrieb sorgsam den Inhalt seines Angebots nieder. Er übergab
dem Häuptling das Schriftstück, und Bosambo starrte es verständ-
nislos an.
»Und«, fügte der dicke Ben hinzu, indem er sich vorbeugte und
das Knie des vor ihm stehenden Häuptlings mit dem goldenen
Knopf seines Spazierstocks berührte, »wenn du...«
Bosambo erhob seine Hand, sein Gesicht lag in feierlichen Fal-
ten. »Herr«, er verfiel in seiner Aufregung in die Landessprache,
»und wenn dieser Kichu in einem Dorf voll Teufel lebt und Geister
um seine Hütte wandern, ich bring" ihn dir.«
Am nächsten Morgen verschwand Bosambo; er nahm drei ge-
schickte Jäger mit sich, und wer ihm begegnete, fragte: »He, Bo-
sambo! Wo willst du hin?«
Er antwortete nicht. Aber wer sein Gesicht sah, war erschrok-
ken, denn Bosambo war ein Christ gewesen und kannte den Wert
des Geldes.
Acht Tage war er abwesend, und Big Ben fand das Leben wäh-
rend dieser Zeit sehr angenehm, denn er wurde mit all der Förm-
lichkeit behandelt, die das Vorrecht der großen Häuptlinge ist.
Am Abend des achten Tages kehrte Bosambo zurück und
brachte den »Kichu« mit.
Big Bens Herz schlug schneller, als er dieses Wunder sah. »Mein
Gott!« rief er, und seine Gottlosigkeit war beinahe verzeihlich.
Denn der Kichu übertraf seine kühnsten Erwartungen. Er sah
wie ein Mensch aus und doch wieder nicht. Sein Kopf war beinahe
kahl; ein Stück Knüppel, das wie ein Gebiß zwischen seinen Zäh-
nen hervorlugte und grün angestrichen war, vermehrte das wilde
Aussehen der Bestie. Seine langen Arme, die ihm fast bis an die
Knie reichten, hatten Ähnlichkeit mit Menschenarmen, und die
großen krummen Füße, die einen unaufhörlichen Generalmarsch
trommelten, sahen schlimmer aus als die eines Tieres.
»Herr«, erklärte Bosambo stolz, »ich habe den Kichu gefun-
den!«
Das Gesicht des Häuptlings trug Spuren eines scharfen Kampfes;
es war zerbeult und zerkratzt. Auch seine Arme zeigten Merkmale
von eilig angelegten Wundverbänden.
»Drei Jäger hatte ich mit mir genommen«, sagte Bosambo, »und
nur einen habe ich zurückgebracht, denn ich fing den Kichu, als
er auf einem Baum saß, und er war sehr wild.«
»Mein Gott!« rief Big Ben von neuem aus und atmete schwer.
Sie bauten einen Käfig für den Kichu: einen Käfig aus schweren
hölzernen Stangen, und das seltene Tier wurde vor zudringlichen
Blicken der Eingeborenen durch Vorhängen von Zeug geschützt.
Der Kichu stellte sich nicht freundlich zu seiner Gefangen-
nahme. Er heulte und winselte und warf sich gegen die Käfigstangen,
und Bosambo folgte seinen Wutausbrüchen mit Anteilnahme.
»Herr!« sagte er, »um das eine bitte ich dich: Nimm den Kichu
bald von hier weg! Auch darfst du ihn nicht Sandi zeigen, sonst
könnte er zornig werden, weil wir ein so seltenes Ding aus unserem
Lande wegschicken.«
»Aber«, wandte Mr. Hold dem Dolmetscher gegenüber ein,
»sage dem Häuptling, daß ja gerade Mr. Sanders haben will, daß
ich den Kichu fange. Bosambo«, wandte er sich an diesen unmit-
telbar, »Sandi will Kichu sehn, verstehste?«
Es war am neunten Tage nach Ankunft des Amerikaners bei Bo-
sambo. Beide saßen vor der Hütte des Häuptlings. Abendfrieden
lag über der Stadt, und außer den gequälten Lauten des Gefangenen
brach kein Geräusch die Sabbatstille des sinkenden Tages.
Bosambo saß stillvergnügt; an seinem Halse baumelte, von ei-
nem Bindfaden festgehalten, ein Bündel englischer Banknoten,
und in seinem Gemüt herrschte himmlischer Frieden. Er hatte ge-
rade den Mund geöffnet, um die Eigentümlichkeiten des Di-
striktsgouverneurs zu erläutern, da...
Wiff - Snick!
Etwas zischte an Big Bens Nase vorbei - etwas, das seinen Kopf
mit einem weichen Laut in das Gras der Hütte bohrte.
Er sah den zitternden Pfeil, hörte den schrillen Alarmruf und das
geifernde Rollen einer fellbedeckten Trommel. Dann packte eine
Hand wie Stahl seinen Arm und schleuderte ihn kopfüber in die
Hütte, denn Sokolas Hauptmann war in Person gekommen, um
gewisse schimpfliche Beleidigungen zu rächen, und die Ochori-
stadt war umringt von zwanzigtausend Waldmenschen.
Die Nacht brach herein, und die Lage war verzweifelt. Bosambo
war nicht im unklaren darüber. Ein verwundeter Krieger des Pyg-
mäenvolks fiel in seine Hände - ein wütender, kleiner Kerl, der
heulte und spuckte und um sich biß wie ein wütendes, Weines Tier.
»Brennt ihn, bis er spricht!« befahl Bosambo. Aber als der kleine
Mann das Feuer sah, gestand er alles - und Bosambo wußte, daß er
die Wahrheit sprach.
Der Lokoli auf dem hohen Wachturm der Stadt schrie in abge-
rissenen Wirbeln nach Hilfe, und einige der Dörfler ringsherum
antworteten. Bosambo stand am Fuß einer einfachen Leiter und
horchte. Von Ost und Süd und Nord kam die Antwort. Vom Westen
nichts. Das Zwergvolk war vom Westen her ins Land hereingefegt,
und wo die Eindringlinge durchgezogen waren, schwiegen die
Sprechtrommeln.
Der dicke Ben Hold nahm, eine Selbstladepistole in der Hand, an
der Verteidigung der Stadt teil. Die ganze Nacht hindurch brach
Angriff nach Angriff vor den Verhauen zusammen, und in der
Zwischenzeit spuckte die einzige Feuerwaffe der Verteidiger laut in
die Finsternis.
Mit der Morgendämmerung kam ein unrasierter Sanders. Er
fegte um die Flußkrümmung, während zwei Hotchkißkanonen
verderbenbringend dazwischenknallten. Und das Ende des
Buschkrieges kam, als die gesammelten Ochori den Angreifern in
die Flanke fielen und sie dem Feuer der »Zaire« zutrieben.
In diesem Augenblick warf Bosambo die gesamte Streitmacht
der Stadt gegen den Feind. Sanders landete seine Haussas, um die
Niederlage zu vervollständigen; er verfolgte seinen Weg unmittelbar
in die Stadt und atmete erlöst auf, als er Big Ben am Leben fand; denn
Big Ben war ein Weißer und obendrein der Bürger eines fremden
Staates.
Der Dicke streckte ihm seine Riesenhand zum Willkommen
entgegen.
»Erfreut, Sie zu sehen!« begrüßte er Sanders.
Dieser lächelte. »Den Kichu gefunden?« Es klang höhnisch und er
blickte ungläubig auf, als der andere nickte.
»Hier«, sagte Mr. Hold triumphierend und zog den Vorhang
des Käfigs beiseite.
Der Käfig war leer.
»Hölle!« brüllte Big Ben Hold und warf, sich vergessend, seinen
Tropenhelm zu Boden.
»Dort ist er!« Er zeigte in die Richtung des freien Feldes, das
die Stadt vom Walde trennte. Eine kleine Gestalt lief schnell dem
Walde zu; auf einmal machte sie halt, hob etwas vom Erdboden
auf und wandte sich der Gruppe zu. Als sie ihre Hände in die Luft
erhob, legte Haussasergeant Abiboo an und feuerte. Die Gestalt
brach zusammen.
»Mein Kichu!« jammerte der Zirkusmann, als er auf die stumme
Gestalt hinuntersah.
Sanders schwieg. Er betrachtete zuerst den toten Sokola, den
man auf die abscheulichste Weise mitten aus seinem Volke heraus
entführt hatte; dann sah er sich nach Bosambo um. Aber Bosambo
war verschwunden.
Der Ochorihäuptling war gerade in diesem Augenblick damit
beschäftigt, in fieberhafter Eile ein Loch im Fußboden seiner
Hütte zu graben, um seinen Sündenlohn darin zu deponieren.
Das Opferkind
Mitten aus der Einöde kam ein langer, sanfter, klagender Laut von
unendlicher Müdigkeit. Es klang wie der Schmerzensschrei eines
Kindes.
Der Governmentsdampfer trieb in diesem Augenblick. Seine
Maschine war auf Halt gestellt, während der Heizer ein Floß aus-
besserte, das durch einen Zusammenstoß mit einem treibenden
Baumstamm auseinandergerissen war.
Distriktsgouverneurs-Assistent Sanders - damals ein junger
Mann - neigte horchend seinen Kopf. Wieder ließ sich der kla-
gende Ruf hören; diesmal schloß er mit einem Seufzer. Er kam von
einer Stelle nahe dem Ufer, die mit hohem, grobem Elefantengras
bestanden war.
Sanders wandte sich an seine Ordonnanz. »Nimm ein Kanu, o
Mann«, sagte er auf arabisch, »und nimm dein Gewehr mit!« Er
deutete in die Richtung, woher das Klagen kam. »Dort wirst du
einen verwundeten Affen finden. Erschieße ihn, damit er sich nicht
länger zu quälen braucht, denn es steht geschrieben: >Gesegnet ist
der, der Schlaf gibt anstatt Schmerzen !<«
Gehorsam dem Befehl seines Herrn sprang Abiboo in ein kleines
Kanu, das längsseits der »Zaire« lag und paddelte zum Grase hin.
Er verschwand, und sie vernahmen das Rascheln des Elefanten-
grases, aber kein Schuß ließ sich hören.
Sie warteten, bis das Gras von neuem raschelte, und sahen, wie
Abiboo mit einem nackten, tränenüberströmten kleinen Kinde
männlichen Geschlechts im Arm wiedererschien.
Dieses Kind war ein Erstgeborener und auf der sandigen Land-
zunge ausgesetzt worden, damit ein Krokodil kommen und das
Opfer vervollständigen solle.
Das war vor fast zwanzig Jahren geschehen, und die Erinnerung
an die harte Strafe, die dem Vater dieses Erstgeborenen zugemessen
wurde, war kaum noch wach.
»Wir wollen dieses Kind >N'mika< nennen«, hatte Sanders da-
mals gesagt.
N'mika wurde in der Hütte eines guten Mannes aufgezogen und
erreichte seine Mannbarkeit.
Als die Affen plötzlich ihre Wohnplätze von dem kleinen Gehölz
in der Nähe Bongangas am Isisi nach dem Walde hinter Akasava
verlegten, sagten alle weisen Männer einstimmig, daß Unglück
über die Isisi kommen werde.
N'mika lachte über diese Warnung, denn er war der Diener San-
dis und wußte alles, was sich in dessen Bezirk ereignete. Er diente
dem Government treu von Jugend auf. Treue war sein höchster
Fetisch, und Sanders wußte das.
Der Distriktsgouverneur hätte diesen Mann zu einem mächtigen
Häuptling machen können; und hätte N'mika nur den kleinen
Finger gerührt, würde Sanders ihn über alle anderen seines Volkes
gesetzt haben. Aber der Mann wußte, wo er Sanders am besten
dienen konnte, und mit neunzehn Jahren hatte er drei Kriege hinter
sich, zweimal Sanders das Leben gerettet und drei unternehmende
Unterhäuptlinge an den Galgen gebracht.
Dann kam die Liebe über N'mika.
Er liebte ein Weib vom Stamme der Kleineren Isisi - ein hüb-
sches, gerade gewachsenes Mädchen und, von gewissen Gesichts-
punkten aus gesehen, sehr schön. Er heiratete sie, nahm sie in seine
Hütte, machte sie zu seinem Lieblingsweibe und umgab sie mit allen
Vorrechten und Würden dieses Standes.
Kira, wie sie genannt wurde, war in mancher Beziehung ein be-
gehrenswertes Weib, und N'mika liebte sie, wie nur ein Mann von
Verstand ein Weib lieben kann. Sie hatte Schmuck aus Messing und
Glasperlen, die an Pracht den Besitz jedes anderen Weibes im Dorf
übertrafen.
Nun unterscheiden sich die Wege, das Weib zu behandeln, auf
der ganzen Welt nur sehr wenig voneinander, gleichgültig, ob es
sich um ein weißes oder schwarzes, ein reiches oder armes Weib,
um eine Kannibalin oder eine Vegetarierin handelt.
N'mika behandelte sein Weib zu gut. Er spähte in den Wald ihrer
Wünsche, wie das Sprichwort sagt, und so eifrig bestrebt war
dieser gute Gatte, seinem Weibe zu dienen, daß es eine harte Auf-
gabe für sie war, Bedürfnisse zu erfinden.
»Heller Stern im Teich der Erde«, sprach er eines Morgens zu
ihr, »was wünschest du dir heute? Sage es mir, damit ich dir deinen
Wunsch erfüllen kann!«
Sie lächelte. »Herr«, sagte sie, »ich wünsche mir den Schwanz
einer weißen Antilope.«
»Ich werde diesen Schweif finden«, sagte er selbstsicher und
ging auf die Jagd danach, etwas entmutigt, weil er wußte, daß die
weiße Antilope nur einmal des Jahres sichtbar wird, und dann nur
durch einen Glücksumstand. Nun hatte Kira, obwohl sie von vielen
ihrer früheren Werber für ein kaltes Weib gehalten und zweifellos
von ihrem Ehemann als solches erkannt wurde, einen Liebhaber aus
ihrem eigenen Stamm. Und als der Sucher des weißen
Antilopenschweifs gegangen war, sandte sie eine Botschaft an ihren
Liebhaber.
An diesem Abend lag Sanders »vertäut« fünf Meilen vom Dorf
entfernt. Er beobachtete, wie die Sonne in einen Sumpf sank, der
südwestlich von seinem Ankerplatz lag. Da kam N'mika in seinem
Kanu den Fluß herunter, die Gedanken auf sein Ziel gerichtet, aber
doch nicht so ausschließlich, daß er an seinem Herrn vorbeigefahren
wäre, ohne ihm die gebührende Huldigung zu zollen.
»He, N'mika!« rief Sanders, indem er sich über die Reling lehnte
und freundlich auf den ernsten Mann im Kanu herunterblickte,
»die Leute den Fluß auf- und abwärts reden von dir als von dem
wunderbaren Liebhaber.«
»Das stimmt, Herr«, sagte N'mika einfach, »denn obwohl ich
zweitausend Messingstangen für dieses Weib gegeben habe, denke
ich, daß es mehr Messingstangen wert ist, als jemals gezählt wur-
den.«
Sanders nickte, indem er ihn nachdenklich betrachtete, denn
wenn ein Weib in das Geschick eines Mannes eingriff, erwartete
er das Ungewöhnliche und neigte zu der Überzeugung, daß der
davon betroffene Mann verrückt sei.
»Ich gehe nun, Herr, um ihr den Willen zu tun« - er spielte in
einiger Verlegenheit mit einem seiner Paddel - »denn mein Weib
wünscht sich den Schweif einer weißen Antilope, und keine Anti-
lope ist näher als das N'Gombiland. Und überdies, weiße Anti-
lopen lassen sich sehr selten sehen.« Sanders zog die
Augenbrauen hoch.
»Ich muß also viele Monate lang nach diesem schönen weißen
Ding suchen; aber das gefällt mir, denn ich finde mein Glück in
der Schwierigkeit dieser Aufgabe, da ich damit meinem Weib
diene.«
Sanders gab ihm einen Wink, und der Mann kletterte an Deck. »Du
hast einen mächtigen Zauber«, sagte Sanders, als N'mika vor ihm
stand, »denn ich will dir alle Mühsal und Entbehrung ersparen. Vor
drei Tagen schoß ich eine weiße Antilope am Rand der Trauerteiche,
und du sollst den Schweif haben.«
Damit legte er die kostbare Jagdbeute in die Hand des Mannes,
und N'mika seufzte beglückt auf.
»Herr«, sagte er dankbar, »du bist wie ein Gott zu mir - und
warst es immer; denn du hast mich aufgefunden und hast mich das
>Opferkind< genannt, und ich hoffe, mein gütiger Herr, ich werde
mein Leben in deinem Dienste dahingehen. Das wäre ein passendes
Ende für mich.«
»Was ich dir gab, ist wenig, N'mika«, antwortete Sanders leise.
»Aber was ich dir jetzt gebe, ist etwas viel Größeres, denn es ist
Weisheit. Verschenke nicht dein ganzes Herz an ein Weib, denn
das drückt es, bis das Leben daraus entweicht.«
»Auch das wäre ein passendes Ende«, antwortete N'mika und
ging seines Weges.
Es war ein trauriger Weg, denn er führte zur Erkenntnis.
Sanders fuhr langsam den Fluß hinauf. Zwei Tage vorher hatte er
ein schnelles Kanu gesandt, um alle Häuptlinge seines Bezirks zu
einem Palaver am Schlangenplatz, nahe dem Elefantengrunde, am
Zusammenfluß dreier kleiner Flüsse, zu laden. (Es war notwendig,
sehr verständlich den Rendezvousplatz in einem Lande zu
bestimmen, wo Treffpunkte von Elefanten und Lieblingsplätze
von Schlangen sehr häufig waren und wo es unzählige Flüsse gab.)
Zu diesem Palaver am Schlangenplatz kamen die Häuptlinge,
hohe und mächtige sowohl als auch alle die Unterhäuptlinge, groß
und klein, in buntem Gepränge. Einige kamen in ihren Kriegskanus
an, unter dem Gedröhne der Lokolis, der Sprechtrommeln, die den
Rang und die Würde der Gestalt ankündigten, die träge im Heck
des Kanus lehnte. Andere erschienen in geflickten Kanus, die dauernd
leckten. Andere wieder hatten lange Wanderungen durch den
Urwald hinter sich. So die Isisi, Ochori, Akasava, die Klein-
N'Gombileute und die Groß-Isisileute. Sogar das scheue Zwergvolk
kam den Fluß heruntergeschlichen, machte einen weiten Bogen um
die anderen Stämme, in den kleinen Händen Speere und Bogen,
die vorsichtigerweise mit Tetanusgift versehen waren.
Egili von den Akasava, Tombolo von den Isisi, N'Rambara von
den N'Gombi und zuletzt, nicht der geringste, Bosambo von den
Ochori, kamen. Dieser sah prächtig aus in seinem Gewand aus
grünem Sammet, das ihm von der Küste gesandt worden war. Und
von seinem Halse hing an seiner Kette, die mit unechten Pariser
Diamanten besetzt war, eine große vergoldete Uhr mit blauem
Emailzifferblatt, die Bosambo von Zeit zu Zeit mit sichtlicher
Aufgeblasenheit zu Rate zog.
Sie saßen auf ihren geschnitzten Stühlen um den Distriktsgou-
verneur herum, und er sagte ihnen viele Dinge, die sie bereits wußten,
und andere Dinge, von denen sie gehofft hatten, er wisse sie nicht.
»Und nun sage ich euch«, sprach Sanders, »ich habe euch zu-
sammengerufen, weil Friede im Lande herrscht und keines Men-
schen Hand gegen die seines Bruders erhoben worden ist. Das hat
nun fast zwölf Monate gedauert, und seht die Folgen! Ihr alle werdet
reich und fett.«
»Kwai!« murmelten die Häuptlinge beifällig.
»Darum«, fuhr Sanders fort, »habe ich ein gutes Wort beim Go-
vernment für euch eingelegt, und das Government ist sehr erfreut.
Auch mein und euer König hat euch ein Zeichen seiner Geneigtheit
gesandt, das er auf eine sehr geheimnisvolle und sehr kluge Weise
angefertigt hat, damit ihr ihn immer bei euch sehen könnt, wie er
euch beobachtet.«
Sanders hatte ein halbes Dutzend Öldruckbilder Seiner Majestät
vom Government mitgebracht und verteilte diese nun feierlichst.
Es war ein Kabinettbild des britischen Königs, wie dieser sich eine
Zigarette anzündet, und war eine Gratisbeilage der Weihnachts-
nummer eines englischen illustrierten Blattes.
»Nun seht ihr, Leute! Frieden ist etwas Wundervolles. Man kann
in seiner Hütte liegen und braucht sich nicht zu fürchten, daß man
darin überfallen wird. Oder man kann auf die Jagd gehen und
braucht keine Angst zu haben, daß man heimkommt und kein fertiges
Essen auf einen wartet, weil das Dorf niedergebrannt wurde.«
»Herr«, sagte ein kleiner N'Gombihäuptling, »sogar ich, ein
blinder und unwissender Mann, sehe das ein. Nun schwöre ich
beim Tode, daß ich des Königs Frieden mit meinen beiden Händen
halten will. Ich werde niemand beleidigen; denn obwohl mein
Dorf klein ist, habe ich doch Einfluß, den ich meines Weibes leibli-
chem Bruder - Bruder von demselben Vater und derselben Mutter -
verdanke, denn er ist der Oberhäuptling der Fluß-N'Gombi.«
»Lord Sandi«, begann Bosambo, und aller Augen waren auf den so
tapferen und prächtig gekleideten Häuptling gerichtet, der
überdies, nach der Meinung aller, zu nahe mit dem Distriktsgou-
verneur verwandt war, um diesem bequem zu sein. »Lord Sandi«,
sagte Bosambo, »daß ich dein getreuer Sklave bin, das, Herr, wissen
alle. Einige haben Übles von mir gesprochen, aber, siehe, wo sind
sie? In der Hölle sind sie, wie Deine Herrlichkeit weiß, denn du und
ich, wir waren ja beide Christen, ehe ich den wahren Pfad fand und
Gott und den Propheten anbetete. Nichtsdestoweniger, Herr,
Muselmann und Christ sind gleich in dem einen, daß sie eine sehr
schreckliche Hölle haben, in die ihre Feinde kommen...«
»Bosambo«, unterbrach Sanders, »du hast eine sehr angenehme
Stimme; sie wirkt wie Regen nach langer Dürre, aber ich bin ein
vielbeschäftigter Mann, und noch viele wollen reden.«
Bosambo neigte sein Haupt in tiefem Ernst. Die Versammlung
sah ihn jetzt mit ehrfürchtiger Scheu an, denn er hatte eine Ermah-
nung von Sandi erhalten und lebte noch, ja, mehr, er behielt noch
seine Würde.
»Lord«, sagte Bosambo, »ich sage jetzt nichts mehr, denn, wie
du bemerktest, haben wir beide viel Privatpalaver, wo manches gesagt
wird, was kein Mensch weiß. Darum ist es unziemlich, zwischen
Deiner Ehren und anderen großen Rednern zu stehen.« Er setzte
sich.
»Du sprichst wahr, Bosambo«, erwiderte Sanders ruhig. »Oft
sprechen wir, du und ich, in geheimer Unterredung, denn wenn
ich rauh zu den Häuptlingen rede, dann geschieht es stets im
Schütze ihrer Hütten, damit ich sie in den Augen ihres Volkes
nicht herabsetze.«
»O Ko!« sagte der bestürzte Bosambo halblaut, denn er sah den
guten Eindruck seiner dunklen Äußerung schnell verschwinden.
Nachdem sich die Versammlung zerstreut hatte, verfügte sich
Sanders müde an Bord der »Zaire«. Ein Bad erfrischte ihn, und er
begab sich mit Appetit zu einem durch ein Moskitonetz geschützten
Platz am Oberdeck und zu seinem Essen. Ein Hühnchen von
zwergenhaften Dimensionen war monatelang jede Nacht seine
Hauptmahlzeit gewesen.
Er aß sein Mahl allein, ein Buch an eine Flasche vor sich gelehnt,
eine dampfende Tasse Tee an einer Seite und eine kleine elektrische
Taschenlampe an der anderen.
Er hatte Sorgen. Neun Monate lang hatte er eine Abteilung
Ochori an der Isisigrenze für alle Zwischenfälle bereitgehalten.
Diese Truppe hatte er zurückgezogen. Sanders hatte die ungemüt-
liche Empfindung, damit einen Fehler gemacht zu haben. Und es
würde drei Wochen beanspruchen, die Grenze wieder zu besetzen.
Lange nachdem das Mahl vorüber war, saß er noch und grübelte.
Eine bekannte Stimme, die mit Abiboo am Großdeck sprach, riß
ihn aus seinem Nachdenken.
Er wandte sich an die Haussa-Ordonnanz, die unbeweglich
außerhalb des Moskitonetzes hockte. »Wenn das die Stimme des
Häuptlings Bosambo ist, soll er kommen.«
Eine Minute später erschien Bosambo und stand vor der aus
Maschen gewebten Tür des mit dem Moskitonetz eingefriedeten
Raumes.
»Tritt ein, Bosambo!« befahl Sanders, und als dieser das getan
hatte, sagte er: »Bosambo, du bist ein kluger Mann, obwohl etwas
prahlerisch. Dennoch habe ich Vertrauen in dein gesundes Urteil.
Nun hast du ja alle möglichen Leiste vor mir sprechen gehört,
und du weißt auch, daß Friede im Lande ist. Nun sage mir, bei
deinem Kopfe und bei deiner Liebe: Was für Dinge könnten die
Freundschaft zwischen Mann und Mann zerstören?«
»Herr«, antwortete Bosambo, bereit, eine längere Rede zu halten,
»ich kenne zwei Ursachen, die Krieg bringen können. Die eine ist
die Gier nach Land und nach wichtigen Dingen wie Fischerei-
recht und Jagdgründen, und die andere bilden die Weiber. Und,
Herr, solange Weiber leben und jede Stunde des Tages in
dieser Welt geboren werden, schneller - wie es mich dünkt -, als
sie sterben, wird es immer Stimmen geben, die nach den
Speeren unter dem Dach schreien werden.« Sanders nickte.
»Und nun...?«
Bosambo warf ihm einen hastigen Blick zu. »Herr«, sagte er
sanft, »alle Leute leben heute in Frieden, wie Deine
Lordschaft sagte, und wir lieben einander zu sehr, um des
Königs Frieden zu brechen. Dennoch steht eine Abteilung
Ochori an der Akasavagrenze, um den Frieden
aufrechtzuerhalten.«
»Na, und weiter?« antwortete Sanders noch leiser. Bosambo
bewegte sich unruhig. »Ich bin dein Mann«, antwortete er. »Ich
habe dein Salz gegessen und dir durch manche heldenhafte Tat und
in schrecklichen Kämpfen gezeigt, wie sehr ich dich
liebe, Lord Sandi.«
»Dennoch«, Sanders sprach mehr zu der schwankenden elektri-
schen Birne, die vom Sonnensegel niederhing, »dennoch habe ich
den Häuptling der Klein-Isisi nicht bei meinem Palaver gesehen.«
Bosambo schwieg einen Augenblick. Dann holte er tief Atem.
»Herr«, sagte er zögernd und voll Bewunderung, »du hast Augen
am ganzen Körper. Du kannst die Worte sehen, ehe sie gesprochen
werden, und bist sehr schnell im Gedankenlesen. Du bist ganz
Auge!« fuhr er mit Übertreibung fort, »du hast Augen auf deinem
Kopf und hinter deinen Ohren. Du hast Augen...«
»Genug!« unterbrach Sanders ruhig. »Genug, Bosambo!«
Eine lange Pause entstand.
»Und ich sage dir das, weil es zwischen dir und mir keine Ge-
heimnisse gibt. Ich überredete den kleinen Häuptling, nicht zu
kommen.«
»Ich weiß das«, nickte Sanders.
»Denn Herr, ich wünschte, daß das ein Tag voll ungetrübter
Freude für Deine Lordschaft sein sollte und daß du uns mit einem
Herzen, erfüllt von Befriedigung verlassen solltest und unter dem
Gesang trefflicher Lieder. Wie auch Deine Lordschaft weiß, hat
die Ochoriwache die Akasavagrenze verlassen.«
Der Wink konnte nicht mißverstanden werden.
»Warum hätte Bimebibi meine Stimmung ändern können?«
fragte Sanders, indem er den letzten Zusatz Bosambos überging.
»Herr«, erklärte Bosambo hochmütig, »ich bin, wie du weißt,
ein Anhänger des wahren Glaubens und glaube weder an Dämonen
noch an Zaubereien, außer an jene, die vom heiligen Propheten
vorgeschrieben sind. Es ist wohlbekannt, daß Bimebibi ein Freund
der Geister ist, daß er den bösen Blick hat, der verdorren und sterben
macht. Darum, Herr, ist er ein Bösewicht, und alle Häuptlinge und
Stämme deines Landes sind dafür, ihn aus der Welt zu schaffen - alle,
mit Ausnahme der Klein-Isisileute, die ihn sehr liebhaben.«
Wieder nickte Sanders.
Die Klein-Isisileute waren die kriegerischen Isisi; sie bewohnten
das Land zwischen den Ochori und den Akasava, waren zuzeiten
sehr kriegerisch, zu anderen ziemlich friedlich. Trotzdem - er
hatte keine Nachricht von N'mika, daß sich da etwas zusammen-
braute. Das war sonderbar. Sanders schwieg fast zehn Minuten
nachdenklich.
»Krieg ist sehr schrecklich«, sagte er schließlich, »denn wenn ein
Wahnsinniger auf fünf Leute stößt, die nicht wahnsinnig sind,
dann werden es die anderen auch. Ich sage dir, Bosambo, wenn du
mir in dieser Angelegenheit Gutes erweisest, werde ich es dir in
einer Weise vergelten, die deine Träume übertrifft.«
»Wie kann ein Mann in dieser Sache Gutes tun?« fragte Bo-
sambo.
»Er muß den Krieg verhindern.«
Bosambo streckte seinen Arm aus. »Das würde ich tun, Herr«,
versetzte er ernst, »aber es liegt nicht in meiner Macht. Denn Bi-
mebibi wird sich mit den Akasava messen, sobald er weiß, daß die
Ochori von der Grenze zurückgezogen sind.«
»Er darf das nicht eher wissen, als bis ich meine Soldaten dorthin
gebracht habe«, sagte Sanders, »und niemand kann es ihm sagen.«
Sanders blickte auf und suchte des Häuptlings Auge. »Und nie-
mand kann es ihm sagen?« fragte er herausfordernd.
Bosambo schüttelte den Kopf. »N'mika sitzt in seinem Dorfe,
Herr! Und N'mika liebt sein Weib im Übermaß, wie man sich
überall erzählt.«
Sanders lächelte. »Wenn N'mika mich verrät, dann werde ich
keinem Mann in der ganzen Welt mehr trauen.«
N'mika saß seinem Weibe gegenüber. Weder Zorn noch Lächeln
ruhten auf seinem Gesicht, aber ihr Gesicht verriet Todesfurcht.
Auf einem Hocker in der Mitte lag der weiße Antilopenschweif,
aber sie achtete seiner nicht, denn ihr Gehirn arbeitete fieberhaft.
Sie saßen in tiefem Schweigen. Das Feuer in der Mitte der Hütte
sprühte und knisterte und warf gespenstige Schatten an die ge-
flochtenen Wände.
Als N'mika sprach, war seine Stimme ruhig und gemessen. »Kira,
mein Weib«, sagte er, »du hast mir das Herz aus dem Leibe
gerissen und einen Stein statt dessen zurückgelassen, denn du
liebst mich nicht.«
Sie netzte ihre trockenen Lippen und schwieg. »Nun hätte ich das
Recht, dich zu töten«, fuhr er fort, »wegen der Schande, wegen des
Kummers und wegen der Einsamkeit, die du über mich gebracht
hast.«
Sie öffnete den Mund, um zu sprechen. Zweimal setzte sie an,
aber ihre Zunge versagte den Dienst. Dann stammelte sie schließ-
lich: »Töte mich!« und starrte ihn an.
N'mika, der wunderbare Liebhaber, schüttelte den Kopf. »Du
bist ein Weib und hast nicht meine Kraft«, sprach er, halb für sich.
»Und du bist jung. Ich habe dir geglaubt. Ich bin entsetzt...«
Sie schwieg.
Wenn der Mann, ihr Liebhaber, das getan hätte, was sie ihm in
einem wahnsinnigen Augenblick geboten hatte zu tun, als sie von
der Rückkehr ihres Ehemannes erfuhr, hätte sie ihr Leben retten
können und mehr als das. Er erriet zum Teil ihre Gedanken.
»Dir soll nichts Böses von mir widerfahren«, sagte er, »denn ich
liebe dich über jedes Verstehen. Und selbst wenn ich für meine
Güte an den Rand des Grabes kommen sollte, werde ich dir nichts
Böses tun.«
Sie sprang auf. Die Angst in ihren Augen war verschwunden.
Giftiger Haß blitzte darin. Er sah den Blick, und dieser Blick
brannte ihm in tiefster Seele. Dann horchte er auf. Er hörte das
schleichende Pad-Pad der Häuptlingswache. N'mika wandte sich
um, um Bimebibis Oberhäuptling zu begrüßen.
Sein Weib war im Begriff, zur Wache hinüberzulaufen, aber
N'mikas Hand stieß vor und hielt sie zurück.
»Packt ihn! Packt ihn!« rief sie heiser. »Er will mich töten! Er
ist ein Verschwörer gegen unseren König! Er ist einer von Sandis
Leuten!«
Chekolana, des Königs Vormann, beobachtete sie neugierig.
Jetzt war ihr das Gesicht ihres Gatten nicht mehr leidenschaftslos
zugewandt.
»Kira«, sagte er, »obwohl du mich hassest - ich liebe dich. Und
wenn ich dafür von der Hand des Königs sterben müßte, ich liebe
dich.«
Sie lachte laut auf. Sie war ja jetzt sicher vor ihm - und N'mika
hatte Angst. Ihr ausgestreckter Finger berührte fast sein Gesicht.
»Sagt dies dem König«, schrie sie, »N'mika ist Sandis Spion und
weiß dessen Geheimnisse.«
Chekolana, der Vormann, machte einen Schritt vorwärts und
starrte in N'mikas Gesicht. »Wenn das wahr ist«, sagte er, »dann
sollst du Bimebibi alles sagen, was er zu wissen wünscht. Sage mir,
N'mika, wieviel Ochorileute bewachen die Grenze?«
N'mika lachte. »Frag das Sandi!«
»Herr, Herr!« Das Auge des Weibes leuchtete. »Das will ich dir
sagen, wenn du meinen Mann umbringst. An der Grenze sind...«
Sie rang nach Atem und seufzte wie eine, die müde ist. Dann glitt
sie auf den Boden der Hütte nieder - tot, denn N'mika tötete
schnell, und sein Jagdmesser war scharf.
»Bringt mich zum König«, sagte er dann, die Augen auf die am
Boden liegende Gestalt richtend, »und sagt ihm, N'mika hat das
Weib, das er liebte, erschlagen. N'mika, der wunderbare Liebhaber,
N'mika, das Opferkind, der sein Weib liebte, aber seine heilige
Pflicht noch mehr.«
Es war das letzte Wort, das N'mika sprach.
Sie kreuzigten ihn an einem Pfahl vor des Häuptlings Hütte.
Dort fand Sanders ihn drei Tage später. Bimebibi erklärte die nä-
heren Umstände: »Herr, dieser Mann ermordete sein Weib. Des-
halb tötete ich ihn.«
Er hätte seinen Atem sparen sollen, denn er hatte ihn bald sehr
nötig.
»Sie«
Im Akartilande verehrte man viele Dämonen und fürchtete keinen,
außer einem sonderbaren Gott, der Wu genannt wurde, was in un-
serer Sprache »Sie« bedeutet.
»Denken Sie daran!« sagte Sanders vom Strom, als er die Hand
Grayson Smith', seines Assistenten, drückte.
»Ich werde es nicht vergessen«, antwortete der heitere junge
Mann. »Und was ich noch sagen wollte: Wenn mir was zustoßen
sollte, könnten Sie vielleicht feststellen, wie sich's zugetragen hat,
und 'ne Zeile an meine Leute schreiben und dabei alle häßlichen
Einzelheiten unterdrücken.« Sanders nickte.
»Ich werde eine fromme Lüge daraus machen«, antwortete San-
ders, »und was auch geschieht, Ihr Tod soll so schnell und
schmerzlos sein, wie mein Füllfederhalter ihn machen kann.«
»Sie sind 'n netter Kerl«, sagte Grayson Smith, wandte sich an
seinen Kanuvormann und warf ihm eine Anzahl Flüche in der Sua-
helisprache an den Kopf, denn trotz seiner Jugend war Smith doch
ein großer Sprachkenner. Sanders beobachtete das große Kanu,
wie es in die gelben Wasser des Fasai hinausfuhr, verfolgte es, bis
es hinter einer Sandbank verschwand, brachte die Nase seines
Dampfers in eine Richtung mit dem Strom und steuerte heim-
wärts.
Um die volle Bedeutung der Unabhängigkeit des Akartivolkes
und ihre Unangreifbarkeit zu würdigen, muß man sich daran erin-
nern, daß sich ihr Land vom »Urwald an den Wassern« bis zum
»Urwald an den Bergen« erstreckte. Es war ein breiter Strich Wei-
deland, umgeben von natürlichen Befestigungen. Urwald und
Sumpf hielten das räuberische Volk des »Großen Königs« zurück,
Berge und Urwald vereitelten Übergriffe der Ochori, Akasava und
Isisi.
Die kühnsten N'Gombi hatten sich niemals über die sägeförmi-
gen Häupter der großen Berge gewagt, obwohl Beute und Weiber
lockten.
Der König der Akarti war unbestrittener Herr jener ausgedehn-
ten Gebiete; er hatte zehn Heerhaufen von je tausend Mann und
ein Amazonenregiment, das er seine »zornigen Jungfrauen«
nannte. Diese weiblichen Krieger tranken starke einheimische Ge-
tränke und führten Ringkämpfe auf wie die Männer.
Da er als König vom Urwald an den Wassern bis zum Urwald
an den Bergen herrschte, war er mächtig und erbarmungslos, und
niemand wagte, N'rakis Ja ein Nein entgegenzusetzen, denn er
war zu grausam und ein zu fürchterlicher Mann, wenn jemand sei
nen Unwillen erregte. ~
Einst kam Culuka von den Marschen mit tausend Speeren in
N'rakis Gebiet. Nun liegen die Marschen viele Meilen von der
Stadt des Königs entfernt, und der Beutezug, den Culuka plante,
richtete kein Unheil an, denn das überfallene Land war arm und
steinig.
Aber N'raki, der Töter, war an seiner empfindlichsten Stelle ge-
troffen und führte seine Tausende durch die Sümpfe bis zur
Hauptstadt Culukas, bekämpfte ihn bis unter die Wälle und dar-
über hinaus. Die Stadt verbrannte er. Die Männer und Kinder er-
schlug er auf der Stelle. Culuka wurde vor seiner brennenden
Hütte gekreuzigt. Danach waren die Grenzen des Töters gefeit gegen
jeden Angriff.
Das war eine besonders arge Lektion, und als das französische
Gouvernement - denn Culuka wohnte in einem Gebiet, das, we-
nigstens auf der Karte, unter französischer Herrschaft stand - eine
Gesandtschaft schickte, um nach der Ursache dieser Vorgänge zu
forschen, schnitt N'raki dem Führer der Gesandtschaft den Kopf
ab und sandte diesen mit Nachrichten zurück, die sich nicht druk-
ken ließen und die den Gouverneur von Franzosisch-Westafrika
und unter Umständen selbst den Quai d'Orsay hätten in Harnisch
bringen müssen.
Aber N'raki lebte ungestört, denn diese Schmach fiel zeitlich mit
den Feststellungen der Grenzkommission zusammen, die zwei
Jahre lang getagt hatte, um gewisse Fragen wegen der Grenzlinie zu
regeln. Durch die Feststellung der Kommission wurde das gesamte
Akartiland über Nacht britisches Gebiet und N'raki ein Vasall des
Königs von England - obwohl er keine blasse Ahnung von dieser
Ehre hatte.
N'raki war der Ausbund eines Selbstherrschers, und von vielen
Bataillonen geschulter Krieger, die alle sehr jung und schön waren
mit ihren leuchtenden Gliedern und federgeschmückten Köpfen,
liebte er am meisten sein erstes Regiment.
Dieses bestand aus den größten, stärksten, schnellsten und wil-
desten Kriegern. Er verbot ihnen zu heiraten, denn jedermann
weiß, daß Weiber einen üblen Einfluß auf Krieger ausüben. Und
kein verheirateter Mann ist tapfer, bis er Kinder zu verteidigen hat,
aber bis zu diesem Zeitpunkt ist er auch fett geworden.
So kannte dieses Leibregiment weder die Sehnsucht noch die
Freuden der Liebe, und diese Krieger waren sehr stolz darauf, daß
ihr Gebieter sie von allen anderen Männern gesondert hielt und sie
so auszeichnete. Sie taten sich immer bei den Spielen hervor, da sie
die Stärksten und die Schnellsten waren und den Einfluß der Weiber
nicht an sich gespürt hatten. Und der alte König, der ihre
Tüchtigkeit sah, rief: »Wa!«
Bei diesem Regiment stand ein Mann mit Namen Taga'ka, ein
stattlicher Bursche von zwanzig Jahren. Es gab aber auch in der
Königsstadt ein Weib von fünfzehn Jahren, namens Lapai, das ge-
rade gewachsen, hübsch und eine hervorragende Tänzerin war.
Lapai war ein hochmütiges Weib, da sie den Haupt-Zauberdoktor
des Königs zum Onkel hatte, und besaß solch weitgehenden
Einfluß, daß sie schon zwei Ehemänner beiseite gebracht hatte.
Eines Tages sah sie Taga'ka beim Wasserholen und verliebte sich in
ihn. Und als sie ihn einmal im Gehölz allem traf, fiel sie vor ihm
nieder und umklammerte seine Füße.
»Taga'ka, Gebieter«, sagte sie, »du bist der einzige Mann auf der
Welt, den ich begehre.«
»Ich bin über allen Begehr erhaben«, antwortete Taga'ka aufge-
blasen, »denn ich gehöre zum Königsregiment, und Weiber sind
wie Gras zu unseren Füßen.«
Und selbst ihre eindringlichsten Lockungen konnten ihn nicht
dazu bewegen, ihr auch nur das Gesicht zu streicheln. Das Herz
des Weibes war wahnsinnig vor Liebeskummer.
Kurz darauf wurde der König krank; von Tag zu Tag ging es
ihm schlechter. Die Zauberdoktoren opferten siebenmal und ersa-
hen aus gräßlichen Anzeichen, die nicht im einzelnen beschrieben
zu werden brauchen, daß der König eine lange Reise bis an die
Grenzen seines Reiches machen müsse, wo er einen Mann mit ei-
nem Auge treffen sollte, der im Schatten der königlichen Hütte le-
ben würde.
Der König folgte der erhaltenen Weissagung und unternahm
eine Reise von drei Monaten, bis er zu dem angegebenen Platze
kam und dort einen Mann traf, wie ihn die Zauberdoktoren be-
schrieben hatten. Und dieser Mann weilte im Schatten der königli-
chen Hütte.
Nun ist es eine Tatsache, die zu leugnen sich niemand die Mühe
nehmen wird, daß die Nichte des Haupt-Zauberdoktors diese Be-
handlung des Königs geplant hatte. Sie hatte den Plan mit großer
Geschicklichkeit ausgeheckt und dafür gesorgt, daß der verstüm-
melte Mann an des Königs Hütte wartete.
Denn sie liebte Taga'ka mit der ganzen Macht ihres Herzens,
und als die langen Monate vergangen waren und der König immer
noch weit weg blieb, flüsterte Lapai dem jungen Manne so lange in
die Ohren, bis er sie zum Weibe nahm, obwohl Todesstrafe auf
diesen Fehltritt stand.
Die anderen Leute des Leibregiments, die Taga'ka für ein Muster
in allen ernsten Angelegenheiten hielten, sahen das und sagten:
»Seht! Taga'ka, der Günstling des Königs, hat sich ein Weib ge-
nommen. Nun, wenn wir alle das tun, wird es besser für Taga'ka
und besser für uns sein. Der König, der alte Mann, wird ihm vergeben
und uns nicht bestrafen.«
Möglicherweise hätte N'raki, der König, seine Tage an jenem
Orte beschlossen, an den ihn sein Medizinmann gesandt hatte;
aber da stand in jenem Landstrich ein größerer Zauberer auf als ir-
gendeiner - ein gewisser Fremder aus den Marschen, der Zauber-
kräfte besaß, die Schmerzen in des Königs Beinen durch kein
schmerzlicheres Verfahren als durch Handauflegung heilte und
den der König zu seinem Hauptzauberer machte. Und das war das
Ende von Lapais Onkel, denn wenn schon zwei Könige nicht in
ein und demselben Lande regieren können, so können zwei Zau-
berdoktoren erst recht nicht gleichzeitig nebeneinander tätig sein.
So wurde Lapais Onkel getötet und sein Blut zu Zauberzwecken
verwendet.
Eines Morgens stand der neue Zauberdoktor vor N'raki, dem
König.
»Herr und König«, sagte er, »ich habe einen Traum gehabt, und
dieser Traum sagt mir, Deine Herrlichkeit muß zurück nach der
Hauptstadt. Aber du mußt unerkannt reisen, damit die bösen Gei-
ster, die den Weg bewachen, nicht Hand an dich legen.«
König N'raki kehrte ohne Gefolge nach seiner Hauptstadt zu-
rück; nur seine persönliche Wache war bei ihm; er kam unange-
kündigt an, sehr zum Leidwesen seines Leibregiments.
Und als er alles erfahren hatte, hielt er ein schnelles Gericht. Er
ließ die verbotenen Weiber, sechshundert an der Zahl, auf den
Gipfel eines hohen Berges bringen und von einem Felsen hinab-
stürzen.
Dieser Berg trägt bis heute den Namen »Berg der betrübten
Weiber«. Eine einzige schonte er, Lapai, schonte sie vor dem zum
Urteil versammelten Volke.
»Seht dieses Weib, Volk von Akarti!« rief er. »Sie hat Kummer
und Tod über mein Leibregiment gebracht. Heute soll sie Taga'ka,
ihren Mann, brennen sehen. Und fortan soll sie unter euch leben,
um euch daran zu erinnern, daß ich ein sehr eifersüchtiger König
bin und schrecklich im Zorn.«
Die Nachricht von diesem Massenmord sickerte langsam durch
die Länder. Sie kam auch zum britischen Government, aber die
britische Regierung ist sehr vorsichtig in Sachen, in denen es sich
um innere Stammesangelegenheiten handelt.
Sanders, der zwischen Downing Street und den Distriktsgou-
verneuren vieler abgelegener und isolierter Punkte saß, vergegen-
wärtigte sich die Fruchtlosigkeit eines Straffeldzugs. Er sandte
zwei Sonderbotschaften, eine an einen jungen Menschen namens
Farquharson, der zur Zeit gerade an einem großen Sumpfe südlich
von den Ambalinabergen Schnepfen jagte. Und dieser junge Mann
fluchte wie ein Schotte, weil ihm der Sport unterbunden wurde;
aber er gürtete seine Lenden und zog mit einer halben Kompanie
von des Königs afrikanischen Jägern gegen die Stadt.
Auf dem Wege dorthin geriet er in einen Hinterhalt und fluchte
noch mehr, denn er sah ein, daß ihn der Teufel holen würde, ehe er
seinen jährlichen Urlaub genießen konnte.
Er rief nach seiner Ordonnanz.
»Hafiz«, sagte er zu dieser auf arabisch, »wenn du entkommen
solltest, durchquere das Land bis zu den Ochori am Großen Fluß.
Dort wirst du Sandi finden. Bring ihm meine herzlichsten Grüße
und sage ihm, daß Fagazoni ihm gute Nachricht schickt! Der Töter
von vielen mordet sein eigenes Volk.«
Eine Stunde später lag Farquharson oder Fagazoni, wie ihn die
Eingeborenen nannten, vor dem König; seine erloschenen Augen
starrten in den unbarmherzigen blauen Himmel, seine geöffneten
Lippen zeigten die Spur eines Lächelns.
»Das ist ein schlimmes Palaver«, sagte der König, als er auf den
Toten niedersah. »Nun werden sie kommen, und ich weiß nicht,
was geschieht.«
In seiner Aufregung vergaß er ganz, den Umstand in Rechnung
zu ziehen, daß er in seiner Hauptstadt ein volles Tausend Männer
hatte, die krank vor Trauer um ihre Weiber waren.
König N'raki war kein Feigling. Er hatte eine gute Witterung
für alle verdächtigen Charaktere. Sogar die Räte um ihn herum
nahm er davon nicht aus, denn der neue Zauberdoktor fand Spuren
von Treulosigkeit bei jedermann. Mit Hilfe seines Amazonenregi-
ments hielt er die Hauptstadt in Schach und entledigte sich erbar-
munglos geheimer Nörgler. Dazu gehörten Leute seiner nächsten
Umgebung, und es kam eine Zeit, wo er keinen fand, dem er seine
Gedanken mit einem gewissen Gefühl der Sicherheit hätte anver-
trauen mögen.
Da erreichte ihn die Nachricht, daß eine arabische Karawane
seine Westgrenze überschritten hätte und mit seinem Volk Handel
treibe. Und der Bericht, den er darüber erhielt, war schmeichelhaft
für den Verstand und den Geist des Führers jener Karawane.
N'raki sandte dem Eindringling Boten mit Geschenken und
freundlichen Worten, und eines Tages wurde der schlanke Araber
Ussuf vor ihn gebracht.
»O Ussuf, ich habe von dir und deiner Weisheit gehört«, sagte
der König, »du bist oft in meinem Lande herumgereist, und nie-
mand hat dir etwas zuleide getan.«
»Herr und Gebieter, das stimmt!« bestätigte Ussuf.
Der König betrachtete ihn nachdenklich. N'raki hatte zu jener
Zeit seine Reife erreicht. Er war ein kluger und schlauer Mann und
trug sich nicht mit Hirngespinsten.
»Arabi«, sagte er, »das geht mir durch den Kopf: Du sollst bei
mir bleiben und im Schatten meiner Hütte wohnen. Du sollst mein
Häuptling sein, denn du bist sehr klug und kennst die Gewohnheiten
fremder Völker. Du sollst Schätze haben, die deine kühnsten
Träume übersteigen, denn in diesem Land gibt es viel Elfenbein,
das das Volk meiner Ahnen vergraben hat.«
»Herr und König«, entgegnete Ussuf, »das ist eine große Ehre,
und ich bin ein zu gewöhnlicher und zu unbedeutender Mann, um
dir zu dienen. Allerdings ist es wahr, daß ich die Sitten fremder
Völker kenne und daß ich erfahren im Regieren von Menschen
bin.«
»Außerdem sage ich dir«, fuhr der König langsam fort, »daß ich
weder Menschen noch Dämonen fürchte, dennoch fürchte ich
>Sie<, wegen ihrer fürchterlichen Grausamkeit. Wenn du mir nun
dazu behilflich sein willst, mich vor ihrem Zorn zu schützen, so
sollst du hier in Frieden und Glück wohnen.«
Auf diese Weise brachte es Ussuf, der Araber, zum ersten Mini-
ster des Königs von Akarti, und zwei Tage nach seiner Ankunft
wurde der neue Zauberdoktor schnell und entschlossen von einem
König abgesetzt, der keine Verwendung mehr für ihn hatte.
Alles, was aus diesen Landstrichen an Nachrichten zu Sanders
gelangte, war die Kunde, daß jenes Land mit einer gewissen Weis-
heit regiert wurde. Die Furcht vor »Sie« war dem König immer ge-
genwärtig. Lange Abende saß er mit seinem arabischen Ratgeber
zusammen und dachte an die geheimnisvolle Macht, die jenseits
des Sägerückengebirges ihr Wesen trieb.
»Ich sage dir, Ussuf«, sprach er, »daß mir mein Herz zu Wasser
wird, wenn ich an >Sie< denke, denn das ist ein furchtbarer Dämon,
und ich bringe jeden Neumond Opfer, um seinen Zorn zu besänf-
tigen«, sagte der König.
»Gebieter und König, ich kenne die Gewohnheiten von >Sie<,
und ich sage dir, daß sie Opfer nicht liebt.«
Der König rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Das
ist sonderbar«, sagte er, »denn die Götter befahlen mir im Traum,
daß ich Lapai opfern müsse.«
Er warf einen schnellen Seitenblick zu Ussuf hinüber, denn dieser
Araber war der einzige in der ganzen Stadt, der dieses einsame
verworfene Weib, dem jeder Tag zur Hölle gemacht wurde, nicht
verächtlich behandelte.
Auf des Königs Befehl mußte sie jeden Tag zweimal zwischen
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang durch die Stadt gehen, und
nach einer Laune des Königs mußte jeder, der ihr begegnete, sie
verfluchen. Und obwohl das Gedächtnis der Eingeborenen kurz
ist und die Erinnerung an jene Tragödie im Schwinden war, fürch-
teten die Leute den König viel zu sehr, um sie ohne förmliche Ver-
wünschung vorbeigehen zu lassen.
Ussuf allein war mit ihr gegangen, und den Leuten stand der
Verstand still, als sie den freundlichen Araber an ihrer Seite sahen.
»Du kannst das Weib haben und sie zu dir in dein Haus neh-
men«, sagte der König plötzlich.
Des Arabers ruhiges Auge wandte sich dem lauernden Gesicht
des anderen zu. »Herr«, sagte er, »sie ist nicht meines Glaubens, da
sie eine Ungläubige ist und eine Ketzerin und nach dem Gebot
meiner Götter unwürdig.«
Er war sich der Gefahr bewußt, in die ihn seine undiplomatische
Freundschaft gebracht hatte. Er wußte auch, die Herrschaft eines
ersten Ministers war selten von langer Dauer.
Er war weniger unersetzlich geworden, als er es gewesen war,
denn der König hatte etwas von seinem verlorenen Vertrauen in
die Ergebenheit seines Volkes wiedergewonnen. Überdies hatte
Ussuf bei den Akarti Verdacht erregt, und das war unheilvoll.
Der König entließ ihn, und Ussuf ging nach seiner Hütte zu-
rück, in der er sein Gefolge von sechs Arabern antraf. »Ahmed«,
sagte er zu einem von ihnen, »es steht geschrieben in der Schrift,
daß das Leben des Menschen sehr kurz ist. Nun ist es mein höchst
persönlicher Wunsch, daß es nicht kürzer sein soll als die Tage, die
Gott mir geschenkt hat. Deshalb sei morgen bereit, diese Stadt zu
verlassen, denn ich spüre das Ende meiner Macht.«
Er stand am nächsten Morgen früh auf und ging zu dem Palaver,
mit dem der Tag gewöhnlich begann. Es beunruhigte ihn nicht, als
er entdeckte, daß sein Sitz, der ihm für gewöhnlich zur Rechten
des Königs vorbehalten war, von einem unbedeutenderen Häupt-
ling besetzt und sein eigener Sessel vier Sitze weiter zur Linken
aufgestellt war.
»Ich habe mit meinen weisen Ratgebern gesprochen«, sagte der
König, »und mit meinen Zauberdoktoren. Und diese weisen Männer
haben gesehen, daß die Ernte schlecht ist und daß kein Segen auf
dem Lande ruht. Und darum wollen wir ein großes Opfer
bringen.«
Ussuf neigte sein Haupt.
»Nun meine ich«, fuhr der König langsam fort, »da ich mein
Volk liebhabe und ich nicht, wie es sonst Sitte ist, irgendwelche
jungen Mädchen für den Scheiterhaufen und das Schlachten nehmen
will, wäre es gut für alle, wenn ich das Weib, die Lapai, dazu
bestimme.«
Aller Augen richteten sich auf Ussuf. Dessen Gesicht war ruhig
und unbewegt.
»Auch höre ich«, sprach der König weiter, »schreckliche Dinge,
die meinen Magen mit Kummer füllen.«
»Herr«, gab Ussuf ruhig zurück, »auch ich höre viele Dinge.
Aber ich bin weder traurig noch froh darüber, denn solche Ge-
schichten gehören zu den Weibern am Kochtopf und zu Männern,
die infolge Erkrankung nicht ganz zurechnungsfähig sind.«
N'raki schnitt ein hämisches Gesicht. »Weiber oder Verrückte«,
sagte er barsch, »man sagt, daß dich dieses Weib bezaubert hat und
daß du etwas gegen dieses Land im Schilde führst; daß du heimlich
Boten an >Sie< gesandt hast und daß du große Heere gegen meine
Krieger herbeiholen willst, die mein Land auffressen, wie das Sandi
mit den Akasava und den Ländern des Großen Königs getan hat.«
Ussuf sagte nichts. Aus vielen Gründen wollte er das nicht ab-
streiten.
»Wenn der Mond aufgeht«, wandte sich der König ganz allge-
mein an die Versammlung, »werdet ihr die Lapai an den Pfahl vor
meinem königlichen Hause binden, und alle jungen Mädchen sol-
len tanzen und Lieder singen, denn das Glück wird zu uns kom-
men, wie es in den Tagen unserer Väter gekommen ist, wenn ein
böses Weib starb.«
Ussuf hielt seine Bewegungen an diesem Tage nicht geheim.
Zuerst ging er in seine Hütte am Ende der Stadt und redete zu
den sechs Arabern, die mit ihm dieses Königreich betreten
hatten.
Zu dem Vormann sprach er: »Ahmed, wir leben in einer Zeit,
wo der Tod jedem von uns sehr nahe ist. Sei bereit, bei Mondauf-
gang zu sterben, wenn es sein muß! Aber da uns allen das Leben
kostbar ist, sei bei Sonnenuntergang an der kleinen Pflanzung am
Stadtrand, sobald die Nacht beginnt und das Volk zum Opferfest
hereinkommt!«
Er verließ sie und ging durch die breite, von Palmen beschattete
Straße der Akartistadt, bis er zu der einsamen Hütte kam, wo das
ausgestoßene Weib wohnte. Es war eine Hütte von der Art, wie
die Akartileute sie für die errichteten, die im Sterben lagen, damit
kein Wohnplatz durch den Verwesungsgeruch belästigt würde.
Das Weib war im Begriff, ihren täglichen Bußgang anzutreten.
Sie war ein stattliches, hübsches Weib und beobachtete das Nä-
herkommen des Ministers ihres Königs, ohne in ihrem Gesicht die
Qualen zu zeigen, die ihre Brust zerfleischten.
»Lapai«, sagte Ussuf, »in dieser Nacht veranstaltet der König ein
Opferfest!«
Er gab keine weitere Erklärung, noch forderte das Mädchen eine
solche.
»Wenn er sein Opfer früher gebracht hätte«, antwortete sie sehr
gefaßt, »wäre er sehr gütig gewesen, denn ich bin ein sehr unglück-
liches Weib.«
»Das weiß ich«, sagte der Araber leise.
»Das weißt du nicht«, verbesserte sie ihn. »Ich hatte Kummer,
weil ich einen Mann liebte und ihn ins Verderben riß. Ich hatte
Kummer, weil ich mein Volk liebe und weil sie mich hassen. Und
nun bin ich unglücklich, weil ich dich liebe, Ussuf, und weil diese
Liebe mächtiger ist als sonst eine.«
Er sah sie an. Ein sonderbares Mitleid stand in seinen Augen,
und seine dünnen braunen Hände berührten ihre Schultern.
»Alle Dinge liegen in Gottes Hand«, sagte er, »ich kann dich
nicht lieben, Lapai, obwohl ich von Mitleid für dich erfüllt bin,
denn du bist nicht von meiner Rasse, und auch noch aus anderen
Gründen nicht. Aber weil du ein Weib bist, und gewisser Lehren
halber, die ich in meiner Jugend erhalten habe, will ich dich aus
der Stadt bringen und, wenn es erforderlich ist, auch für dich ster-
ben.«
Er folgte ihr mit den Blicken, als sie langsam in der Richtung
ging, wo das Volk von Akarti sie in krankhafter Neugier erwartete,
denn des Königs Absicht war kein Geheimnis geblieben. - Dann
zuckte er hilflos seine Schultern.
Als die Amazonenwache und der alte König gegen neun Uhr
kamen, um sie zum Opfertod abzuholen, war sie verschwunden,
ebenso Ussuf und seine sechs Araber. Wütend rasselte des Königs
Lokoli einen Aufruf an das ganze Volk, ihm dieses Weib und diesen
Mann in die Hände zu liefern.
Sanders war um diese Zeit hinter einem langen Mann her, der
O'Fasa hieß. O'Fasa hatte seit zwölf Monaten die Schlafkrankheit
und hatte sich aus einem sanften Ehemann und gütigen Vater in
ein brutales Vieh verwandelt. Er hatte sein Weib gespeert, die
Haussawache niedergemacht, die Sanders zur Aufrechterhaltung
des Friedens im Dorf zurückgelassen hatte, und war in den Wald
geflohen. Ein Wahnsinniger ist ein König, der seine Untertanen im
Banne der Furcht hält, und da in diesem Gebiet für zwei Könige
kein Raum war, kam der Distriktsgouverneur schleunigst den Fluß
herauf, landete eine Kompanie schwarzer Infanterie und folgte den
verheerenden Spuren des Wahnsinnigen.
Nach acht Tagen stieß er auf O'Fasa, den langen Mann. Der
lehnte mit dem Rücken an einem Gummibaum, seine schön po-
lierten Speere neben sich, und sang den Totensang der Isisi, einen
langen, tiefen, klagenden, traurigen Sang, der folgendermaßen in
Knüttelverse übersetzt werden könnte:
Leben ist ein Ding so klein,
Kann für viele nicht sichtbar sein.
Tod ist so weise eingericht',
Man kriegt ihn, wie sehr auch vermummt, zu Gesicht.
Ein Sohn des Lebens ist der Tod,
Sein Lieblingsweib ist Schmerz und Not.
Sanders schritt, seine Selbstladepistole in der Hand, langsam über
die Lichtung.
O'Fasa sah ihn an und lachte.
»O'Fasa«, sagte Sanders leise, »ich besuche dich, weil mein König
gehört hat, du seiest krank.«
»O Ko!« lachte der andere, »ich muß ein großer Mann sein, daß
Könige ihre Boten zu mir senden.«
Sanders ging, die Augen ständig auf die Speere gerichtet, vor-
sichtig vorwärts.
»Komm mit mir, O'Fasa!« sagte er.
Der Mann sprang auf. Er versuchte nicht, die Speere zu ergrei-
fen. Auf einmal bückte er sich, machte kehrt und lief schnell nach
dem Inneren des Waldes zu. Sanders erhob seine Pistole und zau-
derte - gerade eine Sekunde zu lange. Er brachte es nicht über sich,
den Mann zu töten, obwohl dieser das Leben seiner Mitmenschen
und den Frieden des Landes in Gefahr bringen würde, wenn er ihn
am Leben ließ.
Der Distriktsgouverneur befand sich in einer mißlichen Lage.
Zehn Meilen entfernt lag der enge Paß, der in das Gebiet N'rakis
führte. Wenn er eine bewaffnete Schar durch diese Öffnung führte,
dann würde das Verwicklungen nach sich ziehen. Die einzige
Hoffnung bestand darin, daß O'Fasa umkehren würde, denn die
Spur, die sie verfolgten, ließ wenig Zweifel über die Richtung, in
der er verschwunden war. Mit dem nicht irrenden Instinkt des ge-
jagten Wildes hatte er die Richtung nach dem Passe eingeschlagen.
Sie kamen gegen Sonnenuntergang an die mit Palmen bestan-
dene Schlucht, die feucht von rieselnden Wassern war, und lagerten.
Sie fanden die Spur des verfolgten Mannes, verloren sie und
nahmen sie von neuem auf. Bei Tagesanbruch stieß Sanders mit
zwei Leuten durch den engen Paß vor und gelangte in das verbotene
Gebiet. Aber nirgends fand er ein Zeichen des Flüchtlings.
Sanders' Lokoli rasselte vier dringende Botschaften in die Luft.
Sie waren an einen gewissen Grayson Smith gerichtet, der mögli-
cherweise dort in der Nähe sein konnte. Aber wenn dieser die Bot-
schaft erhalten hatte, eine Antwort sandte er nicht.
Nun haben Wahnsinnige und Kinder eine tiefverwurzelte Ab-
neigung gegen ihnen unbekannte Plätze, und Sanders baute darauf
und legte seinen Hinterhalt in den engen Teil der Schlucht. Früher
oder später würde O'Fasa zurückkehren. Auf jeden Fall wollte
Sanders ihm vier Tage opfern.
So standen die Dinge, als der ehemalige Minister Ussuf mit ei-
nem Weibe und fünf Arabern auf die Schlucht zulief, mit den
schnellen und unermüdlichen Wächtern des Königs auf ihren Fer-
sen.
Dreimal hatte der Araber haltgemacht, um seine Verfolger ab-
zuschlagen, und in einem dieser Scharmützel hatte er seinen einzigen
Verlust erlitten und einen Araber seines Gefolges tot auf dem Platze
gelassen.
Die Schlucht war in Sicht, als ein Kriegshaufen aus dem Norden,
durch die Sprechtrommel herbeigerufen, auf seine Linke herun-
terfegte und seinen Rückzug wirkungsvoll abriegelte. Ussuf nahm
seine Stellung auf einem kleinen felsigen Hügel ein. Seine rechte
Flanke wurde durch sumpfiges Land geschützt, während linke
Flanke und Rücken ungedeckt waren.
»Lapai«, sagte er, als er seine Lage übersehen hatte, »es scheint
mir, daß der Tod, nach dem du dich sehnst, sehr nahe bevorsteht.
Es tut mir zwar leid um dich, aber Gott weiß, daß mein Kummer
wenig dazu tun kann, dich zu retten.«
Das Weib sah ihn mit festem Blick an.
»Herr«, sagte sie, »ich bin sehr froh, wenn wir, du und ich, zu-
sammen in die Unterwelt fahren, denn in einer neuen fremden Welt
könntest du mich vielleicht lieben, und ich wäre damit zufrieden.«
Ussuf lachte und ließ mit aufrichtigem Vergnügen zwei Reihen
geradgewachsener weißer Zähne sehen.
»Das wird sich finden!« sagte er.
Der Angriff geschah fast gleichzeitig. Aber die Büchsen der
sechs wiesen den Sturmangriff zurück. Nach Verlauf der nächsten
zwei Stunden stand die kleine Abteilung unversehrt. Dann folgte
ein zweiter Angriff. Einer von der arabischen Wache sank mit ei-
nem Pfeil in der Kehle nieder. Aber Ussufs Schießen wirkte, und
wieder zog das nördliche Regiment ab.
Vor dem Hügel und in der Richtung auf Akartistadt befand sich
die Leibwache des Königs. Von dort her erwartete Ussuf den letz-
ten vernichtenden Angriff.
»Lapai«, sagte er, indem er sich nach ihr umwandte, »ich...«
Das Weib war verschwunden. In der Hitze der Verteidigung
hatte er nicht bemerkt, wie sie von ihm wegglitt. Plötzlich tauchte
sie auf halbem Wege hügelabwärts auf und wandte sich nach ihm
um.
»Komm zurück!« rief er.
Sie hielt ihre beiden Hände in Form eines Sprachrohrs vor den
Mund, damit ihre Stimme weiter trüge. In der stillen Abendluft
kam jedes Wort deutlich heraus.
»Lord«, rief sie, »so ist's am besten, denn wenn sie mich haben,
wird man dich laufen lassen. Und eines Tages wird der Tod auch
zu dir kommen, und dann werde ich auf dich warten.«
Sie wandte sich um und lief schnell hügelabwärts auf die dicken
Linien der unten befindlichen Krieger zu.
Da plötzlich erschien, wie aus dem Boden gezaubert, eine lange,
schlanke Gestalt mitten im Weg. Lapai zögerte einen Augenblick.
Der Mann warf sich auf sie und nahm sie ohne Anstrengung in
seine Arme.
Ussuf erhob seine Büchse und zielte auf sie, aber er wagte nicht
zu schießen.
Noch ein anderer interessierter Zuschauer hatte sich eingefun-
den. König N'raki, ein rachsüchtiger Mann und trotz seiner Jahre
sehr behende, war so eifrig wie die jüngsten seiner Krieger gefolgt,
stand jetzt inmitten seiner Ratgeber und beobachtete den Vorgang
am Hügel. »Was ist das für ein Mann?« fragte er, »denn ich sehe,
es ist keiner von unserem Volke.«
Ehe die Boten, die er absenden wollte, ihre Weisung erhalten
konnten, kam der große Mann, der leicht mit seiner Bürde dahin-
schritt, auf ihn zugelaufen und legte ein totes Weib vor des Königs
Füße.
»Mann!« sagte er frech, »ich bring dir dieses Weib, das ich getötet
habe, weil mir ein böser Geist das befohlen hat.«
»Wer bist du?« fragte N'raki, »ich sehe, du bist ein Fremder.«
»Ich bin ein König«, antwortete O'Fasa, der Lange, »größer als
alle Könige, denn hinter mir kommt das Heer der Weißen.«
Der Humor, der in dieser verworrenen Wahrheit lag, dämmerte
ihm plötzlich, denn er brach in einen Anfall unbezähmbaren Ge-
lächters aus.
»Du hast die Heere der Weißen hinter dir?« wiederholte N'raki
langsam und sah nervös von einer Seite zur anderen.
»Siehe!« antwortete O'Fasa, und streckte seine Hand aus. Des
Königs Augen folgten der Richtung der Hand. Weit weg, über die
nackte Ebene sah er schwarze Punkte von Männern in regelmäßigen
Zwischenräumen vorrücken. Die sinkende Sonne ließ die Bajonette
von Sanders' kleiner Macht erglänzen. Der Distriktsgouverneur
hatte das Feuern gehört und das übrige erraten.
»Es ist >Sie<«, sagte der König N'raki und blickte wütend auf
O'Fasa, den Langen.
Schnell drehte er sich nach seiner Leibwache um. »Tötet den
Mann!« befahl er.
Sanders zog seine halbe Kompanie Haussas nach dem Hügel
heran, und Ussuf begegnete ihm auf halbem Wege.
»Ich hörte Ihre Büchsen«, sagte er. »Haben Sie einen langen Kerl
gesehen? Von wildem und kühnem Aussehn?«
Sanders sprach englisch, und Ussuf antwortete in derselben
Sprache.
»Einen langen Kerl?« fragte er, und Sanders wunderte sich ein
wenig, daß ein Mann, der so schwer aus der Ruhe zu bringen war
wie Grayson Smith vom Kolonialen Nachrichten-Dienst - denn
um diesen handelte es sich bei Ussuf - so beim Sprechen zittern
konnte.
»Ich glaube, er ist hier«, sagte der Engländer in dem arabischen
Gewand und ging den Weg hügelabwärts voran. N'rakis Kriegs-
heer war schnell abgezogen. Die Furcht vor »Sie« war in ihrer
Wirkung größer als alle seine Legionen.
Die Engländer bahnten sich den Weg zu der Stelle, wo zwei Ge-
stalten den stillen Schlaf des Todes schliefen.
»Wer ist das Weib?« fragte Sanders.
»Eine Eingeborene, die mich liebte«, sagte Grayson einfach. Er
bückte sich und schloß die Augen des Mädchens, das ihn so geliebt
hatte.
Die Gesandten
Die Akasava kennen ein Sprichwort: »Der Isisi sieht mit seinen
Augen, der N'Gombi mit seinen Ohren, aber der Ochori sieht
nichts als sein Fleisch.«
Das ist schlecht übersetzt, aber in seiner ursprünglichen Fassung
ist es unendlich fein ausgedrückt. In den alten Zeiten, ehe Bosambo
Häuptling, König oder sonstwas bei den Ochori wurde, ertrugen
diese gelassen und ohne Empfindlichkeit jede beleidigende Be-
schreibung ihrer Schlafmützigkeit.
Aber das war Calacala, lange her, und heute sind die Ochori ein
stolzes Volk, und es ist nicht ratsam, beleidigende Sprichwörter
gegen sie anzuwenden, ansonsten sie diese zurückwerfen, mit et-
was Dauerhaftem und Schwerem an deren Ende.
Die Akasava wurden nicht früher gewahr, daß die Ochori nicht
länger als Zielscheibe ihrer Witze dienen wollten, als bis jeder
Stamm im Umkreise von dreihundert englischen Meilen einige
deutliche Beweise von dem Wandel erhalten hatte, der über den
Geist und den Charakter dieses einst so furchtsamen Volkes ge
kommen war.
Da lebte ein Unterhäuptling von den Isisi, der einen »großen«
Bezirk regierte; denn obwohl »Isisi« »klein« bedeutet, darf dieser
Name doch nicht wörtlich genommen werden. Dieser Häuptling
hatte die Befugnis, im Auftrag seines Häuptlings Palaver über alle
großen nationalen Fragen zusammenzurufen, zum Beispiel über
Mißernten, Verlegung der Fischereigründe und über die Untreue
hochgestellter Weiber.
Eines Tages rief er das Volk zusammen - seine Räte, die Vorleute
und alle Häuptlingssöhne - und unterbreitete ihnen einen bemer-
kenswerten Vorschlag.
»In den Tagen meines Vaters«, begann Embiri, »waren die
Ochori ein schwaches und feiges Volk. Letzte Woche überfielen
sie die Akasava und stahlen ihnen Ziegen und brachten große De-
mütigungen über sie. Und siehe! die Akasava, die große Krieger
sind, taten weiter nichts, als daß sie Sandi die Geschichte ihres
Kummers berichteten. Nun meine ich, daß das alles daher kommt,
weil Bosambo, der Häuptling, einen Fetisch von großer Macht be-
sitzt, und ich habe zu unserem Oberhäuptling geschickt, um ihn
zu bitten, diesen Bosambo zu beschwören, daß er uns sage, warum
das alles so ist.«
Die versammelten Räte nickten weise mit ihren Köpfen. Es be-
stand durchaus kein Zweifel darüber, daß Bosambo den Vorzug
des vertraulichen Umganges mit einem solchen Dämon genoß;
und wenn das nicht zutraf, war er doch zum mindesten in einem
geringeren Grade dadurch vom Schicksal gesegnet, daß er mit einem
jener Geister, an denen der Ochoriwald Überfluß hatte, auf dem
Grüßfuß stand.
»Und folgendes sagt mein Herr, der König der Akasava und aller
Länder und der Flüsse und der unbekannten Gebiete jenseits des
Urwaldes, so weit, wie das Auge reicht«, fuhr der Häuptling fort.
»Er sendet mir seine Botschaft durch seinen Ratgeber und sagt:
>Es ist richtig, Bosambo hat einen Dämon, und um meines Volkes
willen will ich zu ihm senden und ihn bitten, dessen Einfluß in unsere
Hände zu legen, damit wir klug und kühn werden.«
Zu diesem Entschluß waren die sechs Stämme gleichzeitig ge-
langt, und obwohl die Gedanken ihrer Herrscher nicht offen dar-
gelegt wurden, war der Glaube an Bosambos göttliche Eingebungen
allgemein, und der Gedanke, daß man Bosambo auf solche Weise
nähertreten müsse, war eine heftige und schamlose Anmaßung des
Häuptlings Embiri.
Eines Morgens im verflossenen Frühling kamen die Gesandten
der Mächte in zwölf Kanus, begleitet von ihren Ältesten, Kriegern,
Trommlern und Trägern, nach Ochoristadt heraufgepaddelt. Bo-
sambo, der nicht das geringste Vertrauen in die Menschheit setzte,
war von ihrer Annäherung unterrichtet und setzte die Stadt in
Verteidigungszustand. Er selbst empfing die Abordnung im Vor-
gelände. Ihr Sprecher war Embiri.
»Mr. Bosambo«, begann der Häuptling, »wir kommen in Frieden
und im Auftrage der Häuptlinge und Könige und aller Völker
dieses Landes.«
»Laß es so sein«, sagte Bosambo, »mein Herz ist voll Freude,
euch zu sehen. Aber ich bitte, daß ihr eure Krieger, eure Speerleute
und eure Trommler auf der anderen Seite des Flusses landet, denn
ich bin ein ängstlicher Mann und fürchte, ich kann euch innerhalb
dieser Stadt nicht die Ehre antun und die Liebe, die mir Sanders
sogar dem gewöhnlichen Volke gegenüber zur Pflicht gemacht
hat.«
»Aber Herr«, wandte der Häuptling ein, der, um ihm gerecht
zu werden, keinerlei kriegerische oder beleidigende Absichten ge-
gen seinen Gastgeber hegte, »auf der anderen Seite des Flusses sind
nur Sand und Wasser und üble Geister.«
»Das mag wohl sein«, sagte Bosambo, »aber auf dieser Seite be-
finde ich mich und mein Volk. Und wir wünschen, noch viele
Jahre glücklich zu leben. Ich sage dir, daß es besser ist, wenn ihr
alle an Sand und Wasser und bösen Geistern sterbt, als daß ich von
denen, die mich nicht lieben, erschlagen werden sollte.«
»Mein Herr ist ein großer König«, sagte Embiri aufgeblasen,
»und liebt dich sehr.«
»Dein Herr«, antwortete Bosambo, »ist ein großer Lügner.«
»Er liebt dich«, wandte Embiri ein.
»Und dennoch ist er ein großer Lügner«, entgegnete Bosambo,
»denn als ich ihn das letzte Mal traf, sagte er nicht nur, daß er kom-
men und mich auffressen würde, sondern er nannte mich mit üblen
Namen, so zum Beispiel >Fischfresser< und >Küken< und >fetter
Köter<.«
Bosambo sprach ohne Furcht vor den Folgen, denn er hatte
hundert von seinen auserwählten Leuten hinter sich und außerdem
den Vorteil des abschüssigen Flußufers. Er hätte die Abgesandten
nach ihrer Heimat zurückgesandt, aber dem hartnäckigen und
aufgeregten Embiri gelang es, ihn an seinen Verheißungen zu in-
teressieren, und - was wichtiger als alles andere war - von einem
der Kanus wurden reiche Geschenke gelandet, Ziegen und Reis
und ein Spiegel Inbegriffen, der, so erklärte Embiri, der wirkliche
Kern von seines Gebieters Seele sei.
Schließlich ließ Bosambo seine hundert Leute zurück, um das
Flußufer besetzt zu halten, und Embiri überredete sein zögerndes
Gefolge, ihr Heim auf dem sandigen gegenüberliegenden Ufer des
Flusses aufzuschlagen.
Aber erst dann gab Bosambo nach, und er veranstaltete eins seiner
berühmten Feste, zu denen alle seine Häuptlinge des Landes in
Gestalt von Fleisch und Getränken beitrugen - alle Häuptlinge, das
heißt, ausgenommen Bosambo, der es sich zum Grundsatz
machte, keinem, unter welcher Bedingung es auch sei, etwas zu
schenken.
Das Palaver, das darauf stattfand, war wirklich sehr interessant,
und zwar auch für den Häuptling der Ochori. Von neun Uhr mor-
gens bis um vier Uhr am folgenden Morgen sprachen die Abge-
sandten einer nach dem anderen.
Viele dieser Reden beschäftigten sich mit den unübertrefflichen
Eigenschaften Bosambos, mit seinem hervorragenden Mut, seiner
edlen Freigebigkeit - Bosambos Blicke schweiften schnell zu den
Räten, die widerstrebend das Fest hergerichtet hatten - und mit der
Zukunft, die alle die Stämme erwartete, die diese seine Tugenden
nachahmten.
»Gebieter, ich spreche die Wahrheit«, sagte Embiri, »und so
geht das Gerücht um, daß alles Volk von der See, wo der Fluß endet,
bis zur Leopardenhöhle, wo er seinen Anfang nimmt, weiß, daß
du gut bekannt mit Geistern bist, die dir Mut und Schlauheit
verleihen, die dich die Zauberei lehren, so daß du sogar aus Ratten
Menschen machen kannst.«
Bosambo nickte ernst mit dem Kopfe. »Alles das stimmt«, sagte
er, »ich habe mehrere Teufel, obwohl ich sie nicht immer gebrauche.
Denn, wie ihr wißt, bin ich Anhänger eines besonderen Glaubens
und war ein Leben lang Christ; damals glaubte ich an alle
möglichen Geheimnisse, von denen ihr nichts wißt - an Marki, an
Luki und an Hänschen, den Täufer - die aber nicht für euch sind.«
Er sah sich zwischen den erschrockenen Leuten um und schüttelte
den Kopf.
»Ferner wißt ihr nichts von den Wundern, die sie vollbracht haben,
wie zum Beispiel vom Brandwunden-Heilen und vom Totschlagen
und vom Ohrenabschneiden. Nun, ich kenne diese Dinge«, fuhr er
nachdrücklich fort, »daher liebt mich Sandi, denn er ist auch ein
Gottesmann und kommt oft zu mir, um mit mir über diese weisen
Männer zu sprechen.«
»Herr, was sind Teufel?« fragte ein ungeduldiger Gesandter.
»Oh, von Teufeln habe ich viele«, wiederholte Bosambo. Er
schloß seine Augen halb und schwieg zwei Minuten lang. Er
machte den Eindruck, als ob er seinen Vorrat daran zähle - und
gerade diesen Eindruck wollte er bei seinen Besuchern hervorru-
fen.
»Oh, Ko!« sagte Embiri mit gedämpfter Stimme, »wenn das
wahr ist, was du behauptest, dann wünscht unser Herr, daß du ihm
einen oder zwei Teufel schickst, damit wir in der besonderen Art
dieser wundervollen Geister unterrichtet werden.«
Bosambo hustete und blickte seinen Ratgebern in die nüchter-
nen Gesichter.
»Ich habe viele Geister, die mir dienen«, begann er. »Einen
kenne ich, der ist sehr klein und hat zwei Nasen - eine vorne und
eine hinten - so daß er einen Feind, der ihn verfolgt, wittern kann.
Ferner ist einer so groß, daß die höchsten Bäume wie Gras zu sei-
nen Füßen erscheinen. Und ein anderer ist grün und läuft, den
Kopf zuunterst.«
Eine Stunde lang verbreitete Bosambo sich über Dämonologie,
obwohl er dieses Wort selbst wohl kaum gekannt haben dürfte. Er
zapfte die nebelhaften Tiefen seiner Einbildung an. Er entledigte
sich jeder Erinnerung, die mit der Wissenschaft etwas zu tun hatte.
Er sprach von Geistern, die ihm traute Freunde seien und zu ihm
in ungefähr derselben Weise kämen wie ein gut gezogener Hund
auf seines Herrn Pfiff.
Die Abgeordneten zogen sich für diese Nacht in einer Art von
Panik in ihre Hütten zurück, als Bosambo ihnen verkündete, daß
er eine besondere Sorte von Teufeln pflichtgemäß beauftragt hätte,
für die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen besorgt zu sein
und sie gegen die Übel zu beschützen, denen das Fleisch erblich
unterworfen ist.
Nun waren allerdings die Hauptstadt der Ochori und der ganze
Ochoristamm unter der wohltätigen und kräftigen Herrschaft Bo-
sambos aus ihrem Zustand der Lethargie erwacht. Und es ist be-
kannt in der Geschichte der Völker, daß, wie ausgezeichnet auch
die eingeführten Änderungen sein mögen, es stets eine kleine, aber
dicht geschlossene Masse gibt, die den Reformator als eine über-
flüssige Last ansieht. Bosambo hatte in seinem eignen Volke eine
kleine, aber mächtige Partei, die jede Änderung mit Abscheu be-
trachtete und die in dem neuen Geist, den der Häuptling den
Ochori einflößte, den Anfang vom Ende sahen.
Es gab alte Häuptlinge und Älteste, die sich jener faulen und fet-
ten Tage noch entsannen, die dem Aufstieg Bosambos vorange-
gangen waren; Häuptlinge, die sich erinnerten, wie leicht es damals
gewesen war, sich Sklavenarbeit zu sichern. Und wenn sie daran
dachten, sprachen sie von Bosambo mit Unfreundlichkeit. Der
Häuptling hätte diese Geisterangelegenheit stracks auf eigene
Faust erledigen können und hätte zweifellos die Abordnung hin-
reichend befriedigt von solchen Koranstellen heimgeschickt, wie er
sich deren aus den Briefbogen entsann, mit denen Sanders ihn für
amtliche Zwecke versehen hatte.
Aber das war nicht Bosambos Art, noch war es die Art der
Leute, mit denen er es zu tun hatte, um wichtige Palaver zu erledigen.
Für gewöhnlich dauerte ein solches Palaver wie das, zu dem sie
jetzt versammelt waren, drei Tage und drei Nächte, aber diesmal
schien es, als ob die Zusammenkunft längere Zeit beanspruchen
sollte, denn Bosambo hatte zum Überfluß eigene Sorgen.
Bei Anbruch des auf die Ankunft der Abordnung folgenden Tages
kam ein staubbedeckter Bote, nackt, wie er das Licht der Welt
erblickt hatte, im Laufschritt und mit keuchendem Atem den
Buschweg entlang, der zu den Elivileuten führte, und stand ohne
viel Förmlichkeiten vor der Tür der Königshütte.
»Lord Bosambo«,, sagte der Mann, »Ifikari, der Häuptling von
Elivi, bringt seine Krieger und Ältesten in einer Stärke von tausend
Mann hierher zu einem Palaver.«
»Was ist in seinem Herzen?« fragte Bosambo. »Herr«, antwortete
der Mann, »dies ist in seinem Herzen: Es sollen keine Wege ins
Ochoriland führen, denn die Leute von Elivi begehren auf gegen die
ihnen zugemutete Arbeit. Sie wollen in Frieden und
Bequemlichkeit leben.«
Bosambo hatte - unter voller Billigung Sanders' - aus eigener
Machtvollkommenheit ein Gesetz geschaffen, ein Gesetz, dem zu-
folge jeder Bezirk einen geraden und gut benutzbaren Weg durch
den Urwald von einer Stadt zur anderen anlegen sollte und eine
größere Straße, die unmittelbar von einem Bezirk nach dem seines
Nachbarn führen sollte.
Unglücklicherweise nahm nicht jeder kleine Stamm diese Idee
mit der Begeisterung auf, die Bosambo selber fühlte, noch mit dem
Beifall, der diesem ausgezeichneten Plane vom Government des
Königs gezollt wurde.
Denn Wege anlegen ist ein schlechtes Geschäft. Das wirft den
Menschen schon am frühen Morgen raus und hält ihn in der heiße-
sten Tageszeit an der Arbeit, während einem der Schweiß vom
nackten Rücken läuft. Und es gab Strafen und Abgaben, die einzu-
ziehen Häuptling Bosambo eine gottlose Freude empfand, wenn
irgendwie gegen seine Anordnungen gefehlt wurde.
Von allen widerspenstigen Stämmen machten die Elivi am we-
nigsten Hehl aus ihrer Abneigung.
Bosambo hätte rauh mit dem Feinde verfahren können, der
außerhalb seines Tores stand. Aber es war eine weit bedenklichere
Angelegenheit, wenn er mit einem Bezirk zu tun hatte, der passiven
Widerstand leistete, und seine Wegeangelegenheit drohte sich
unglücklicherweise nach dieser Richtung hin zu entwickeln.
Er hatte Kundschafter nach Elivi gesandt, und der soeben ange-
langte Mann war der erste von ihnen, der zurückkam.
»Es scheint mir«, sagte Bosambo halb für sich, »daß ich alle
meine Teufel für mich selber brauchen werde, denn Ifikari ist ein
Mann, mit dem schlecht Kirschen essen ist, und seine Söhne und
Ratgeber sind nicht viel anders.«
Er sandte seinen Vormann zu seinen Gästen mit der Botschaft,
daß er den ganzen Tag über mit sich selbst wegen dieser Geisteran-
gelegenheit zu Rate gehen würde. Und als um den Abend herum
die Vorhut der Eliviheerhaufen östlich von der Stadt gesichtet
wurde, saß Bosambo in seinen Staatsgewändern im prächtigen Pa-
laverhaus, angetan mit so viel Christbaumschmuck, als ihm in den
Weg gekommen war, und erwartete Ifikaris und seiner Leute An-
kunft.
Limberi, Bosambos Vormann, begab sich hinaus, um der unzu-
friedenen Schar entgegenzugehen.
»Herr«, sagte er, »es ist unseres Herrn Wunsch, daß ihr euere
Speere außerhalb der Stadt laßt.«
»Limberi«, antwortete Ifikari, ein rauher Mann von vierzig Jahren,
alles an ihm drahtige Muskeln und Sehnen, »wir sind doch von ein
und demselben Stamm und mithin eure Brüder. Warum sollten wir
unsere Speere draußen lassen? Wir, die wir Ochori sind?«
»Auf andere Weise kommt ihr nicht hier herein«, erklärte Limberi
entschieden. »Denn drüben, über dem Fluß, befinden sich viele
Feinde unseres Herrn, und er liebt dich so sehr, daß er deine
Bewaffneten, deine Lanzenwerfer und Schwertträger seines eigenen
Schutzes halber draußen wissen möchte. Auf diese Weise wird
er zuversichtlich und glücklich sein.«
Weiter ließ sich an diesem Tage nichts tun, als zu gehorchen. Ifi-
kari und seine Räte folgten dem Vormann Bosambos zum Palaver,
und seine Frechheit war auffallend.
»Ich spreche für alle Elivi«, sagte er ohne irgendwelche vorher-
gegangene umständliche Einleitungen. »Wir sind ein unterdrücktes
Volk, Lord Bosambo, und unsere jungen Leute wenden sich laut
und vernehmlich gegen deine Grausamkeit.«
»Sie sollen noch lauter schreien«, antwortete Bosambo, und
Häuptling Ifikari runzelte die Stirn.
»Herr«, antwortete er trotzig, »wenn es wahr ist, daß Sandi dich
liebt, so liebt er doch auch uns. Und kein Mann ist so groß in sei-
nem Lande, daß er es wagen dürfte, sein Volk bis zum offenen
Aufstand zu treiben.«
Bosambo wußte, daß sich das so verhielt, wußte es, auch ohne
das Beifallsgemurmel von Ifikaris Ältesten. Er ließ seine Augen
über die kleine Versammlung schweifen. Sie waren alle hier, die
Unzufriedenen. Tinif'si, der dicke Obmann, M'kera und Calasari,
die kleineren Häuptlinge; und in ihren Ansichten drückte sich ein
solcher Trotz aus, daß es Bosambo zuweilen erbitterte. Einen oder
zwei von ihnen, die sich seiner Autorität widersetzten, hätte er
wohl zu bestrafen vermocht, aber hier hatte er es mit einer organi-
sierten Erhebung zu tun. Bestrafung bedeutete hier Kampf, und
Kampf hätte seine Stellung bei Sanders geschwächt. Jetzt im Au-
genblick mußte er die Sache hinziehen.
Glücklicherweise war die Abordnung, die wegen Geisterange-
legenheiten gekommen war, nicht anwesend. Es galt als gegen allen
höfischen Brauch verstoßend, daß Leute, die einem anderen
Stamm angehörten, bei Erörterung häuslicher Angelegenheiten an
den Ratssitzungen ihrer Nachbarn teilnahmen. Sonst wäre wahr-
scheinlich ein Zweifel über die Wirksamkeit von Bosambos Teufeln
in diesem besonderen Augenblick im Busen Embiris entstanden.
»Und das möchte ich dir noch gesagt haben, Lord«, sagte Ifikari -
und Bosambo wußte, jetzt kam das dickste Ende der ganzen Sache -,
»wir Elivi sind deine Hunde. Um an deinen großen Festen
teilzunehmen, schickst du niemals zu uns, noch um dir in irgend-
einer anderen Weise Ehre zu erweisen. Aber wenn's ans Kämpfen
geht, dann rufst du nach unseren Speeren und nach unseren jungen
Leuten und schickst uns raus, damit wir zuerst von unseren
schrecklichen Feinden aufgefressen werden. Ach«, fuhr er fort,
»wenn du deine Häuptlinge und Räte aussuchst, um auf ange-
nehme Reisen nach solchen Orten zu gehen, wo sie geehrt und ge-
feiert werden, dann schickst du nur immer Leute aus Ochori-
stadt.«
Es mag an dieser Stelle gesagt sein, daß, aus welcher Quelle Bo-
sambo auch immer seine Eingebungen bezog, er sicher königliche
Gewohnheiten angenommen hatte, die seinem einfachen Volke
fremd waren. So ordnete er Gesandtschaften und Botschafter zu
feierlichen Besuchen ab, mit Gaben und Geschenken, die diese
Gesandten selbst liefern mußten. Und sie kehrten mit Geschenken
heim, reicher, als sie Bosambo selbst bekommen hätte. Das war,
um die Wahrheit zu sagen, eine neue und angenehme Art, Erpres-
sungen auszuüben; angenehm, weil sie Bosambo wenig Mühe
machte und seinen Untergebenen einen angenehmen Kitzel ihrer
eigenen Wichtigkeit verursachte. Und kein einziger war aufge-
standen, um sich zu beschweren, außer diesen unglücklichen Städten
der Akasava, der Isisi und N'Gombi, die seine Vertreter zu un-
terhalten hatten.
»Es ist richtig«, gab Bosambo zu, »ich habe euch niemals zu einer
solchen Mission verwandt. Und mein Herz wird wund bei dem
Gedanken, ihr könntet Übles von mir denken, weil ich euch alle
diese Mühe ersparen wollte. Denn mein Herz ist wie Wasser in
meiner Brust, da es schon einen Monat her ist, seit ich Kili, meinen
Obmann, mit Geschenken zum König des Zwergvolkes gesandt
habe und diese ihn so zerstückelt haben, daß er gestorben ist; und
nun fürchte ich mich, weitere Boten auszusenden.« Ein nicht
mißzuverstehendes Grinsen huschte über Ifikaris Ge-
sicht.
»Herr«, sagte er rauh, »Kili war ein Narr! Und du hast ihn ge-
haßt. Denn er sprach schlecht von dir und machte dein Volk auf-
sässig. Darum hast du ihn zu dem Zwergvolk gesandt, von dem
er nicht zurückkehrte.« Bedeutungsvoll fügte er hinzu: »Und das
sage ich dir: Wenn du mich zu dem Zwergvolk senden wolltest,
ich ginge nicht hin.«
Bosambo dachte einen Augenblick nach.
»Ich sehe jetzt«, antwortete Bosambo beinahe heiter, »daß Ifi-
kari, den ich mehr liebe als meinen eigenen Bruder« - und das traf
zu - »mit mir hadert, weil ich ihn nicht auf eine solche Reise ge-
schickt habe. Nun werde ich euch zeigen, wie sehr ich euch zugetan
bin, denn ich werde euch alle - jeden von euch - als Gast meines
Hauses ausschicken. Ihr sollt mein Wort zu solchen mächtigen
Völkern tragen, wie es die Akasava, die Isisi und die N'Gombi
sind. Und auch zu dem Volke auf der anderen Seite des Flusses,
das groß ist und reiche Geschenke gibt.«
Er sah, wie ihre Gesichter sich aufhellten, und nützte den psy-
chologischen Vorteil.
»Das Palaver ist aus«, sagte Bosambo mit majestätischer Geste.
Er ordnete ein Fest außerhalb der Stadt für seine unwillkommenen
Gäste an und lud die Teufel- oder Geisterabordnung zu sich.
»Meine Freunde«, begann er, »ich habe über diese Dämonen-
und Geisterangelegenheit eingehend nachgedacht. Und da ich mit
euch und euren Herren in Freundschaft leben möchte, habe ich
letzte Nacht in Gesellschaft sechs großer Teufel zugebracht, die
meine besten Freunde sind und die mir in allem beistehen. Nun
sage ich das - und es ist nur mir und euch, denen ich traue, be-
kannt-, daß ich heute euren Herren sechs gewaltige Geister schik-
ken werde, die mich mit ihren Eingebungen beglücken.«
Tiefes Schweigen. Das Gefühl der Verantwortlichkeit, das den
Nervösen überkommt, der plötzlich mit der Ablieferung eines
wütenden Bullen beauftragt wird, überkam die Männer der Ge-
sandtschaft.
»Herr, das ist uns eine große Ehre«, sagte Embiri, »und unsere
Herren werden viel mehr Geschenke senden, als deine Lordschaft je
gesehen hat. Aber auf welche Weise können wir diese Dämonen mit
uns nehmen? Denn wir sind furchtsam und wissen auch nicht, mit
ihnen umzugehen.«
Bosambo neigte gnädig seinen Kopf. »Auch das hat mich be-
schäftigt«, antwortete er. »Und deshalb habe ich befohlen: Ich
werde sechs meiner Räte und Häuptlinge nehmen, die mir die
Sonne und die Blumen sind - und durch Zauber werde ich in das
Innere jedes Herzens dieser Häuptlinge und Obmänner einen großen
Teufel verpflanzen. Ihr aber sollt diese Leute mit euch nehmen,
und ihr sollt auf alles hören, was sie sagen, nur nicht auf das.«
Er hielt einen Augenblick inne. »Diese Teufel lieben mich, und sie werden
dringend danach verlangen, nach meiner Stadt und in mein Land
zurückkehren zu dürfen, wo sie sich so lange aufgehalten ha-
ben. Nun sage ich euch, daß ihr sie ja gut behandelt! Dennoch
müßt ihr sie festhalten und eine Wache über sie setzen und sie an
einem verborgenen Platze halten, so daß Sanders sie weder findet
noch von ihnen hört. Dann werden sie Glück und Gedeihen über
euch bringen und den Mut von Löwen.«
Sanders kam den Fluß herauf, um ein Weiberpalaver zu erledigen,
als er plötzlich zwischen eine Flottille von solcher Ausrüstung und
kriegerischer Erscheinung geriet, daß er sich keinen Augenblick
besann.
Auf ein Wort von ihm wurden die Segeltuchbezüge von den
Hotchkiß-Revolverkanonen genommen und diese auswärts ge-
schwungen. Aber diese Vorbereitungen waren überflüssig; das sah
er ein, als Embiris Kanu längsseits scherte.
»Sage mir, Embiri«, fragte Sanders, »was für ein Wunder erlebe
ich da? Die Akasava und Isisi, N'Gombi und die Leute vom Unte-
ren Wald segeln in brüderlicher Liebe und Eintracht vereint?«
»Herr«, gab Embiri zurück, »das ist Bosambos Werk!«
Sanders witterte Unrat. »Nun, ich weiß ja, daß Bosambo ein ge-
scheiter Kerl ist«, sagte er, »aber daß er es fertigbekäme, alle Leute
friedlich zu vereinen, wußte ich natürlich nicht. Eher hätte ich das
Gegenteil angenommen.«
»Das hat er wegen der Geister getan«, antwortete Embiri wich-
tig. »Aber, Herr, es gibt gewisse Dinge, über die ich nicht reden
darf, und dieses Palaver gehört auch dazu. Deshalb, Sandi, frage
mich nicht weiter, denn ich habe einen Eid geschworen!«
Sanders sah nach der Seite und überflog die Flottille. Seine
scharfen Augen musterten das Fahrzeug längsseits vom Bug zum
Stern. Er bemerkte mit Interesse die Anwesenheit eines gewissen
Ifikari, der ihm bekannt war. Und Ifikari in seinem Scharlachrock
schien ein glücklicher und zufriedener Mann zu sein.
»He, Ifikari!« scherzte Sanders, »was wird aus meinen Wegen?«
Der Häuptling sah auf. »Herr, die sollen gebaut werden, und
wenn meine jungen Leute dabei sterben! Ich bin eben im Begriff,
für meinen Freund und Vater Bosambo zu dir über diese Wegean-
gelegenheit sprechen. Sage mir, mein Freund, wie lange gedenkst
du, bei den Isisi zu bleiben?«
»Herr«, antwortete Ifikari, »ich bleibe einen Monat dort. Da-
nach gehe ich nach Ochori zurück; mit reichen Geschenken, die
ich diesmal - mein Herr Bosambo hat mich's ihm in seine Hand
schwören lassen - für mich selbst behalten werde.«
»So, so! Einen Monat!« wiederholte Sanders.
Er wandte sich, um die Maschine auf »Vorwärts« zu stellen, und
sah nicht, wie Embiri seine Hand vor sein Gesicht hielt, um ein
Lächeln zu verbergen.
Hinterlader im Besitz
der Akasava
»Gott sei Dank!« bemerkte der Haussahauptmann aufrichtig.
»Kein Krieg im Lande!«
»Faß Holz an!« rief Sanders, und die beiden Männer streckten
gleichzeitig ihre Arme aus und legten feierlichst ihre Hände auf
den Henkel der Kaffeekanne, die aus Hartgummi bestand.
Wenn sie tatsächlich »Holz angefaßt« hätten, wer weiß, was
dann geschehen wäre - in erster Linie dem Häuptling Ofesi von
Mc'Canti! Und wer weiß, was dann die beiden Goldschmuggler
aus dem französischen Gebiet betroffen hätte! Bikilinis Weib wäre
dann wahrscheinlich mit ihrem Schatz durch die Lappen gegangen,
und Bikilini, geduldig und ergeben, hätte dann vielleicht ein anderes
Weib genommen. Und die Todbringer Ofesis wären niemals auf
ihre unliebenswürdige Sendung ausgegangen; oder sie wären
ertrunken, sobald sie sich dazu anschickten; oder sie hätten den
Mut dazu verloren.
Auf jeden Fall ist die Tatsache unbestritten, daß weder Sanders
noch Hauptmann Hamilton bei dieser Gelegenheit »Holz anfaß-
ten«.
Und was Bannister Fish anbetrifft... ?
Dieser merkwürdige Mann handelte mit zweifelhaften Artikeln,
denn er besaß jene zarten Gefühle nicht, die für gewöhnlich von
dem Begriff eines Weißen unzertrennlich sind. Manche sagen, daß er
Sklaven von Angola nach Orten brachte, wo man für einen
Schwarzen oder eine Schwarze einen angemessenen Preis bezahlte,
und daß er es mit dem Einverständnis der portugiesischen Regie-
rung tue und dabei ein ganz ansehnliches Vermögen erwerbe.
Ganz gewiß kaufte er mehr geschmuggeltes Elfenbein auf, als sonst
irgend jemand in Afrika. Die größte Niederträchtigkeit aber, die
alles krönte, war bis dahin, daß er so eine Art südsudanesischen
Mahdi bewaffnete: mit Waffen, die gegen seine eigenen Landsleute
Verwendung finden sollten. In den Staaten Mittelenglands gibt es
gewisse Handwaffen-Fabrikanten, die Aufträge jeder Art ausführen,
die moderne oder veraltete Waffen zu Preisen herstellen, die mit
dem Grad der Sorgfalt wechseln, mit dem diese Waffen hergestellt
sind. Diese Fabrikanten haben kein Gewissen, müssen aber hart
kämpfen, um Dividenden zahlen zu können; denn es gibt Firmen in
Lüttich, die im gleichen Geschäftszweig arbeiten und die ihre
Erzeugnisse mit zehn bis fünfundzwanzig Prozent weniger
Unkosten herstellen.
Mr. Bannister Fish, ein dürrer, drahtiger Mann von vierund-
dreißig, so gelb wie eine Guinee und mit dem Temperament eines
Satans, war nicht beliebt an der Küste, am allerwenigsten bei den
Beamten. Glücklicherweise besitzt Afrika eine sehr lange Küsten-
linie, und da ganz Afrika der Jagdgrund des Mr. Fish war und nicht
bloß ein bestimmter Teil, so wußten die Leute an der Küste - was
wir hier unter Küste verstehen - sehr wenig von ihm.
Es gehörte zu Mr. Fishs Prahlereien, daß es nicht ein zwanzig
Seemeilen langes Stück Küstenlinie von Dakar bis Kapstadt und
von Lorenzo Marques bis Suez gäbe, das nicht zur Verschönerung
seines herrschaftlichen Besitzes auf Highgate-Hill beigetragen
habe.
Auffallen könnte es, daß er den Teil der Küste hiervon ausnahm,
der die Kapkolonie einschließt. Und das tat er aus folgendem
Grunde: Die Kapkolonie ist ungeheuer fortgeschritten, hat besol-
dete Bürgermeister und Stadträte und einen schaudererregenden
Hafendamm, an dem Sträflinge in gelben Jacken um ihrer Sünden
willen schuften. Und Mr. Fishs Sünden waren Legion. Er bearbeitete
Sanders' Bezirk in demselben Geiste, wie ein Rennpferdzüchter das
Züchten von Pekingpudeln unternimmt - nicht des Gewinnes
halber, sondern als eine vergnügliche Nebenbeschäftigung.
Er brachte unhaltbare Verhältnisse in die Grenzbezirke des
Akasavalandes, indem er von den angrenzenden fremden Gebieten
aus vorstieß; und er fand eine gottlose Freude daran, Sanders, dem
er einmal begegnet war, tüchtig zu ärgern.
Seine Abneigung gegen Sanders wurde bei ihrem nächsten Zu-
sammentreffen noch vermehrt. Denn Sanders, der einen Gewalt-
marsch quer durch Akasava machte, nahm die ganze Karawane des
Mr. Bannister Fish gefangen, verbrannte dessen Waren auf der
Stelle und unterwarf den Plutokraten vom Highgate-Hill der De-
mütigung, mit Handschellen gefesselt hinunter zum Government
marschieren zu müssen. Mr. Fish wurde durch ein Bezirksgericht
abgeurteilt und zur Zahlung von 500 £ Sterling oder im Nichtein-
bringungsfalle zu zwölf Monaten Zuchthaus und Zwangsarbeit
verurteilt.
Die Strafe wurde gezahlt, und Mr. Fish reiste nach Hause und
verbreitete unglaubliche Gerüchte über Distriktsgouverneur San-
ders, mit deren Wiedergabe ich diese sauberen Seiten nicht be-
schmutzen will.
Highgate-Hill hat eine alltägliche Umgebung, und der Verkehr
dort wird durch nüchterne Motoromnibusse vermittelt, und es ist
nicht der Ort, von dem man annehmen möchte, daß dort Massen-
mord geplant wird. Dennoch gab Mr. Fish von seinem Herr-
schaftssitz aus gewisse telephonische und Kabelbefehle, und auf
diese Befehle hin gingen Leute im geheimen in den Bezirk von
Sanders, um sich nach dem für ihre Zwecke passenden Mann um-
zusehen.
Sie fanden Ofesi, und Highgate unterwies diesen Akasavamann in
entsprechendem Sinne.
Im Februar eines gewissen Jahres fuhr Mr. Fish protzig in seinem
elektrisch betriebenen Landauer von Highgate zur Water-loo-
Station. Sieben Wochen später traf er an der Akasavagrenze ein,
nicht weniger ärgerlich auf Sanders, als er es je gewesen war, aber
voll Hoffnung, da er als Millionär sich alle möglichen Stek-
kenpferde leisten konnte. Und sein gegenwärtiges war, einen Di-
striktsgouverneur zu ärgern, der in diesem Augenblicke Hart-
gummi anfaßte und sich einbildete, es sei Holz.
Ofesi, dem Sohn Malakas, des Sohnes von G'nani, war Glück
vorherbestimmt. So war es wenigstens prophezeit worden von
Komonobologo, dem berühmten Zauberdoktor der Akasava.
Denn es ereignete sich, daß in der Nacht, als Ofesi schreiend zur
Welt kam, gewisse Himmelszeichen auftauchten, so zum Beispiel
eine Mondfinsternis, ein wahrer Regen von Sternschnuppen, und
alles das deutete Komonobologo als günstig für das glucksende,
seufzende und schrill aufwimmernde bißchen weißbrauner
Menschheit.
So sollte Ofesi bestimmt sein, alles Volk zu regieren, soweit die
Sonne schien (ungefähr dreihundert englische Meilen in jeder
Richtung nach Schätzung der Eingeborenen), und er sollte keines
schimpflichen Todes von der Hand eines anderen Menschen ster-
ben.
Ofesi, wörtlich »der Glücksgeborene«, sollte danach mächtig im
Rat wie im Kriege sein; er würde die Erde von dem Schritt seiner
Legionen zittern machen; er würde wagen und gewinnen, niemals
wagen und verlieren; er war der Günstling der Götter und Geister
und würde viele Söhne haben.
Das hohläugige Weib, das ausgestreckt auf dem Boden der
Hütte lag, sprach mit schwacher Stimme von ihrem Glück; der
Säugling, der mit gierigem Mund das Tier in sich zu sättigen
suchte, war still, da er zu sehr mit seinen natürlichen Bedürfnissen
und Trieben beschäftigt war.
Solche Weissagungen sind häufig; die einen erfüllen sich nicht,
andere aber bleiben, aus keinem ersichtlichen Grunde, an denen
hängen, denen sie gemacht worden sind.
Ofesi gehörte zu denen, an denen diese Weissagungen lebens-
lang hafteten. Als Sanders seinen Posten an diesem Fluß antrat, war
Ofesi ein langer, schmächtiger und ungelenker Bengel, vor dem
seine Kameraden Angst hatten. Sanders fürchtete niemand. Er
horchte ruhig auf die Mär von üblen Vorbedeutungen, Vorzeichen
und ähnlichem. Und als das zu Ende war, hielt er eine kleine Pre-
digt über die Hinfälligkeit aller menschlichen Dinge, über die
außerordentlich hohe Sterblichkeitsziffer dieses übel geleiteten
Volkes, das sich außerhalb der festgesetzten Grenzen des Bezirks
bewegte. Ofesi hatte Nachbarn, die stärker waren als Sanders, und
von diesen wurde er aufgenommen wie einer, an dem die kom-
menden Jahre das große Wunder wirken sollten.
So wuchs Ofesi heran und gedieh und trieb viel Unfug auf seine
Weise; Unfug, der weder unschuldig noch jungenhaft war, und die
freundliche Hand, die sich über die kleinen Jungen der ganzen
Welt drohend zu erheben pflegt, fiel niemals hart auf seine gut in
Fett gebetteten Nerven, da ja Ofesi vom Glück ausgesucht und da-
her unverletzlich war.
Schließlich wurde er vom damaligen Oberhäuptling der Aka-
sava für die Häuptlingsschaft des Dorfes Milanti bestimmt, und die
Stadt Akasava atmete erlöst auf, wenn sie sein Kanu um die Bie-
gung des Flusses außer Sicht gleiten sah.
Kein Bericht über die kleineren Ausschreitungen des Häupt-
lings gelangte zu Sanders, weil diese Legende von des Häuptlings
Vorherbestimmung bei allen Stämmen, mit Ausnahme eines einzigen,
verbreitet war.
Man erzählt sich, daß Ofesi mehr Huldigungen empfing und einen
königlicheren Hofstaat hielt als sein Gebieter, der König; ferner, daß
N'Gombi, Isisi und die Stämme um ihn herum doppelt so kostbare
Geschenke an ihn sandten und daß er einen Harem von sechzig
Weibern unterhielt, zu dem alle seine Verehrer beigesteuert hatten.
Man erzählte sich weiter, daß er Mr. Fish den Vertrieb seiner
berauschenden Getränke ermöglichte. Aber dafür hatte Sanders
keinen Beweis.
Ofesi beutete seine Freunde ganz unparteiisch aus, trieb allen
möglichen Unfug und führte ein Schreckensregiment den Fluß
entlang von Klein-Isisi bis zur Ochorigrenze. Und die Fischer-
leute, die seine Kriegskanus lautlos durch die Nacht schleichen sahen,
sagten: »Laßt keinen Mann den Gebieter Ofesi sehen, damit er sich
nicht unser an kommenden Tagen erinnert und uns blendet!«
Ob wirklich aus Schlauheit oder aus jener Art Eingebung, die
ein Teil des Genies ist: Ofesi wuchs ins kräftige Mannesalter hinein,
ohne nur ein einziges Mal die Ochorigrenze verletzt zu haben.
Bis eines Tages...
Sanders kam in einer nassen Aprilnacht, als die Wolken so niedrig
über dem Flusse hingen, daß man sie hätte mit einer Angelrute
berühren können.
Es war eine Nacht von wogenden Nebeln, alles überflutenden
Wolkenbrüchen, laut krachenden Donnern und so unaufhörli-
chem Zucken der Blitze, daß die Dunkelheit nur kleine Pausen an-
deutete.
Dennoch fuhr Sanders nach dem Akasavaland, so schnell wie
sein Heckrad sich zu drehen vermochte, gegen den geschwollenen
Strom, durchnäßt bis auf die Haut, das nasse Gesicht dem stechenden
Regen ausgesetzt, indem er mit dem weißen Kegel seines
Scheinwerfers die Dunkelheit durchdrang.
Er stieß auf das Dorf Milanti an einem grau und stürmisch her-
aufdämmernden Morgen, und die Hütten, die die Wasserfluten des
Himmels verschont hatten, standen als vereinzelte Wachtposten
zwischen rauchenden Ruinen. Er ging müde und außerordentlich
verärgert an Land und fand viele Tote und einen oder zwei, die sich
für tot hielten. Diese erzählten ihm eine traurige Geschichte von
Raub und Mord, von einem unschuldigen Dorfe, das von den
Ochori angegriffen und in seiner Wehrlosigkeit erstürmt worden
sei.
»Das ist eine Lüge«, sagte Sanders schnell, »denn euere Verhaue
sind nach Westen errichtet, und euere Toten zeigen die sorgfältige
Kriegsmalerei derer, die sich langer Hand auf den Krieg vorberei-
ten. Die Ochori aber, soweit ich sie gesehen habe, sind nicht be-
malt, und das beweist mir, daß sie in aller Eile gegen ein Volk auf-
gestanden sind, das sie angegriffen hat.«
Der Verwundete wandte Sanders sein erschöpftes Gesicht zu.
»Es ist mein Glaube«, sagte er in der gebräuchlichen Ausdrucks-
weise seines Volkes, »daß du Augen wie eine große Katze hast.«
Sanders sah nach seinen Verletzungen und ließ ihn und seine be-
dauernswerten Genossen in einer trockenen Hütte zurück. Dann
suchte er Bosambo auf und fand ihn geduldig zehn Meilen flußauf-
wärts. Der Ochorihäuptling saß vor einem steilen felsigen Hügel,
der mit Unterholz bewachsen war. Auf der Spitze des Felsens be-
fand sich der Häuptling von Milanti, und in seiner Begleitung waren
diejenigen seiner Krieger, die sich in diesem Augenblicke noch
nicht in einer besseren Welt befanden.
»Herr«, sagte Bosambo, »die Sache trug sich folgendermaßen
zu: Dieser Hund griff meine Flußdörfer an, tötete meine Leute
und schleppte meine Weiber in die Sklaverei. Darum kam ich hier
herunter und wider ihn, denn es steht geschrieben in der Sure des
Djinn, daß kein Mensch leben soll, um über ihm selbst widerfahre-
nes Böses zu lachen.«
»Ein Palaver wird alles aufklären!« sagte Sanders kurz und er-
suchte den mutlos gewordenen Häuptling Ofesi, herunterzukom-
men und seine Speere auf einen Haufen zu legen. Da es nicht in
der Natur des Schwarzen liegt, die Wahrheit zu sagen, wenn sein
Fell in Gefahr ist, so versteht es sich ohne weiteres, daß beide Par-
teien fürchterlich logen. Sanders ging der Sache auf den Grund und
wußte, welche Seite am wenigsten log.
»Ofesi«, sagte er am Ende eines mühsamen Verhörs, »was hast
du vorzubringen, damit ich dich nicht hängen soll?«
Ofesi, ein kleiner, untersetzter Mann mit einem schwachen
Bartanflug, suchte fieberhaft nach einem Einfall.
»Herr«, sagte er nach einer Weile, »das weißt du doch, daß ich
mein Lebtag ein guter Mensch gewesen bin, und in meinen Sternen
steht geschrieben, daß ich ein Mann von einer hohen Bestimmung
bin und daß ich nicht durch Grausamkeit sterben soll.«
»Der Mensch ist ewig, solange er lebt«, zitierte Sanders, »den-
noch stirbt er früher oder später.«
Ofesi wandte sich nach Bosambo um und starrte diesen an, und
Bosambo machte sich hier einer Unbedachtsamkeit schuldig - der
größten Unbedachtsamkeit seines Lebens vielleicht. Erfüllt von
Frohlocken und von dem Gefühl der Stärke des Gerechten, das
den, der sich vor Gericht als unschuldig erwiesen hat, überkommt,
sagte er in Gegenwart seines Herrn auf englisch, während er seinen
Kopf mißbilligend schüttelte: »O du verdammter unartiger Teufel!«
Im Inneren hatte Sanders den Mann bereits zum Tode ver-
dammt, hatte im Geiste bereits den Baum ausgesucht, an dem der
plündernde Häuptling baumeln sollte, als Bosambo sprach.
Sanders besaß nach einer Richtung hin eine ungemein hohe
Wertschätzung von der Unantastbarkeit des Lebens. Er hatte
manchen mit anscheinender Gleichgültigkeit aufgehängt. Aber es
mußte eine gewisse Schicklichkeit, eine gewisse feierliche Form
von Anstand und Würde dabei gewahrt bleiben, wenn sich sein
empfindlicher Gerechtigkeitssinn nicht vergewaltigt fühlen sollte.
Bosambos unverlangt hervorgestoßene, wunderliche, ja gänzlich
lächerliche Worte retteten Ofesis, des Häuptlings, Leben.
Einen Augenblick lang zuckten Sanders' Lippen unbewußt,
dann wandte er sich mit einer Grimasse gegen den fassungslosen
Ochorihäuptling.
»Mach, daß du nach deinem Land zurückkommst, du Affen-
kerl!« fuhr er ihn an. Und, zu den anderen gewendet: »Dieser
Mann hat sich gegen das Land versündigt. Dennoch soll er am Leben
bleiben, denn er hat es aus Dummheit getan. Ich kenne einen noch
Dümmeren.«
Sanders schickte Ofesi in sein Dorf zurück, wo er das wieder
aufbauen sollte, was er in seiner Torheit zerstört hatte.
»Denke dran, Ofesi«, mahnte Sanders, »ich habe dir dein Leben
geschenkt, obwohl du den Tod verdienst. Und ich tue das nur, weil
mir plötzlich der Gedanke gekommen ist, daß ihr, du sowie Bo-
sambo, eigentlich weiter nichts als große Kinder seid. Zeitig im
Frühling werde ich zurückkommen, und wenn du's verdient hast,
wirst du mit deiner Freiheit belohnt werden, wenn du aber
schlecht gehandelt hast, dann gehst du in die Stadt der Ketten oder
an einen noch schlimmeren Platz.«
Als Sanders nach seinem Standort zurückgekehrt war, erzählte
er einem mitfühlenden Hauptmann der Haussas die Geschichte.
»Es war natürlich wahnsinnig schwächlich von mir«, gestand er,
»aber als dieser Esel Bosambo anfing, sein höllisches Englisch run-
terzurasseln, hätte ich keinen Spatzen hängen können.«
»Sie hätten den Ofesi hierherbringen sollen«, antwortete der
Hauptmann nachdenklich, »er genießt einen außergewöhnlich
üblen Ruf.«
Sanders saß auf dem Tischrand, beide Hände in die Taschen seiner
Breeches vergraben.
»Daran habe ich auch gedacht, und das hat mich auch beeinflußt.
Sehen Sie, ich fürchtete gerade, ich könnte mich durch das Gerücht
von der Vorherbestimmung dieses Kerls nach der falschen Seite
hin beeinflussen lassen. Und das gerade hat mich etwas - boshaft
gemacht.«
Der Haussahauptmann schnappte sein Zigarettenetui zu; er sah
sehr nachdenklich aus. »Ich werde eine weitere Kompanie vom
Government hierher beordern«, meinte er.
»Dann bestellen Sie nur gleich eine Maschinengewehr-Abtei-
lung mit«, sagte Sanders, »ich spür's in meinen Knochen, es gibt
was.«
Eine Woche später sah der Oberlauf des Flusses viele fremde
Gesichter. Vereinzelte Fischer tauchten irgendwoher auf, um ihrem
friedlichen Gewerbe in fremden Gewässern nachzugehen. Sie
bauten ihre Hütten an einsamen Stellen des Waldes, und man hätte
einen weiten Strich des Ufers auf- und abgehen können, ohne ge-
wahr zu werden, daß sie da im dicken Gebüsch weiter zurück be-
scheiden Hütten verbargen.
Sie gingen auch nachts an ihre Arbeit mit Fischspeer und Feuer
im Kanu, befuhren den Fluß kreuz und quer oder bewegten sich
lautlos im Schatten der Uferbank oder näherten sich Dörfern und
Städten mit auffallender Umsicht.
Sonderbare Fischer in der Tat, die hier mit Tauben fischten! In
jedem Kanu schlummerten diese Vögel in einem Bauer aus ge-
flochtenem Bambus, mit kleinen roten Papierstreifchen um die
Beine, auf denen selbst ein ungelehrter Kundschafter ein rohes,
aber bedeutungsvolles Zeichen mit einem unverlöschbaren Tin-
tenstift hätte machen können.
Sanders setzte sich darin keinen Zufälligkeiten aus. Er ließ Ah-
med Ali, den obersten seiner geheimen Kundschafter, zu sich
kommen.
»Geh nach dem Akasavaland! Dort wirst du Ofesi, den Häuptling
des Dorfes Milanti, finden. Beobachte ihn! Er ist ein Bösewicht.
An dem Tage, an dem er wider mich und meine Leute aufsteht,
mußt du dir klarwerden, ob ich mit meinen Soldaten noch
zurechtkomme. Ist Zeit genug, schick nach mir! Aber wenn Ofesi
zu schnell vorgeht, erschieße ihn, und kein Tadel wird auf dich fallen.
Geh mit Gott!«
»Herr«, antwortete Ahmed, »Ofesi ist bereits in der Hölle.«
Wenn alle Berichte zutrafen, und jeder wurde beachtet, gab Ofesi,
der Häuptling, der zu Besonderem vorherbestimmt war, keinen
Anlaß zur Klage. Er baute sein Dorf wieder auf, indem er diesmal
den Baugrund dafür höher wählte, und machte danach unerwartet
einen langen Jagdausflug, der ihn bis zur Grenze des Akasavalan-
des brachte. Er plante einen Besuch bei Bosambo, um diesen seiner
Zuneigung und Freundschaft zu versichern.
Er schickte sogar flinke Eilboten zu Sanders, um seine Erlaubnis
für diesen förmlichen Besuch zu erbitten, obwohl eine Erlaubnis
dafür gänzlich überflüssig war. Sanders gewährte diese Erlaubnis,
nachdem er zuvor seine eigenen Boten an Bosambo geschickt
hatte.
Ofesi begab sich also eines schönen Junimorgens auf diesen Zug.
Seine zweiundzwanzig Kanus waren rot bemalt, und sogar die
Paddel waren neu gebrannt und mit phantastischen und schmei-
chelhaften Mustern geschmückt. So kam er zu den Ochori und
wurde von Bosambo, einem unentwegten Zweifler, aber äußerlich
angenehmen Menschen, empfangen.
»Ich sehe dich«, sagte Ofesi, »ich sehe dich, Lord Bosambo, und
auch dein tapferes und schönes Volk. Aber ich komme in friedlicher
Absicht, und es betrübt mich, daß du mich mit so vielen Be-
waffneten empfängst.«
Denn das Flußufer starrte tatsächlich von einem stählernen
Willkommen, und drei Regimenter Ochorikrieger, prächtig ge-
kleidet, waren in einem offenen Viereck aufmarschiert; die letzte
Seite des Vierecks bildete der Fluß.
»Lord Ofesi«, sagte Bosambo sanft, »das ist die Art, wie der
Weiße jemand Ehre erweist, und, wie du weißt, habe ich viel weißes
Blut in meinen Adern, da ich mit dem englischen Premierminister
verwandt bin.«
Bosambos Blick überflog dabei die zweiundzwanzig Kanus mit
ihrer Besatzung von zwanzig Paddlern, und er bemerkte befrie-
digt, daß jeder dieser Paddler seine Schlachtspeere bei sich hatte,
als ob sich das von selbst verstehe.
Daß Ofesi irgend etwas Unheilvolles gegen die Ochorifeste im
Schilde führte, kann als unwahrscheinlich gelten. Er war nicht aus
dem Guß, aus dem man Helden macht, und verabscheute unnötige
Gefahr, denn man muß dem Schicksal selbst auch etwas unter die
Arme greifen.
Er hatte seine Speere mehr zum Prahlen als zum ernsten Ge-
brauch mitgebracht. Wohl oder übel mußte er sie nun auf einen
Haufen zusammenlegen - ein unangenehmes Verfahren, das ihn an
ein anderes Waffenniederlegen unter dem kalt beobachtenden
Auge Sanders' erinnerte.
Man kann also sehr wohl behaupten, daß das »Rapprochement«
zwischen den Ochori und dem Akasavahäuptling ungünstig be-
gann. Bosambo übernahm die Führung zu dem Unterkunftshause
für seine Gäste, das, wie es die Sitte erheischt, neu gedeckt war.
Ofesi zu Ehren gab es ein großes Fest und einen Tanz junger
Mädchen; jedes Dorf mußte dazu seine beste Tänzerin abgeben.
Am nächsten Tage fand ein Palaver statt, unter Opferung von
Huhn und Haustier. Blutsbrüderschaft wurde im Handumdrehen
geschlossen. Bosambo und Ofesi umarmten einander vor versam-
meltem Volke und aßen Salz aus derselben Schüssel.
»Nun werde ich dich alle meine Angelegenheiten wissen lassen,
Bruder«, sagte Ofesi in dieser Nacht, »morgen kehre ich mit meinem
Volke zurück, begleitet von deinen guten Wünschen, und ich werde
Tag und Nacht von dir sprechen, weil du ein edles Herz hast.«
»Auch ich werde keine Ruhe haben«, antwortete Bosambo, »bis
ich durch das ganze Land gezogen bin und überall von meinem be-
wundernswerten Bruder Ofesi gesprochen habe.«
Mit einem Wort entließ Ofesi seine Ratgeber; Bosambo nahm
die Einladung an und sandte seine Ältesten ebenfalls weg.
»Nun werde ich dir was anvertrauen«, sagte Ofesi.
Und was er sagte, diese Flut von Eigenlob, von Versprechungen,
von versteckten Drohungen, veranlagte Bosambo noch lange Zeit
nachher zum Nachdenken.
»Dennoch«, schloß Ofesi seine Rede, »obwohl alle Dinge dazu
beigetragen haben, mich zu dem zu machen, was ich bin, habe ich
doch noch vieles zu lernen, und von keinem kann ich so viel lernen
wie von dir, mein Bruder!«
»Das ist sehr richtig«, antwortete Bosambo - und er meinte es
so.
»Nun«, sagte Ofesi am Schluß seines Redeschwalls, »liegt der
König der Akasava im Sterben, und alle Männer sind sich einig,
daß ich an seiner Statt König sein soll, deshalb möchte ich alle Ge-
heimnisse des Königsberufs bis aufs Tüpfelchen kennenlernen.
Weil ich aber nicht bei dir bleiben kann, bitte ich dich, Lord Bo-
sambo, meinem Obmann Tolinobo Aufenthalt bei dir zu gewähren,
damit er ein Jahr lang im Schatten deiner Weisheit sitzen und mir
die vielen schönen Dinge wiedersagen kann, die du sprichst.«
Bosambo betrachtete gedankenvoll Tolinobo, den Obmann, einen
listigen Fischer, der zu dieser Würde befördert war, und der, nach
Bosambos Urteil, nicht ganz zurechnungsfähig war.
»Er soll bei mir bleiben«, sagte Bosambo schließlich, »und soll
wie mein eigener Sohn behandelt werden; er soll in einer Hütte neben
meiner eigenen schlafen, und ich werde ihn behandeln wie
meinen eigenen Bruder.«
Ein vorübergehender Schimmer der Genugtuung blitzte in Of e-sis
Auge auf, als er sich erhob, um seinen Blutsbruder zu umarmen, aber
damals wußte er noch nicht, wie Bosambo seinen eigenen Bruder
behandelte.
Der Akasavahäuptling und seine zweiundzwanzig Kanus pad-
delten bei Tagesanbruch heimwärts, und Bosambo sah sie abfahren.
Als sie weg waren, wandte er sich an seinen Obmann. »Sage mir,
Solonkinini«, fragte er, »was haben wir mit diesem Tolinobo ge-
macht, der bei uns bleibt?«
»Herr, wir haben ihm heute morgen eine Hütte im Schatten deiner
Lordschaft gebaut.«
Bosambo nickte.
»Zunächst«, befahl er, »nehme ihn mit euch zu dem geheimen
Ort am Krokodilsteich und fesselt ihn an die Erde. Ich komme sofort
hin, wir wollen einige Fragen an ihn richten.«
»Herr, er wird nicht antworten«, antwortete der Obmann, »ich
selbst habe schon mit ihm gesprochen.«
»Mir wird er schon antworten«, sagte Bosambo anzüglich.
»Macht ein Feuer und macht eure Speere nur ordentlich heiß, denn
ich glaube, dieser Tolinobo weiß gewisse Dinge, die er froh sein
wird, uns mitteilen zu können.«
Bosambos Vorhersage wurde durch die Tatsachen gerechtfertigt.
Ofesi war noch nicht halb zu Hause, glücklich über seinen ver-
meintlichen Erfolg, als ein jammernder Tolinobo, den man
schändlicherweise auf den Boden gepflockt hatte, mit einem be-
klagenswerten Mangel an Zurückhaltung über die intimsten Dinge
sprach; veranlaßt wurde er hierzu durch eine glühendrote Speer-
spitze, die Bosambo ihm viel zu nahe an sein Gesicht hielt, als daß
sich Tolinobo dabei hätte wohl fühlen können.
Zu derselben Zeit kamen Jim Greel, ein amerikanischer Abenteurer,
und Francis E. Coulson, ein Weltbürger, an. Sie gerieten etwas gegen
ihren Willen in Sanders' Gebiet, denn sie wollten über den
Französischen Fluß, der den Norden des N'Gombilandes um-
säumte, nach Deutsch-Westafrika. Zu gewöhnlichen Zeiten gab es
da eine kleine Wasserader, die den Großen Fluß mit dem Franzö-
sischen Fluß verband. Nach einem witzig veranlagten Regierungs-
vermesser war dieses Gewässer schiffbar für Luftballons und Pa-
pierschiffchen, ausgenommen einmal in zehn Jahren, wenn ein
milder Frühling in den tausend Meilen entfernten Bergen zeitlich
zusammenfiel mit schweren Regenfällen an der Isisi-Wasser-
scheide. In diesem Ausnahmefall erlangte das winzige Rinnsal von
Binsen erstickten Wassers das würdige Aussehen eines Flusses. Es
war persönliches Pech, daß Jim und Coulson eine so außerge-
wöhnliche Jahreszeit erwischten.
Die beiden Abenteurer folgten dem Lauf dieses Gewässers, das
für gewöhnlich nicht auf der Karte verzeichnet war, indem sie sich
an das linke Ufer hielten und nur des Nachts fuhren; sie befanden
sich daher buchstäblich »auf hoher See«.
Zwei lange Nächte arbeiteten sie sich mit ihrem gebrechlichen
kleinen Dampfer, dem »Grashopper«, durch vollkommen uner-
forschtes Land und wußten nicht einmal, daß es unerforschtes
Land war. Sie vermieden es, die Aufmerksamkeit der Dörfer, an
denen sie vorbeikamen, auf sich zu lenken, indem sie allen Dampf
abließen und alle Lichter abblendeten, bis sie außer Sicht und Hör-
weite waren.
Endlich erreichte ihr Unternehmen ein Stadium, in dem jede
weitere Geheimhaltung mit persönlicher Gefahr für sie selbst ver-
bunden gewesen wäre. Deshalb sahen sie sich in der finsteren
Nacht nach Beistand um.
»Sieht aus wie'n Dorf da drüben, Jim!« sagte Coulson, und der
am Steuer nickte.
»Das Wasser ist hier seicht«, bemerkte er verdrießlich, »und der
Vorderraum steht in einer Linie mit der Wasseroberfläche.«
»Leckt sie?«
»Das gerade nicht«, sagte Jim vorsichtig; »aber der Vorderteil
dieses Zubers hat keinen Boden mehr.«
Coulson fluchte leise auf die afrikanische Nacht. Dieser dunkle
Samtschleier war sehr plötzlich über sie gekommen, und es handelte
sich hier um die Frage: Bleiben oder Weiterfahren? Jim entschied
sich fürs Weiterfahren.
Sie waren auf einen unter Wasser befindlichen Baumstamm auf-
gelaufen, und dieser hatte den Boden des winzigen Abteils wegge-
rissen, das großsprecherisch die Bezeichnung »Raum Nr. i«
führte. Das Schott von Nr. 1 und Nr. 2 war aus dünnstem Stahl-
blech und leckte wahrnehmbar. Coulson wußte das nicht, aber
Jim.
Nun wandte er den Schnabel des vorsintflutlichen Dampfers
nach dem dunklen Lande zu, und die beiden Paddelräder machten
einen letzten ersterbenden Versuch, sich zu drehen.
Irgendwo am Ufer rief sie eine Stimme in der Akasavasprache
an. Sie sahen die Dorffeuer, und schwarze Schatten zogen an ihnen
vorüber; sie hörten Weiber lachen. Jim wandte seinen Kopf und
gab einem seiner nackten Mannschaft einen Befehl. Der Mann
sprang mit einer dünnen Hanf leine über Bord. Dann stieß der auf-
gerissene Kiel des kleinen Fahrzeugs auf Sand. Jim zündete sich
seine Pfeife an der Laterne an, die in der Deckkabine hinter ihm
brannte, wischte sich die schweißtriefende Stirn mit seinem Hand-
rücken ab und sprach hastig in der Akasavasprache zu der kleinen
Anzahl Leute, die sich am Ufer versammelt hatte. Er sprach auto-
matenhaft, warnte all und jeden um der Sicherheit seiner unsterbli-
chen Seele willen, seine Vertäuleine nicht entschlüpfen zu lassen,
drohte ihnen, daß, wenn er auch nur soviel wie einen Deckbolzen
verlöre, er den Häuptling bei lebendigem Leibe schinden würde,
und schloß damit, daß er seine beifallsfreudige Zuhörerschaft
M'shimba M'shamba, dem Obersten aller Teufel, und Bimbi,
O'kili und solchen Lokalgötzen empfahl, deren Namen ihm ge-
rade auf die Zunge kamen.
»Das hat mir den Rest gegeben«, sagte er und watete durch das
seichte Wasser an Land wie einer, den die großen Tragödien des
Daseins zu sehr überwältigt haben, um sich noch viel darum zu
kümmern, ob er naß oder trocken sei.
Er schritt die Uferböschung hinauf und wurde von einer her-
umstreifenden Schar Dörfler zur Häuptlingshütte gebracht. Dort
stellte er Nachforschungen an und kam mit unangenehmen Nach-
richten zum Fahrzeug zurück.
Coulson hatte den Bug auf den Sand gezogen, und bei einem
Reisigfeuer, das die Dörfler am Flußufer angezündet hatten, war
der Schaden deutlich zu sehen.
Der schwache Schiffsrumpf war gerissen wie Packpapier, und
ein starker Zweig Hartholz ragte noch aus dem Loch hervor.
»Wir befinden uns in Sanders" Bezirk, wenn's dir nichts aus-
macht«, sagte Jim düster, »und wir sind etwa achtzig Meilen vom
Wege abgekommen.«
Coulson, der an der Seite des Bootes kniete, hatte eine kurze,
schwarzgerauchte Bruyerepfeife zwischen seinen regelmäßigen
weißen Zähnen und blickte mit einem Grinsen auf.
»Sandi fangen uns, er machen uns höllisch heiß«, äffte er. »Erin-
nern Sie sich des Halunken, der die Angolaweiber für Bannister
Fish an den alten Häuptling verhandelte?«
Jim schwieg, nahm eine Rolle Kautabak aus seiner Tasche, biß
ein gehöriges Stück davon ab und primte mit philosophischer
Ruhe.
»In diesem Postdampfer gibt's keine Sklavenjägerausrüstung«,
sagte er schließlich. »Ich glaube sogar, der alte Fish selber - mag
der Teufel ihn für ein Knochengericht zermahlen - würde sich
nicht in diesem Lande hier rumtreiben.«
Zwischen den liebenswürdigen Abenteurern und Mr. Bannister
Fish bestand keine besondere Zuneigung. Und was diesen Gentleman
selbst anlangte, so saß er in geheimnisvoller Unterredung mit Ofesi
keine fünfzig englische Meilen von dem Platz, an dem der
»Grashopper« lag und wäre außerordentlich froh gewesen, wenn er
gewußt hätte, daß dessen Eigentümer dort waren, wo sie waren.
»Fish hält sich von diesen Gebieten immer fern«, sagte Jim,
»aber davon haben wir nichts, da wir eben nicht Fish sind. Ich
meine, wenn Sandi seine Nase hier herum reinsteckt, um auf Li-
zenzen für Händler Jagd zu machen... Jedenfalls möchte ich
nicht, daß irgend jemand unsere Ladung durchschnüffelt.«
Coulson nickte, während er einen schweren Hammer auf die
beschädigte Platte niedersausen ließ.
»Ich denke, der wird's schon wissen«, fuhr Jim fort. »Man kann
diesen alten Lokolis nicht das Maul zustopfen. Horchen Sie bloß,
wie diese freudige Nachricht sozusagen an die erwartungsvolle
Welt weitergefunkt wird!«
Coulson hielt in seiner Arbeit inne. Klar und schrill kam das
Gerassel der Lokoli, der Sprechtrommel, wie sie ihre Botschaft
verzapfte: »Tom-te, Tom, Tom-te tom, Tom-mitty, tommitty,
tommitty-tom!«
»Da, hören Sie's?« sagte der geschwätzige Jim artig. »Zwei
weiße Männer von verdächtigem Äußeren sind im Dorf angekom-
men. Amtliche Blätter, bitte vervielfältigen!«
Coulson grinste von neuem. Er handhabte seinen Hammer ge-
hörig, und der im Wege stehende Zweig war bereits verschwunden.
»'ne halbe Tonne Zement morgen früh, und 'ne königliche Jacht is
nix dagegen«, sagte er.
Jim schnaubte.
»Es wird viele halbe Tonnen Zement erfordern, um nur eine
halbwegs dichte Röhre daraus zu machen«, antwortete er. Er
stützte seine Hand auf den Rand des Fahrzeuges und schwang sich an
Bord. Hinter dem Deckhaus befanden sich zwei winzige Ka-
binchen in einer Ausdehnung von einer Mannslänge und zwei
Mannsbreiten. In einer dieser Kabinen tauchte er unter und kam
bald darauf mit einem kleinen, abgenutzten, geflickten und be-
schmutzten Handkoffer wieder. Er sprang über den Bug herab auf
den Ufersand, nachdem er das Gepäckstück dem Maschinisten des
kleinen Fahrzeugs hinuntergereicht hatte. Es war so schwer, daß
der Mann es hätte beinahe fallen lassen.
»Was hast du vor?« Coulson wischte den Schweiß mit einem
Taschentuch von seiner Stirn und starrte den anderen erstaunt an.
»Die Beute!« sagte Jim bedeutungsvoll, »wir müssen sie heut
nacht verstecken, wenn nicht was Schlimmeres geschehen soll.«
»O Gott, dieser Mann!« stöhnte Coulson, die Augen flehend
zum Himmel erhoben. »Da stapft er durch die Wildnis, die Klauen
voll Gold und das Herz voll unschuldiger List, während die Augen
des ganzen barbarischen Pöbels auf ihn gerichtet sind!«
Jim stopfte seine Pfeife gemächlich aus einem großen ledernen
Tabaksbeutel, der ihm an der Hüfte hing, ehe er antwortete.
»Coulson«, sagte er zwischen den einzelnen Zügen, »in der
Sprache jenes lächerlichen Vaudevilleartisten, den wir sahen, ehe
wir London verließen, magst du Gehirn in deinem Schädel haben,
aber du hast Karnickelblut in deinen Füßen. Es ist keine Veranlas-
sung zur Furcht vorhanden, bloß vermute ich, daß einer deiner
Landsleute hier herumschnüffeln wird, lange ehe der Bug dieses
stattlichen Fahrzeuges das Wasser wie ein lebendes Wesen teilt.
Und da der Kerl einem Mann die Taschen umzukehren vermag,
ohne daß man nur einmal >Hol dich der Teufel!< sagen darf, bin
ich dafür, daß wir alle Goldgräbereispuren vom Franzosenfluß
entfernen.«
Coulson hatte in seiner Arbeit innegehalten, hockte auf seinen
Absätzen und sah seinen Gefährten fest an. Er war ein siebenund-
zwanzigjähriger junger Mann von gutem Äußeren und ein paar
Jahre jünger als der andere, dessen ledergegerbtes Gesicht lang und
dünn, aber keineswegs unangenehm war.
»Was kann das ausmachen?« fragte Coulson nach einer Weile.
»Er kann doch nur fragen, wo wir den Goldstaub her haben, und
wir brauchen's ihm ja nicht zu sagen; und wenn wir's ihm sagen, es
bleibt uns ja noch genug hier, um bequem bis an unser Lebensende
damit auszukommen.«
Jim lächelte. »Nun, angenommen, er behält einstweilen das
Gold«, fragte er ruhig, »angenommmen, er schickt seine Spione
aus, um zu entdecken, wo der Goldfundplatz am Flusse ist - und
angenommen, er findet heraus, daß er auf französischem Gebiet
liegt und daß ein französischer Ausfuhrschutzzoll drauf liegt...!
Oh, da gibt's hundert Möglichkeiten, und keine ist angenehm
auszudenken.«
Coulson erhob sich ein wenig steif. »Ich denke, Jim, wir riskie-
ren's, ob das Boot sinkt. Gib den Koffer wieder her!«
Jim zögerte. Dann warf er mit einem Schwung den Koffer an
Bord und folgte selbst. Einige Minuten später lag er gekrümmt im
Raum Nr. i, der viel zu klein für ihn war, schwabberte das einge-
drungene Flußwasser aus und sang in hohem Falsett das Liebeslied
eines sagenhaften Beduinen.
Erst nach Mitternacht suchten die beiden Männer ermüdet, mit
schmerzenden Gliedern, aber hoffnungsvoll ihr Lager auf.
»Falls Sanders auftauchen sollte«, rief Jim, als er sein Moskito-
netz herunterzog - das Rufen erwies sich als notwendig, weil er
seinen Gefährten durch eine Scheidewand aus Pappdeckeln, die die
beiden Kabinen trennte, anreden mußte -, »falls Sanders auftau-
chen sollte, dann mußt du lügen, Coulson!«
»Ich hasse das Lügen«, knurrte Coulson vernehmlich, »aber ich
glaube, es wird uns nichts anderes übrigbleiben.«
»Da kannst du wetten«, gähnte der andere und verrichtete sein
Nachtgebet mit Blitzesschnelle.
Der neue Tag brachte den beiden Reisenden Bestürzung. Das
Loch im Rumpf des Bootes war nicht allein verantwortlich für das
Vollaufen des Rumpfes. In seinem Kiel befand sich eine große
Scharte. Die Platte dort war durch irgendwelche unbekannte
zahnartige Hindernisse weggerissen. Coulson sah Jim an, und Jim
erwiderte den verzweifelten Blick.
»Gebt mir 'n Kanu! Und damit nach dem Deutschen Fluß und
von da nach Hause! Das ist der Weg, den ich einschlagen wollte,
und den schlage ich auch ein«, sagte Jim nach einer Weile.
Coulson schüttelte den Kopf. »Flucht!« sagte er kurz. »Du
kannst unsere Anwesenheit in Sanders' Bezirk erklären, aber das
Ausreißen kannst du nicht erklären. Das gib nur auf!«
An diesem ganzen Morgen arbeiteten die beiden Männer in der
heißen Sonne, um den Schaden auszubessern. Glücklicherweise
genügte der Zement, um das Leck am Boden zuzustopfen, und es
blieb noch genug übrig, um eine Mischung aus Zweigen und aus in
der Sonne getrocknetem Sande damit herzustellen, um das andere
Loch zu stopfen. Aber die Tatsache konnte man sich nicht
verhehlen, daß der Schutz, den das gewährte, durchaus unzurei-
chend war. Ein bloßer Zweig, der in einer Sandbank steckte, ge-
nügte, um das dünne »Flechtwerk« zu durchbohren. Soviel sahen
die Männer, als die Ausbesserungen am Ende dieses Tages fertig
waren: Das Loch am Bug konnte nur wirksam dadurch beseitigt
werden, daß man eine Platte entfernte und eine andere an ihrer
Statt anbrachte. »Und das«, meinte Jim, »ist wohl kaum möglich.«
Der Deutsche Fluß lag achtzig Meilen stromaufwärts, und auf
dem angeschwollenen Wasser war noch dazu eine Strömung von
neun Knoten die Stunde zu überwinden. Nahm man eine Durch-
schnittsgeschwindigkeit von neun Knoten die Stunde für den
»Grashopper« an, so ergab das mindestens eine Fahrt von zwanzig
Stunden Dauer.
»Der Fluß ist voll von Treibholz«, sagte Jim wütend, während
sein Auge den reißenden Lauf der schwarzen Wasser überflog.
»Und wir haben keine bessere Gelegenheit, zu versaufen. Es heißt
hier, entweder eine neue Eisenplatte, oder es wird nichts!«
So standen die Dinge: ein zerschlagener »Grashopper«, hoch
und trocken auf dem abschüssigen Ufer des Akasavadorfes, und
zwei furchtlose, aber unglückliche Goldschmuggler, die alle mög-
lichen Wege und Mittel zu ihrer Rettung erörterten, als Verwick-
lungen eintraten, die viel dazu beitrugen, das Leben des Herrn Di-
striktsgouverneurs Sanders unerträglich zu machen.
Da lebte ein Akasavaweib, die Ufambi, das bedeutet »das
schlimme Weib«, hieß. Sie hatte einen Liebhaber - tatsächlich besaß
sie deren viele -, er war ihr Hauptliebhaber, ein Jäger namens Logi.
Er war ein großer, schweigsamer Mann, und seine Zähne waren
zu zwei Spitzen geschärft. Er war breitschultrig, sein Haar war mit
Lehm bekleistert, und er trug einen Mantel aus Affenschwänzen.
Aus diesem Grunde nannte man ihn Logi N'kemi, das heißt »Logi,
der Affe«.
Er besaß eine Hütte weit drinnen im Urwald, drei Tagesreisen
entfernt. Und in diesem Wald gab es mehrere böse Geister. Darum
hatte er wenig Besucher.
Ufambi liebte diesen Mann außerordentlich, und ebenso glü-
hend haßte sie ihren Ehemann, der ein Geschöpf Ofesis war. Auch
scheute er sich nicht, ihr gegenüber den Stock zu gebrauchen.
Eines Tages ärgerte Ufambi ihn, und er schlug sie. Sie flog auf
ihn zu wie eine Wildkatze und biß ihn. Er schüttelte sie ab und
schlug sie nur um so mehr, bis sie aus der Hütte in die Kühle und
Einsamkeit der Wälder lief, denn sie hatte keine Bange vor Teufeln.
Hier fand sie ihr Liebhaber, wie sie geduldig am Rande des Ur-
waldpfades saß, ihre wohlgeformten Arme um ihre Knie ge-
schlungen - ihr Kinn war auf die Brust gesunken - ein wachsames,
beleidigtes, ränkespinnendes Weib. Sie saßen beisammen und
sprachen, und das Weib sagte ihm alles, was nötig war, und Logi,
der Affe, hörte schweigend zu.
»Außerdem«, fuhr sie fort, »hat er unter dem Fußboden der
Hütte Schätze vergraben, die er von Weißen erhalten hat und die
du dir nehmen kannst.«
Sie sagte das in beschwörendem Tone, denn er hatte keine große
Lust bezeugt, sie in ihrem Vorhaben zu unterstützen.
»Trotzdem, wie kann ich deinen Mann töten?« antwortete Logi
vorsichtig. »Und wenn ich ihn totmache und Sandi kommt hierher,
wie fange ich es an, dessen grausamer Rache zu entgehen? Ich
glaube, es wäre besser, wenn du ihm Gift ins Essen tust, denn dann
dächte niemand von mir Übles.«
Sie fühlte sich von seinem offenbaren Egoismus nicht peinlich
berührt. Es war verständlich, daß ein Mann seine Haut in Sicherheit
zu bringen suchte, aber sie hatte nicht die Absicht, den Plan ihres
Liebhabers auszuführen. Sie ging zu ihrem Ehemann zurück und
fand ihn so weit liebenswürdig, daß sie einer weiteren Züchtigung
entging. Überdies erwies er sich jetzt als mitteilsam.
»Weib«, sagte er, »morgen gehe ich auf eine lange Reise wegen
gewisser Dinge, die ich gesehen habe. Und du gehst mit mir. An
einem geheimen Platze habe ich, wie du weißt, mein neues Kanu
verborgen. Wenn es dunkel ist, nimmst du viele Fische und meine
beiden kleinen Hunde und setzt dich in das Kanu und wartest auf
mich!«
»Ich werde alles tun, Herr!« antwortete sie unterwürfig.
Lange blickte er sie an. »Auch«, fuhr er nach einer Weile fort,
»darfst du niemand verraten, daß ich verreise. Denn ich möchte
nicht, daß es Sandi erfährt, obwohl er, auch wenn alles wahr sein
sollte, was Ofesi erzählt, nichts erfahren wird.«
»Ich will alles tun, was du von mir verlangst, mein Herr und Ge-
bieter«, sagte das Weib.
Er stand vom Fußboden der Hütte auf, wo er gehockt hatte, und
ging hinaus.
»Komm!« befahl er gnädig, und sie folgte ihm hinunter zum
Flußufer. Sie gesellten sich der Menge der Dörfler bei, die zwei
Weiße beobachteten, wie sie unter schwierigen Verhältnissen ar-
beiteten.
Dann sah sie, wie ihr Mann sich allmählich von der Gruppe los-
schälte und sich vorsichtig den Weißen näherte. Nun war Bikilari
ein N'Gombimann. Und als Jim sich den Mann näher betrachtete,
fühlte er einen kleinen Kitzel der Genugtuung, als er die seitlichen
Gesichtsmarken sah, die dessen Stammeszugehörigkeit verrieten.
»He, Mann!« rief Jim in der Landessprache, »was bist du, daß du
mir so in der Sonne stehst?«
»Herr, ich bin ein armer Mann«, sagte Bikilari, »und ich bin der
Sklave aller Weißen. Nun verstehe ich mich auf Dinge, die unwis-
sende Männer nicht verstehen können, denn ich kann Eisen durch
Hitze zum Biegen bringen. Ich kann es sogar biegen, wenn es nicht
heiß ist, wie es meine Väter und mein Stamm getan haben von An-
beginn der Welt an.«
Coulson beobachtete den Mann scharf, denn er war kein Freund
der N'Gombi. »Versuch's mit ihm, Jim!« sagte er.
Sie gaben Bikilari einen Hammer und Streifen von Stahl, und
den ganzen Tag über arbeitete er daran, den morschen Bug des
»Grashopper« wieder zu kräftigen.
Am Abend kehrte Bikilari müde und hungrig nach seiner Hütte
zurück, um zu essen. Aber sein Weib hatte ihn zu aufmerksam be-
obachtet, als daß das gut für sein Behagen gewesen wäre, und der
Kochtopf war kalt und leer. Bikilari schlug sie mit einem Stock,
und zwei Stunden lang schluchzte sie und blies abwechselnd auf
die Scheite des Feuers, während ihres Gebieters Fische brodelten
und brutzelten.
Jim hatte einen guten, aber leichten Schlaf. Er wachte schon beim
Schatten einer Gefahr auf. Er witterte sie. Und hier war etwas
Greifbareres als das... ein hundeartiges Kratzen an seiner Tür.
Beim schwachen Licht des Mondes sah er eine Gestalt in dem engen
Gange herumkriechen; an gewissen Formen erkannte er, daß es ein
Weib war und zog lieblose Schlüsse. Dennoch, da sie auf Ge-
heimhaltung bestand, war er geneigt, ihr zu willfahren. Er schob
die Gazenetztür zurück und schaltete eine elektrische Lampe ein -
das war ein sehr kostbarer Besitz, der nur mit der größten Spar-
samkeit und Schonung gebraucht werden durfte. Sie schrak bei
diesem Beweis von Zauberkraft zurück und stammelte eine Bitte.
»Was willst du?« fragte er mit leiser Stimme.
»Herr«, antwortete sie mit verstellter Stimme, »wenn du dein
Leben liebst, bleibe nicht hier!«
Jim brachte sein eigenes Gesicht näher an das des Weibes. »Was
du sagen mußt, sag schnell!«
»Herr«, begann sie von neuem, »mein Ehemann ist Bikilari, der
Schmied. Er ist das Werkzeug Ofesis, und heute nacht schickt
Ofesi seine Mörder aus, damit sie ihr Werk an allen Weißen und
an allen Häuptlingen tun, die wider ihn sind. Und auch an euch,
weil ihr Weiße seid und weil ihr einen Schatz an Bord habt.«
»Warte!« sagte Jim und klopfte an Coulsons Türe. Das war
nicht nötig. Coulson war beim ersten Ton draußen, denn die beiden
flüsterten. Und nun stand er im Türrahmen; das Mondlicht
spiegelte sich in einer kalten blauen Linie auf dem Revolver, den er
in seiner Hand hielt.
»Es mag eine Falle sein, aber sie muß es nicht unbedingt sein«,
sagte er, nachdem sie die Geschichte erzählt hatte, »wir riskieren
das Loch im Bug.«
Jim lief voraus und weckte den schlafenden Maschinisten und
kam zurück, sobald er das erste Knistern des brennenden Holzes
im Feuerloch hörte.
Das Weib wartete immer noch.
»Wie heißt du?« fragte er.
Sie stand mit dem Rücken zu der winzigen Reling, ein leichtes
Ziel für den Mann, der ihr gefolgt war und nun im Schatten des
Schiffskörpers näher kroch. Schon konnte er sie erreichen und be-
rühren. Er zog sein langes Jagdmesser aus der Tasche und prüfte
dessen Spitze.
»Herr«, antwortete das Weib, »ich heiße...«
Damit glitt sie auf das Deck nieder.
Coulson feuerte zweimal auf den fliehenden Bikilari und ver-
fehlte ihn. Logi, ihr Liebhaber, sprang auf ihn vom Flußufer aus,
aber fiel unter einem schnellen Messerstich. Bikilari erreichte un-
behelligt das Gebüsch und stürzte sich in die Finsternis - und in
die Arme Ahmed Aus, eines schnellen, schweigsamen Menschen,
der den mit einem Messer bewaffneten Arm mit einer Hand fest-
hielt und das Genick des Mörders mit der anderen Hand brach,
denn Ahmed Ali war ein berühmter Ringer im Kanolande.
Die Stadt wurde wach; nackte Füße patschten durch die Straße.
Jim und Coulson hielten die Neugierigen im Zaum.
Zwei Stunden lagen sie so, während die kalten Kessel Kraft er-
zeugten. Dann schlugen die Radpaddler verzweifelt nach rück-
wärts, und der »Grashopper« schleppte sich in tiefes Wasser.
Eine Gestalt vom Ufer rief sie auf Suaheli an: »Lord, gehen Sie
südwärts und treffen Sie Sanders! Nordwärts lauert der Tod. Denn
die Isisi haben sich erhoben, und die Akasavadörfer sind in ihren
Kanus. Auch alle Weißen in diesem Land sind tot - ausgenomm-
men Sandi.«
»Wer sind Sie?« brüllte Jim durch das Megaphon, und die Ant-
wort kam schwach herübergeweht, da das Boot nach der Strom-
mitte zu getrieben war.
»Ich bin Ahmed Ali, der Diener Sandis, den Gott erhalten
möge.«
»Komm mit uns!« brüllte Jim.
Die Gestalt am Ufer, die deutlich in ihrem weißen Gewand zu
erkennen war, formte die Hände zu einer Trompete: »Ich muß
noch einen gewissen Ofesi töten, wie mir geheißen wurde. Sag das
Sandi!«
Dann trieb das Boot außer Hörweite.
»Stromauf- oder abwärts?« fragte Jim vom Ruder her. »Unten
treffen wir Sanders, und oben stoßen wir auf den Heiden in seinem
Zorn.«
»Stromaufwärts!« sagte Coulson und ging achteraus, um einen
Nicker zu halten.
In dieser Nacht wurden Iliki, der Häuptling der Isisi, und
I'mini, sein Bruder, erdolcht, als sie beim Mahle saßen. Auch Bo-
somo von den Klein-Isisileuten und B'rama von den N'Gombis,
alles Häuptlinge; Pater O'Leary von der Jesuitenmission auf Mos-
ankuli, sein Laienbruder und der Reverend George Calley von der
Wesleyanischen Mission in Bogori und der Reverend Septimus
Keen und seine Gattin von der Baptistenmission in Michi. Bo-
sambo starb nicht, denn er war unterrichtet. Auch ein gewisser
Obmann Ofesis war unterrichtet - und starb trotzdem.
Ofesi hatte seinen Plan großzügig und geschickt angelegt. Krieg
in schrecklichster Gestalt war über das Land gekommen.
Dennoch zögerte Bosambo nicht, obwohl er sich seiner geringen
Stärke, sowohl was die Zahl als auch den wichtigeren Punkt
der Bewaffnung anbetraf, bewußt war.
Denn etwas Fürchterliches hatte sich ereignet, und Brieftauben
flogen von wohl einem Dutzend Punkten aus nach Süden und trugen
die Nachricht zu Sanders: Zum ersten Male in der Geschichte war
das aufständische Volk der Akasava mit Hinterladern bewaffnet, mit
Hinterladern, die über die Grenze geschmuggelt und in die Hände
der Krieger Ofesis gespielt worden waren.
Bei den Ochori rasselte die Kriegstrommel. Bei Tagesanbruch
führte Bosambo vierzig Kriegskanus flußabwärts, eroberte die erste
Stadt, die Widerstand leistete, und verbrannte sie. Dann ging es
gegen Ofesis Feste, und Bosambo war auf dem halben Wege dahin,
als er auf den winzigen »Grashopper« stieß, der stromauf fuhr.
Zuerst hielt er den »Grashopper« irrtümlich für die »Zaire« und
machte wenig Anstrengung, die friedlichen Absichten seiner vierzig
Kanus zu zeigen, bis eine vorüberpfeifende Büchsenkugel ihm
zeigte, wie gefährlich es ist, Dinge als bekannt vorauszusetzen.
Er paddelte dem Fahrzeug in offensichtlich friedlicher Absicht
allein entgegen, und Jim empfing ihn.
»Hinterlader?« Coulson glaubte nicht daran. »Häuptling, du
bist wahnsinnig!«
»Herr«, antwortete Bosambo ernst, »laß Sandi dir sagen, ob ich
verrückt bin, denn Sandi ist mein Bru - ist mein Herr und Freund«,
verbesserte er sich.
Jim hatte von Bosambo gehört - der Häuptling hatte einen Ruf
an der Küste - und glaubte ihm. Er wandte sich an seinen Gefährten.
»Wenn alles, was Bosambo sagt, wahr ist, wird dieses Land eine
Hölle sein«, sagte er ruhig. »Wir können nichts im Stiche lassen und
auskneifen. Kannst du mit einer Büchse umgehen?« fragte er.
Bosambo warf sich in Positur. »Sah«, erwiderte er in gewöhnli-
chem Englisch, »ich mach'm schießen viel in Cape Coast Castel -
ich schieße zweimal Zentrum raus.«
Coulson überlegte. »Wir wollen das Gold verbergen. Es wäre
lächerlich, wenn wir es bei uns behalten wollten. Bosambo, wir
haben einen großen Schatz bei uns, und diesen wollen wir in deiner
Stadt zurücklassen.«
»Herr«, antwortete Bosambo gelassen, »er soll sein wie mein ei-
gener Schatz.«
»Das möchte ich nun gerade nicht haben«, sagte Coulson.
Die Flottille wartete, während Bosambo mit den beiden
Schmugglern nach Ochoristadt zurückkehrte. Dort wurde der
Schatz in Bosambos Hütte in einem schlau angelegten Versteck
unter dem Fußboden verborgen, und der »Grashopper« lief lustig
mit dem Strom den Abenteuern entgegen, die ihn erwarteten, wel-
cher Art sie auch sein mochten.
Der Mond lag in Streifen von Salbei- und Smaragdgrün - solchem
Grün, wie es nur der Mond, den man durch die Flußnebel sieht,
aufweisen kann. Salbeigrün für den Schatten, glänzendes Sma-
ragdgrün auf dem jungen Grün des Frühlings in allen Schattierungen
von hell zu dunkel und dunkel zu hell, je nachdem die lässige Brise
das Unterholz bewegte. In dem Schimmer des Mondlichtes befand
sich ein einziger glänzender, glühender roter Klecks - das Ende der
Zigarre des Distriktsgouverneurs Sanders.
Er saß in dem tintendunklen Schatten, den das Sonnensegel auf
das Vorderdeck der »Zaire« warf. Seine Füße staken in langen
biegsamen Moskitostiefeln, die ihm bis an die Knie reichten, und
lagen auf der Reling des Fahrzeuges; er war ein Bild von Zufrie-
denheit und heiterer Muße.
Ein müßiger Mensch kann trotzdem unruhig sein. Man hätte das
Knacken des Rohrstuhles vernehmen können, sobald er die leiseste
Bewegung machte. Dennoch war es eine befremdliche Tatsache,
daß kein solcher Laut die angenehme Stille der Nacht unterbrach.
Sanders saß schweigend, bewegungslos. Nur die rote Spitze der
Zigarre glühte in feuriger Helle und stumpfte zu roter Asche ab,
wenn er lautlos an ihr sog.
Ein weicher Filzhut, der über seine Augen heruntergezogen
war, hätte die Richtung seiner Blicke verborgen, selbst wenn das
Sonnensegel entfernt gewesen wäre. Seine leicht verschlungenen
Hände lagen auf einem Knie, und nur die ruhig glimmende Zigarre
deutete an, daß Sandi nicht schlief.
Dennoch war »Sanders vom Strom« entsetzlich wach. Seine
Augen beobachteten das zerzauste Gebüsch am Flußrand,
schweiften von Punkt zu Punkt, suchten jeden nur irgend mögli-
chen Ausweg.
Irgend jemand war in diesen Büschen verborgen; darüber hegte
Sanders keinen Zweifel. Aber warum warteten sie - denn hier han-
delte es sich um »sie« - und warum griffen sie ihn nicht früher an,
wenn sie ihm feindlich gesinnt waren?
Sanders hatte seine Warnungen empfangen. Einige der Tauben
kamen an, ehe er seinen Sitz an der Küste verließ. Plump bekrit-
zelte rote Zettelchen hatten die Hörner durch die Haussabaracken
gellen lassen. Aber die schlimmste Botschaft hatte ihn verfehlt.
Bosambos arabischer Hilferuf war in die Klauen eines aufmerksa-
men Habichts gefallen - der arme beschwingte Bote und alles mit
ihm.
Sanders erhob sich schnell und schweigend. Hinter ihm lag die
offene Tür seiner Kabine; er trat ein, ging in der Dunkelheit an das
Telephon, das sich über dem Kopfende jener Koje befand, und
drückte auf seinen Knopf.
Abiboo, der mit seinem Kopf am Hörer döste, antwortete so-
fort.
»Alle Mann aufwecken!« befahl Sanders im Flüsterton. »Sechs
Büchsen decken den Busch zwischen den beiden dürren Bäumen!«
»Bei meinem Kopf!« flüsterte Abiboo und setzte sich den Tar-
busch fester auf den genannten Teil seiner sterblichen Hülle.
Sanders stand neben der Tür seiner Kabine und wartete, eine
Lee-Enfield-Pirschbüchse im Arm. Da hörte er aus sehr weiter
Ferne einen schwachen Schrei, ein melancholisches, schrilles Wu-
Wuing. Dieser Schrei ließ die Dörfler erzittern, denn ihn pflegten
Gespenster auszustoßen. Aber auch Männer im Geheimdienst
Sanders' und des Governments stießen ihn aus. Und Sanders
nickte mit dem Kopf. Das mußte ein Mann sein, der ihm in aller
Eile eine Botschaft bringen wollte.
Eine lange Pause, dann wieder das Wu-Wuing. Traurig, klagend -
und diesmal näher. Der Mann, der den Schrei ausstieß, näherte
sich im Laufschritt, und die am Flußufer warteten...
»Feuer!« befahl Sanders scharf.
Sechs Büchsen krachten wie ein Donnerschlag. Dann gab es ein
kurzes Flickflack, als die Kugeln durch die Zweige peitschten, und
zwei Angstschreie.
Aus dem Busch stolperte eine dunkle Gestalt, blickte sich be-
troffen und unsicher um, sah die »Zaire« und erhob ihre Hand.
Bang!
Eine Kugel klatschte tückisch an Sanders' Kopf vorbei.
»Hinterlader!« sagte Sanders und schnappte nach Atem. Und als
der Mann am Ufer den Hebel seines Repetiergewehres zurückriß,
erschoß ihn Sanders.
Bang! Bang! kam es, diesmal aus dem Gebüsch, und die Haussas
antworteten. Vierzig Mann feuerten, ohne auf Kommando zu
warten, auf den grünen Fleck, aus dem die Schüsse aufgeblitzt waren.
Vierzig Mann und mehr sprangen ins Wasser und wateten, San-
ders an ihrer Spitze, an Land.
Der Hinterhalt hatte versagt. Sanders fand drei tote Isisi und einen
Leichtverwundeten, der bereit war, sich zu ergeben.
»Mannlichergewehre«, murmelte Sanders und pfiff, als er die
Büchsen prüfte.
»Herr«, sagte der Überlebende der vier, »wir haben getan, was
uns befohlen wurde. Denn es besteht ein Befehl, daß kein Mann
mit Nachrichten zu dir gelangen soll und daß wir dich in einer be-
stimmten Nacht erschießen sollen.«
»Auf wessen Befehl?« fragte Sanders.
»Auf unseres Herrn Ofesi Befehl«, gab der Mann zurück.
»Außerdem geschieht es auch auf Befehl eines weißen Herrn, der
mit seinen Leuten an der Grenze wohnt.«
Sie sprachen noch miteinander, als der Bote, der den Wu-Wu-
ing-Schrei ausgestoßen hatte, im Laufschritt ankam. Er war zu er-
schöpft, um sich durch die Gewehrschüsse warnen zu lassen.
Er war ein müder Mann, bestaubt, fast nackt und trug einen
Speer und einen gespaltenen Stock. Sanders las den Brief, der in
diesem Stock eingeklemmt war. Er war in blumenreichem Ara-
bisch geschrieben und kam von Ahmed Ali.
Sanders las den Brief sehr aufmerksam, dann sprach er: »Was
weißt du hiervon?«
»Herr«, antwortete der müde Mann, flach auf den nackten Boden
ausgestreckt und mühsam nach Atem ringend: »Hier im Lande ist
ein Krieg, wie wir ihn noch niemals gesehen haben. Denn Ofesi
besitzt Hinterlader und hat alle Häuptlinge durch List erschlagen.
Da ist auch ein weißer Mann, den er heimlich im Urwald besucht.«
Sanders ging zur »Zaire« zurück, hundeelend. Alle diese Jahre
über hatte er seine Länder frei von einer Strafexpedition gehalten,
indem er sie langsam der Zivilisation näherbrachte, die das Ideal
jedes Verwaltungsbeamten bildete. Was jetzt vor sich ging, erfor-
derte eine Strafexpedition, die Einführung einer neuen Regie-
rungsform und die Ankunft bewaffneter weißer Truppen gegen
diese seine Kinder.
Wer hatte ihnen diese Hinterlader geliefert? Er konnte sich das
nicht vorstellen. Niemals hatte er auch nur von der Möglichkeit
ihrer Einfuhr geträumt. Seine Untertanen waren zu arm, hatten zu
wenig dafür als Gegenleistung zu bieten.
»Herr«, rief der sich ausruhende Bote, als Sanders zurückkehrte,
»da sind zwei weiße Männer in einem Puck-a-Puck, die sich bei
Akasavastadt aufhalten.«
Sanders schüttelte sein Haupt. Diese Leute waren Gold-
schmuggler, die rein zufällig durch einen angeschwollenen Strom
gekommen waren. (Seine Spione waren sehr tüchtig, wie man
sieht.) Aber um wen immer es sich handelte, das Unheil war ange-
richtet.
»Dampf!« befahl er kurz dem wartenden Abiboo.
»Und dieser Mann hier?« fragte der Haussa, indem er auf den
letzten der Mordgesellen deutete.
Sanders ging zu dem Mann hin.
»Sage mir, wie viele von euch haben hier gewartet, um mich zu
töten?«
»Fünf, Herr«, antwortete der Mann.
»Fünf? Aber ich fand doch nur vier?«
In diesem Augenblick feuerte der fünfte vom Ufer aus.
Der »Grashopper«, der die vierzig Ochorikanus im Schlepptau
hatte, kam um eine Biegung des Großen Flusses und fiel in einen
Hinterhalt.
Die Ochoris waren ein tapferes Volk, aber ungewohnt der de-
moralisierenden Wirkung von Hinterladern, wie schlecht und wie
hastig auch damit gefeuert wurde.
Bosambo schrie vom Heck des kleinen Dampfers aus Befehle an
seine von Panik überwältigte Flotte, aber ohne Erfolg. Seine Leute
machten kehrt und flohen, indem sie auf dem Wege, den sie ge-
kommen waren, um ihr Leben zurückpaddelten.
Jim versuchte im buchstäblichen Sinne eine Wendung und stieß
auf einen unter Wasser befindlichen Baumstumpf. Der unglückliche
»Grashopper« ging, Bug zuerst, langsam unter. In einem letzten
verzweifelten Versuch setzte man ihn unter einem Hagel von
Kugeln auf Land. Vier Leute - Bosambos Führer der Krieger war
der vierte Mann - sprangen an Land und flüchteten, jeden Wider-
stand niederschießend, in den Busch.
Aber sie befanden sich hier mitten in Feindesland - innerhalb
Schußweite von Akasavastadt. Lange ehe sie den Wald durchquert
hatten, rief die Sprechtrommel Verstärkungen gegen sie herbei,
und sie wurden durch rein ziffernmäßige Überzahl an einem Platze
namens Iffsimori, besiegt und kamen in derselben Nacht noch vor
den großen König Ofesi, den vom Schicksal Erwählten.
Vier verwundete und geschlagene Männer, so kamen sie an; mit
Grasstricken gefesselt und aufgehoben für des Königs Vergnügen.
»Oh, Bruder«, grüßte Ofesi Bosambo im Beisein alles Volkes,
»betrachte mich und sage mir, was aus Tobolono, meinem lieben
Obmann, geworden ist?«
Bosambo, dessen Gesicht von trocken gewordenem Blut wie
gestreift war, starrte ihn frech an. »Er ist in der Hölle«, sagte er,
»da er dafür vorherbestimmt war.«
»Auch du wirst in die Hölle kommen, da die Leute sagen, du
seiest Sandis Bruder.«
Bosambo war im Augenblick perplex. »Es ist richtig«, sagte er,
»daß ich Sandis Bruder bin, denn mir scheint jetzt nicht der Au-
genblick zu sein, um einen Mann wie Sandi zu verleugnen. Den-
noch bin ich Sandis Bruder nur, weil alle Menschen Brüder sind,
wie ich als Knabe nach einem gewissen Zauber gelernt habe.«
Ofesi saß vor der Tür seiner Hütte, und man konnte bemerken,
daß ihm kein Mann näher als zwanzig Schritte saß oder stand.
Jim, der sich das herumstehende Volk ansah, bemerkte, daß jeder
zweite Mann eine Büchse trug und über seine nackte Schulter einen
Patronengurt aus Segeltuch. Er beobachtete ferner, wie der König
seinen Kopf von Zeit zu Zeit umwandte und, wie es schien, in das
dunkle Innere der Hütte hineinsprach.
Ofesi richtete seinen Blick auf die gefangenen Weißen. »Oh,
Weiße«, sagte er, »ihr seht mich jetzt als großen Herrn. Größer,
als irgendein weißer Mann jemals gewesen ist, denn alle kleinen
Häuptlinge dieses Landes sind tot, und alles Volk sagt jetzt >Wah,
König!< zu Ofesi.«
»Mag schon sein«, sagte Coulson auf englisch.
»Heute nacht«, fuhr der König fort, »sterbt ihr den Opfertod.
Denn ihr seid die letzten weißen Männer in diesem Lande - da
Sandi tot ist.«
»Ofesi, du lügst!«
Bosambo rief's. Sein Gesicht verzog sich in Wut, seine Stimme
wurde schrill.
»Kein Mensch kann Sandi töten«, schrie er, »denn Sandi allein
steht über dem Tod. Und er wird zu dir kommen und Schrecken
über euch bringen und Schlimmeres als Tod.«
Ofesi machte eine Geste der Verachtung. Er winkte mit der
Hand nach rechts, und wie auf ein Signal ging die Menge zurück.
Bosambo hielt sich straff, er erwartete, die leblose Gestalt seines
Herrn zu sehen. Aber was er sah, war etwas weniger Quälendes:
einen nüchternen Haufen von hölzernen Kisten, sechs Fuß hoch
und acht Fuß breit.
»Munition«, sagte Jim halblaut, »der Satan hat sich ziemlich gut
eingedeckt.«
»Seht her!« rief Ofesi. »Da drin liegt Sanders' Tod. Hört ihr,
Volk?«
Er hielt seine Hand, Schweigen gebietend, hoch.
Bosambo vernahm es - das schwache Gerassel der Lokolis. Von
irgendeinem fernen Orte her brachte es Nachricht: »Sanders tot!«
rollte es dumpf. »Entfernt - Mondschein Puck-a-Puck - Strom
Mitte - Mann am Ufer - Boot an Land. Sandi tot auf dem Grunde -
viele Wunden.«
Er reimte sich die Bruchstücke zusammen. Sandi war vom Ufer
aus erschossen worden, und das Boot hatte seinen Leichnam ge-
landet. Der Ochori hörte die Nachricht und weinte.
»Nun sollt ihr den Tod riechen!« sagte Ofesi.
Er wandte sich plötzlich nach der Tür der Hütte und wechselte
ein Dutzend hastiger Worte mit dem drinnen befindlichen Manne.
Er sprach scharf, in befehlendem Tone.
»Ah, Mister Bannister Fish, du Ehrengast bei dieser denkwürdigen
Gelegenheit, der Ofesi, mit dem du es jetzt zu tun hast, ist nicht
der unterwürfige Ofesi, mit dem du deinen einseitigen Handel in der
Tiefe des Akasavawaldes abschlössest. Kamellastzug und Boot haben
Munition und Hinterlader Stück für Stück zur Vernichtung deines
Feindes herbeigetragen. Ofesi verdankt seine Macht dir, aber wer
Tyrannen schuf, war noch immer der Erbauer seines eigenen
Gefängnisses.«
Mr. Fish empfand sehr lebhaft die ihm drohende Gefahr, zog
zwei langläufige Selbstladepistolen aus seiner Tasche und erwog
im Geiste, welchen Weg er zur Grenze wählen sollte. Er verfluchte
seine eigene Dummheit, daß er nicht seine arabische Leibwache bis
zu den letzten Etappen seiner Reise mitgenommen hatte.
»Ofesi«, murmelte er, »kein Morden, bis ich gegangen bin!«
»Fisi«, erwiderte der andere lauter, »du wirst alles sehen, was ich
dich sehen lassen will.«
Ofesi gab ein Zeichen.
Sie zogen die Weißen so nackt aus, wie sie zur Welt gekommen
waren, und pfählten sie an den Boden, wie man Adler ausspreitet.
Mit dem Kopf an des weißen Mannes Füße legte man Bosambo
und den Führer seiner Krieger.
Als alles fertig war, trat Ofesi vor sie hin und sprach: »Wenn die
Sonne aufgeht, werdet ihr alle tot sein, aber bis dahin bleibt uns
noch die halbe Nacht.«
»Nigger«, sagte Bosambo auf englisch, »dein Mutter sein mal
gewesen altes Waschweib!«
Es war der beleidigendste Ausdruck, den sein Wortschatz auf-
wies, und er hatte sich ihn bis zuletzt aufbewahrt.
Sanders sah den Schein des großen Feuers lange, ehe er die Aka-
sava erreichte. Sein eigener Lokoli schmetterte die Nachricht seines
vorzeitigen Hinscheidens in die Luft - Sanders, mit dem roten Mal,
das die Kugel über seine Wange gezogen hatte, und einem un-
freundlichen Gefühl gegen Ofesi in seinem Herzen. Den ganzen
Weg den Fluß hinauf sandte sein eigener Lokoli die freudlose
Nachricht durch die Nacht. Dörfler hörten's und schauerten -aber
schickten es weiter. Ein halbnackter Mann, der sich durch die
Büsche bei Akasavastadt wand, hörte es und schluchzte sich krank,
denn Ahmed Ali sah in sich selbst einen Mörder. Er, der geschworen
hatte, beim Propheten geschworen hatte, Ofesis Leben ein Ende
zu setzen, hatte damit zu lange gezögert.
In kalter Wut kroch er näher an die Menge heran, die um des
Königs Hütte versammelt war - eine halsreckende, auf Zehenspitzen
stehende Menge bösartiger Wesen, die Männer und Kinder
zugleich waren. Der Augenblick des Marterns nahte heran. Zu
Ofesis Füßen krochen zwei halb blödsinnige Akasavajünglinge,
die einander in vergnügter Aufregung zukicherten und die wie Ra-
sierklingen scharfen Schneiden ihrer Messer an ihren inneren
Handflächen wetzten.
»Hört nun!« rief Ofesi frohlockend. »Ich bin es, der Geweis-
sagte, der Herrscher über alle Menschen von den dunklen Wassern
bis zu den weißen Bergen. So seht ihr mich, ihr alle meines Volkes,
als euren Herrn und als Herrn der Weißen! Die Häute dieser Männer
sollen Trommeln werden, um damit alle anderen Stämme zum
Dienste für die Akasava herbeizurufen. Beginnt, Ginin und
M'quasa!«
Die Jünglinge erhoben sich und betrachteten die schweigenden
Opfer kritisch - Mr. Fish trat aus dem Innern der Hütte in das
Licht des Feuers, eine Pistole in jeder Hand.
»Häuptling«, begann er, »hiermit endet die Geschichte. Laß die
Männer los, oder du stirbst sehr bald!«
Ofesi lachte.
»Zu spät, Lord Fisi!« antwortete er und nickte mit dem Kopf.
Ein Schuß fiel aus der Menge - ein Mann, geübt im Gebrauch
der Waffe, hatte auf das Auftauchen des Gewehrschmugglers ge-
wartet.
Bannister Fish aus Highgate-Hill plumpste vornüber - tot.
»Nun?« sagte Ofesi.
Ahmed Ali kam durch die Menge wie ein Zyklon, aber weit
schneller war die zweipfündige Granate aus dem Hotchkiss-Ge-
schütz. Als Jim hinauf in das vom Mondlicht erleuchtete Him-
melsgewölbe blickte, sah er ein sekundenlanges Aufblitzen, hörte
das »Bang« des Geschützes, das Heulen der Granate, als sie nie-
derging, hörte einen Krach, der lauter als sonstwas war, und wurde
durch die scharfe Kante einer explodierten Patronenkiste bewußtlos
hingestreckt.
»Ofesi«, sagte Sanders, »ich denke, jetzt bist du am Ende!«
»Herr, das denke ich auch«, antwortete Ofesi.
Sanders befahl, daß er zwei Stunden hängen sollte, ehe er ihn ab-
schneiden ließ.
»Mr. Sanders«, sagte Jim, in einem Anzug des Distriktsgouver-
neurs, der ihm nicht allzugut paßte, »wir müßten Ihnen nun erklä-
ren...«
»Ich weiß«, antwortete Sanders lächelnd, »Goldschmuggel!«
Jim nickte.
»Und wo ist Ihr Gold? Auf dem Grund des Flußbettes?«
Es lag ursprünglich in der Absicht des Amerikaners, zu lügen.
Aber er schüttelte den Kopf.
»Der Häuptling Bosambo bewahrt es für mich auf«, bekannte
er.
»Hm!« meinte Sanders, »wissen Sie auch auf die Unze genau,
wieviel es ist?«
Coulson schüttelte den Kopf.
»Wo ist Bosambo?« fragte Sanders seine Ordonnanz.
»Herr, er ist mit zwanzig Paddlern schnell nach seiner Stadt ge-
fahren«, antwortete Abiboo.
Sanders sah Jim etwas merkwürdig an.
»Sie täten besser, ebenfalls schleunigst nach der Stadt zu fahren«,
sagte er trocken. »Bosambo hat seine eigenen Anschauungen über
bewegliches Eigentum.«
»Wir haben um Sie geweint«, sagte Jim, der etwas zur Sentimen-
talität neigte, entrüstet.
»Sie werden um sich selber weinen, wenn Sie nicht eilen«, sagte
der Menschenkenner Sanders.